Beim Linksabbiegen zum Bäcker passiert es. Der Lastwagenfahrer bremst zu spät, kracht ins vordere Auto, das mit voller Wucht in Anita Meiers* Wagen prallt. Diagnose: Schleudertrauma. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, wie tragisch der Auffahrunfall für die damals 43-jährige Mutter zweier Kinder enden wird.

Wenig später trifft bei der Familie ein Brief von der Versicherung des französischen Unfallverursachers ein. Sie bietet 5858.95 Franken.

Die Gegenleistung für die einmalige Zahlung: Verzicht auf sämtliche finanziellen Forderungen. «Eine Blanko-Vollmacht, alle Kosten auf uns abzuschieben», sagt Markus Meier, der Ehemann der Verunfallten. Er unterschreibt nicht, schaltet stattdessen die Rechtsschutzversicherung ein. Ein jahrelanger Kampf gegen den Versicherungskonzern beginnt.

80 bis 90 Prozent der Schleudertrauma-Betroffenen sind nach einigen Monaten wieder schmerzfrei. Anita Meier gehört nicht dazu. «Die Ärzte sagten ihr, sie sei gesund», sagt Markus Meier. Doch die Beschwerden bleiben. In einem kleinen orangen Tagebuch dokumentiert sie, wie sie sich fühlt. Kopfschmerzen, Schwindel, Nackenprobleme. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Anita Meier zum Kugelschreiber greift. Sie lernt, mit den Beschwerden zu leben.

Der Hirnschlag kommt wie aus heiterem Himmel. Über elf Monate sind seit dem Unfall vergangen. Anita Meier ist danach vollständig gelähmt. Sie spürt ihren Körper, aber kann einzig ihre Augenlider bewegen. Sie nimmt die Umwelt wahr, aber kann nicht daran teilnehmen. Locked-in-Syndrom lautet die äusserst seltene Diagnose. Rund um die Uhr ist sie auf Pflege angewiesen. «Juckte ihr der kleine Zeh, musste ihn jemand für sie kratzen», sagt ihr Mann.

Die Pflege ist zeitintensiv – und teuer. Markus Meier nimmt ein Blatt aus einem der inzwischen vier gefüllten Bundesordner, die Kosten hat er in einer Tabelle aufgelistet. Krankenkasse: 1,2 Millionen Franken; IV: 360 000 Franken. Selbstbehalt: 280 000 Franken.

Und: 130 000 Franken bezahlt sein Arbeitgeber für eine Pflegerin, damit er neben der Betreuung seiner Frau arbeiten kann. Meier verdient gut, trotzdem sagt er: «Ich hatte existenzielle Ängste, rechnete aus, wie lange es bis zum Konkurs gehen würde.» Die Versicherung des Unfallverursachers zahlt den Schaden am Auto, Therapien und Arztkosten bis zum Hirnschlag, danach nichts mehr.

Über die Jahre macht Anita Meier kleine Fortschritte, doch ein selbstständiges Leben ist ausgeschlossen. «Ihr grosses Ziel, wieder ohne Hilfe essen zu können, hat sie nie mehr erreicht», sagt Markus Meier. Nach sieben Jahren fehlt ihr die Kraft zum Weiterleben. Sie isst und trinkt nicht mehr, stirbt im Kreis der Familie. Ihr Mann kämpft weiter. Aufgeben, sagt er, sei auch nach ihrem Tod kein Thema gewesen.

Acht Jahre nach dem Unfall ein erster Erfolg für Markus Meier: Mitte Dezember kommt es zum Prozess vor dem Lenzburger Bezirksgericht. Die Frage, die es zu klären gilt: Besteht ein Zusammenhang zwischen Unfall und Hirnschlag? Nein, sagt die Versicherung. Zu viel Zeit sei dazwischen vergangen. Ja, sagen Markus Meier – und der Gutachter Vital Hauser.

Der Neurologe hat selbst einen Schlaganfall erlitten, Monate nach einem Auffahrunfall. Seither beschäftigt er sich noch intensiver mit dem Thema. Hauser forscht, publiziert, tritt als Experte für Versicherungen vor Gericht auf. «Sein Unglück ist unser Glück», sagt Markus Meier.

Weil Hirnschläge als Spätfolge von Unfällen derart selten sind, setzen sich nur sehr wenige Mediziner mit dem Phänomen auseinander. Hauser hat ausgerechnet, dass sich rein statistisch im Aargau pro 100 Jahre ein halber Fall wie jener von Anita Meier ereignet. «Das ist unser Problem: Wir müssen etwas nachweisen, dass extrem selten ist», sagt Markus Meier.

Um Wahrscheinlichkeiten dreht sich der gesamte Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg. Letztlich müssen die Richter darüber urteilen, welche Version plausibler ist.

In seinem Gutachten schreibt Vital Hauser: «Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» bestehe ein Zusammenhang. Die Erklärung: Beim heftigen Aufprall wird die Innenseite der Arterie angerissen und das Gefäss verstopft, Blutgerinnsel bilden sich.

Weil es zwei gleichwertige Arterien gibt, bleibt der Körper dennoch funktionstüchtig. Gefährlich wird es, wenn sich die verletzte Arterie erholt. Rekanalisation heisst das im Medizinerjargon. Beginnt das Blut wieder zu fliessen, können sich Gerinnsel lösen, die direkt ins Gehirn gespült werden. Ein Hirnschlag ist die Folge.

Doch als Vital Hauser dem Lenzburger Gericht seine Sicht der Dinge erklärt, steht bereits fest: Seine Einschätzung wird nur als Parteiaussage gewertet. Denn die Verteidigung lehnt Hauser als Gutachter ab; das Gericht gibt ihr Recht. Hausers Tisch wird von der Mitte des Gerichtssaals nach rechts auf die Seite der Kläger verschoben. Das Urteil wird vertagt. Nun läuft die Suche nach einem neuen Gutachter, den beide Parteien akzeptieren.

Ein Rückschlag zwar für Meier, aber nur ein kleiner. Er habe damit gerechnet, dass sich der Prozess weiter in die Länge ziehe, sagt er gleich nach der Verhandlung. Aufgeben kommt auch jetzt nicht infrage. Hat er Angst vor einer Niederlage? Nein, antwortet er. «Alle sagen, dass wir keine Chance haben. Aber wenn wir gewinnen, ist es ein grosser Erfolg.» Wenn ein Zusammenhang zwischen Unfall und Hirnschlag nachgewiesen werden könne, sei viel erreicht. «Meiner Frau kann ich nicht mehr helfen, aber vielleicht jemand anderem.»

*Namen geändert