Bildungsdefizite

«Der Lehrling muss lernen – der Betrieb produzieren»

Markus Neuenschwander: «Vorwürfe, man könne Schulabgänger nicht brauchen, gab es schon immer.»

Markus Neuenschwander: «Vorwürfe, man könne Schulabgänger nicht brauchen, gab es schon immer.»

Pädagogik-Professor Markus Neuenschwander von der Fachhochschule Nordwestschweiz äussert sich zu den Vorwürfen, vielen Lehrlingen fehle es an Grundkentnissen.

Herr Neuenschwander, der Unternehmer und Berufsschulpräsident Markus Möhl klagte in dieser Zeitung, das Bildungssystem habe sich vom Markt wegentwickelt. Volksschulbildung werde zum sinnentleerten Selbstzweck, wenn sie in der Wirtschaft nicht nutzbar sei.

Markus Neuenschwander: Es fragt sich, ob das Bildungs- und das Wirtschaftssystem den gleichen Zweck verfolgen. Natürlich muss die Schule auch auf die Berufswelt vorbereiten. Aber nicht nur. Sie muss aus den Kindern und Jugendlichen Menschen formen, die in der heutigen Welt und Gesellschaft bestehen können. Und sie muss sie so bilden, dass sie an der Gestaltung des Staatswesens verantwortungsvoll mitwirken können. Die Vorwürfe, man könne die Volksschulabgänger nicht «brauchen», sind übrigens nicht neu, es gab sie schon immer.

Aber der Lehrlingsausbildner Möhl sagt, den heutigen Volksschulabgängern fehle es an den «Basics» im
Lesen, Schreiben, Rechnen. Kann man die Leistungen der Jugendlichen mit früher vergleichen? Sind sie wirklich schlechter geworden?

Das zuverlässigste Instrument, um das zu messen, ist die Pisa-Studie. Sie sagt: Die durchschnittlichen Leistungen der Schweizer Jugendlichen im Lesen und Rechnen sind in den letzten 15 Jahren im internationalen Vergleich besser geworden. Schüler wissen heute mehr, aber in anderen Bereichen. Klar ist: Die Anforderungen an die Jugendlichen sind gestiegen. Die Gesellschaft schanzt der Schule immer mehr Aufgaben zu, dies bei gleichbleibender Lektionenzahl. Früher mussten die Schüler gut sein im Kopfrechnen. Heute müssen sie auch verstehen, logisch denken können. Immer wichtiger werden zudem – gerade auch für die berufliche Grundbildung – überfachliche Kompetenzen: die Selbstständigkeit, die Teamfähigkeit, die Konzentrationsfähigkeit.

Auch die Anforderungen in der Lehre und im Beruf sind gestiegen. Kommt die Unzufriedenheit vieler Lehrmeister vielleicht aus einer falschen Erwartung heraus?

Ich vermute es. Der Rentabilitätsdruck in den Firmen ist gestiegen. Lehrlinge sind zuerst eine Belastung, werden erst mit der Zeit zur Entlastung. Sie kosten zu Beginn vor allem Zeit. Lehrlinge können am Anfang noch nicht so viel. Gut sein müssen sie an der Abschlussprüfung. Wer meint, man könne den Lehrling vom ersten Tag an brauchen, überfordert ihn. Der junge Mensch muss lernen, der Betrieb muss produzieren – da bleibt immer eine Differenz.

Sind viele Jugendliche vielleicht in der falschen Lehre?

Nein. Wir haben aus Forschungsprojekten verschiedene Hinweise, dass der Berufswahlprozess in der Regel erfolgreich ist. Das heisst konkret, die meisten Jugendlichen finden einen passenden Beruf. Je mehr der gewählte Beruf zu den Interessen und Fähigkeiten passt, desto eher gelingt die berufliche Sozialisation im ersten Lehrjahr.

Gemäss Pisa ist im Aargau die Zahl derer, die kaum das unterste Leistungsniveau erreichen, überdurchschnittlich gross. Haben wir es bei den angeblich gravierenden Wissenslücken allenfalls mit einem
aargauischen Phänomen zu tun?

Das ist möglich. Ich habe eine vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierte Studie geleitet. Darin ging es um Wirkungen der Selektion zur Leistungsentwicklung beim Übergang in die Sekundarstufe I. Mitgemacht haben die Kantone Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern und Luzern. Insgesamt erbringen die Aargauer Schülerinnen und Schüler im Vergleich mit den ausgewählten Kantonen nicht schlechtere Leistungen. Zwei Dinge aber sind aufgefallen. Einerseits: Im Aargau besuchen im 8. Schuljahr nur rund 25 Prozent den schwächsten Leistungszug. Das ist wenig. Im Kanton Bern zum Beispiel sind es 39 Prozent. Wenn die schwächeren Schüler unter sich bleiben, dann entwickeln sich ihre Leistungen nicht wunschgemäss.

Was ist noch aufgefallen?

Wir haben herausgefunden, dass die Durchlässigkeitsquote, also die Zahl jener, die den Leistungszug nach oben oder nach unten wechseln, im Aargau untypisch ist. Hier wird häufiger das Schulniveau nach oben gewechselt als nach unten. In den Vergleichskantonen sind Niveauwechsel nach unten und nach oben etwa gleich häufig.

Damit wird die Realschule noch mehr zur Restschule ...

Ja – und wir müssen uns auch fragen: Sind die Anforderungen in der Realschule nicht zu tief? Klar ist jedenfalls: Wer aus der aargauischen Realschule in den Lehrlingsmarkt einsteigen will, hat weniger gute Karten als zum Beispiel ein Berner Realschulabsolvent.

Was könnte man dagegen tun?

Ich kann dem Aargau keine Ratschläge erteilen. Vermutlich müsste man den Anteil der Realschüler vergrössern.

Zurück zum Thema «Volksschulbildung und berufliche Grundbildung passen nicht aufeinander». Wie könnte man Abhilfe leisten?

Auf nationaler Ebene sind Bestrebungen der Bildungspolitik festzustellen. Bis vor zehn Jahren lag der Anteil der Schüler, die ihre Ausbildung mit Abschluss auf der Sekundarstufe II beenden, bei 90 Prozent. Die restlichen 10 Prozent ohne Abschluss haben ein höheres Risiko für Jugendarbeitslosigkeit. Die Erziehungsdirektorenkonferenz hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil der Abschlüsse auf 95 Prozent zu steigern. Dies gelingt nur, wenn man die Koordination an den Schnittstellen verbessert, von der Volksschule zur Berufsbildung und von der Berufsbildung zur Arbeitswelt. Der Prozess ist im Gang. Ich nehme Anstrengungen zur Verbesserung dieser Schnittstellen wahr, auch im Kanton Aargau.

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