Arbeitsmarkt

Der lange Weg der Aargauer Fabian, Francis und Stephanie aus der IV

Ein Ziel hat Francis schon erreicht Ab August kocht der 19-Jährige nicht mehr in der Stiftung Lebenshilfe, sondern in der Küche des Restaurants Traube.

Ein Ziel hat Francis schon erreicht Ab August kocht der 19-Jährige nicht mehr in der Stiftung Lebenshilfe, sondern in der Küche des Restaurants Traube.

Wer früh auf Leistungen der IV angewiesen ist, bleibt dies häufig ein Leben lang. Integrationsmassnahmen sollen das ändern. Wie drei junge Aargauer versuchen, sich einen Platz in der Arbeitswelt zu sichern und mit welchen Hürden sie zu kämpfen haben.

Kommt er? Oder schafft er es nicht? Kurz nach 13 Uhr, Stiftung Wendepunkt in Wettingen. Sozialarbeiter Harald Meder kehrt in sein Büro zurück und sagt: «Er ist nicht da.» Er, das ist Fabian (Name geändert), 21 Jahre alt, psychisch krank, Schulabbrecher, Anspruch auf eine Integrationsmassnahme der Invalidenversicherung (IV).

Sein Arbeitsplatz seit drei Wochen: die Werkstatt unter dem Dach. Frauen und Männer verpacken Kabelbinder, Schrauben, Preisschilder. Sie arbeiten ruhig, keiner spricht. Am Tisch beim Fenster mit Blick auf Wald und Limmat, wo Fabian am liebsten arbeitet, steht an diesem Nachmittag ein anderer junger Mann. Fabian wird nicht kommen – wieder nicht, wie schon mehrmals die Woche davor.

Entgegen dem Trend

Belastbarkeitstraining nennt sich die Integrationsmassnahme, die Menschen wie Fabian an das Arbeitsleben heranführen und vor einer langen IV-Karriere bewahren sollen. Zwar hat die Zahl der neu gesprochenen Renten in den letzten zehn Jahren deutlich abgenommen, allerdings lässt sich dieser Trend bei den jungen Frauen und Männer mit psychischen Krankheiten feststellen, im Gegenteil: Bis sich 2014 die Zahl auf relativ hohem Niveau stabilisiert hat, stieg sie Jahr für Jahr an. 9000 Personen zwischen 18 und 24 Jahren sind schweizweit auf eine IV-Rente angewiesen – über die Hälfte davon wegen psychischen Erkrankungen.

Einmal IV, immer IV, das gilt nach wie vor in vielen Fällen. Bei jungen Menschen unter 30 Jahren ist das besonders gravierend. Während andere Gleichaltrige die Karriereleiter hoch klettern, bleiben sie in der Abhängigkeit von IV-Geldern hängen. Dabei verlieren alle: die Betroffenen, die Wirtschaft, die Gesellschaft. Das hat auch der Bund erkannt, so liegt der Fokus der neuen IV-Revision auf den jungen psychisch kranken Erwachsenen.

Immer wieder Rückschritte

Was für die meisten Männer und Frauen in seinem Alter alltäglich ist, ist für Fabian eine alltägliche Herausforderung: Das Haus verlassen, unter Leute gehen, bei der Arbeit erscheinen, die anstehenden Aufgaben erledigen, das ist für ihn an manchen Tagen eine unüberwindbare Hürde. Depression, Angststörung, soziale Phobie – für Menschen mit psychischen Krankheiten ist der Weg in den ersten Arbeitsmarkt besonders lang und beschwerlich.

«Leute mit körperlichen Einschränkungen sind viel einfacher zu integrieren als psychisch Kranke», sagt Franziska Hochstrasser, Spezialistin Arbeitsmarktintegration beim Lernwerk. «Sie machen langsamer Fortschritte und immer mal wieder Rückschritte. Das braucht mehr Zeit.» Dazu kommt: Depressionen, Phobien, Angststörungen sind nach wie vor ein Tabuthemen. «Vielen Leuten fällt es schwer, diese Krankheiten zu verstehen. Die Antriebsschwierigkeiten werden vielfach mit Unlust verwechselt», sagt Hochstrasser. Dabei wäre das Verständnis der Arbeitskollegen zentral – fehlt ein Teammitglied häufig oder kann die Leistung nicht bringen, bekommen das alle anderen im Betrieb zu spüren.

Viele Betroffene verschweigen ihre Krankheit aus Angst vor negativen Reaktionen. Auch Stephanie hielt ihre Angststörungen lange geheim. An guten Tagen erschien sie pünktlich bei ihrer Lehrstelle in einem Gartencenter, erledigte ihre Arbeit zuverlässig, an schlechten Tagen, verhinderten Panikattacken, dass sie es aus dem Haus schaffte. «Mein Herz rast, mir wird schwindlig und ganz heiss hier drin», sagt die 29-Jährige und legt ihre Hand auf die Brust. Warum sie diese Anfälle hat, wissen auch die Ärzte nicht. Die erste Attacke erlitt sie vor fünf Jahren, als sie allein zu Hause war. Seither fällt es ihr schwer, allein zu sein.

Ein Klinikaufenthalt vor Ausbildungsbeginn brachte Besserung, aber nur vorübergehend. Die Absenzen summierten sich schon im ersten Lehrjahr. «Alle dachten, ich mache ständig blau», erinnert sich Stephanie. Irgendwann weihte sie ihren Chef ein. Kurz darauf stand sie vor die versammelten Arbeitskollegen und sprach über ihre Krankheit. Einige zeigten Verständnis, andere nicht. Die Zahl der Absenzen blieb hoch.

Nach eineinhalb Jahren musste sie ihre Lehre schliesslich abbrechen. Es folgten zwei Jahre, in denen sie kaum je das Haus verliess. Das Nähen, ihr Hobby, machte die Zeit erträglicher. Die Erfahrung an der Nähmaschine kommt ihr nun im Lernwerk zugute, wo sie seit April im Textilatelier arbeitet. Monat für Monat wird ihre Arbeitszeit um eine Stunde erhöht, um sie langsam auf eine Ausbildung vorzubereiten. 

Die verschiedenen Massnahmen der IV verfolgen alle das gleiche Ziel: möglichst viele Personen in den ersten Arbeitsmarkt integrieren. Die Bemühungen der letzten Jahre werden in der Statistik sichtbar. Die Zahl der Integrationsmassnahmen bei 18- bis 24-jährigen psychisch Kranken hat sich seit 2008 verzehnfacht, auf jährlich 455. Auch im Aargau zeigen die Bemühungen Wirkung, wie die jüngst veröffentlichten Daten zeigen: Über alle Altersgruppen gesehen waren letztes Jahr 1864 Eingliederungen erfolgreich.

Traumberuf: Koch

Erfolge kann zurzeit auch Francis feiern. Der 19-Jährige – grünes Halstuch, weisse Kochmütze, schwarze Brille – kommt aus der Küche in der Stiftung Lebenshilfe in Reinach und setzt sich neben seinen Jobcoach Christoph Dommen an den Tisch. In diesen Tagen schliesst Francis seine zweijährige praktische Ausbildung ab und bereits jetzt hat er eine Stelle auf sicher – im Küttiger Restaurant Traube. Ein grosser Schritt für den jungen Mann, der wegen einer kognitiven Beeinträchtigung die Sonderschule besucht hat. Während eines Praktikums vermochte er seinen künftigen Chef von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Ein Praktikum, das er selbst organisiert habe, erzählt Francis stolz.

Ab August wird er sich in der Küche der «Traube» um Salate kümmern und ergänzend zur IV-Rente sein eigenes Geld verdienen. Dadurch entfallen seitens Kanton die Kosten für einen geschützten Arbeitsplatz. Kochen sei sein Hobby, Koch sein Traumberuf, sagt Francis und erzählt von seiner Motivation, seinem Ehrgeiz. Jobcoach Dommen – der voll des Lobes ist: «aufgestellt, freundlich, motiviert» – muss ihn hin und wieder ein wenig bremsen. Auch dann, wenn es um sein grosses Ziel geht, das er seit seinem ersten Tag in der Stiftung Lebenshilfe verfolgt: die Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest.

Mit der praktischen Ausbildung nach Insos, einem Abschluss, den der nationale Branchenverband für Menschen mit Behinderung (INSOS) für praktisch begabte Jugendliche geschaffen hat, hat Francis eine erste Hürde genommen, doch Dommen erinnert ihn daran, dass der Weg bis zum Attest noch weit sei. Das sei ihm bewusst, sagt Francis und fügt gleich an, wo er sich noch verbessern will: «Ich muss noch schneller werden.» Kurz darauf verabschiedet er sich wieder, in der Küche wartet viel Arbeit auf ihn; 150 Personen wollen bald ihr Mittagessen auf dem Teller.

Die Lehre als Fernziel

Geduld verlangt die Integration von allen Beteiligten. Schrittweise werden Arbeitszeiten und Anforderungen erhöht. Auch Fabians Belastbarkeit soll in den nächsten Monaten behutsam gesteigert werden. «Er steht ganz am Anfang», sagt Sozialarbeiter Harald Meder. In der Leistungsvereinbarung, die alle Beteiligten unterschrieben haben, sind die Ziele aufgeführt: Zuverlässigkeit, Absprachefähigkeit, Arbeitsmarktfähigkeit. «Basics», nennt das Meder. Aber entscheidend, um den Tritt im Leben zu finden. Psychische Erkrankungen machen sich häufig bereits vor dem Erwachsenenalter bemerkbar; Schul- oder Lehrabbruch verbunden mit dem Wegfall der Tagesstrukturen verschlimmern die Lage noch zusätzlich.

Auch Fabian hat, nachdem er die Schule abbrechen musste, eine längere Phase ohne geregelten Tagesablauf hinter sich. Die einfache Tätigkeit in der Verpackerei soll helfen, seinen Alltag zu ordnen. «Fabian ist unterfordert mit der Arbeit, aber als Einstieg hat er sich das so gewünscht», sagt Meder. Sein Potenzial hält er für gross: «Er ist überdurchschnittlich intelligent.» Das Fernziel lautet: eine Lehrstelle ab Sommer 2017.

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