Günter Grass
«Der hergereiste Habenichts» entstand im freisinnigen Aargau

Lenzburg und der Aargau, auch der Kanton Solothurn, sind mit Nobelpreisträgern und Repräsentanten der Weltliteratur gesegnet. Auch der Aufstieg des verstorbenen Literaturnobelpreisträgers Günter Grass ist eng mit dem Kanton Aargau verbunden.

Pirmin Meier*
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Günter Grass ist im Alter von 87 Jahren gestorben
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Günter Grass erst noch bei der Lancierung des Buches «Freipass» am 14. März in Leipzig.
Günter Grass am 19. Oktober 2012
Günter Grass und seine Frau Ute Grunert
Günter Grass am 21. Juli 1965 in Berlin

Günter Grass ist im Alter von 87 Jahren gestorben

Lenzburg und der Aargau, auch der Kanton Solothurn, sind mit Nobelpreisträgern und Repräsentanten der Weltliteratur gesegnet. Als am 9. März 1918, einem Samstag, der Lenzburger Frank Wedekind in Zürich starb, kam das Ereignis auf die Titelseite der deutschen Sonntagszeitungen. In Oftringen hat die «Fondation André Gide» ihren Sitz, Trägerin der Weltrechte des Nobelpreisträgers von 1947. Tochter Cathérine Gide, gestorben 2013, lebte und wirkte in Olten.

Das Schloss Brunegg, einst Eigentum von J.R. von Salis, wurde Schauplatz von Thomas Manns Roman «Der Erwählte». Die Stadt Baden und deren schräge Brücke gegenüber Ennetbaden wurde von Hermann Hesse, Nobelpreisträger 1946, dank der Vogel-Erzählung «Die Dohle», literarisch unsterblich gemacht. Nach Recherchen von Pirmin Kramer für das «Badener Tagblatt» fand die Begegnung von Günter Grass, Nobelpreis 1999, mit einem trommelschlagenden Knirps tatsächlich wie vom Autor beschrieben in Lenzburg, nicht etwa in Wettingen an der Nägelistrasse statt. Das Leitmotiv von «Die Blechtrommel», Grass’ bei weitem berühmtestem Roman, hat es zum Titelbild im neusten «Spiegel» gebracht.

Matthias Scheurer, der einstige kindliche Blechtrommler an der Nägelistrasse 5 in Wettingen, ist als Berufsgewerkschafter dem «Trommeln» treu geblieben. Ohne Rücksicht darauf, dass die «Abschaffung des Kapitalismus» Schweizer Arbeitnehmer eher langweilt, bekennt Scheurer auf einer SP-Website: «Die Überwindung des Kapitalismus ist für mich kein intellektuelles Gedankenspiel, sondern Inhalt meines realpolitischen Alltags.» Günter Grass selber misstraute als Kritiker der DDR revolutionären Phrasen. Dafür legte er sich mit Willy Brandt umso mehr für eine reformistische Sozialdemokratie ins Zeug. Davon war auch sein Schwager und zeitweiliger Weggefährte Werner Geissberger (1921–1986) begeistert.

Der einst bekannteste Publizist des Verlagshauses Wanner stand der liberalsozialistischen Partei und als Gründer dem Badener «Team 67» nahe. Der Journalist Peter W. Frey erinnerte sich dieser Tage an eine Grossveranstaltung mit Günter Grass in der Aula der damals noch jungen Kantonsschule Baden zugunsten des Team 67. Weltveränderung durch Landesplanung war angesagt. Grass betätigte sich seit 1965 in der Bundesrepublik als «Trommler» für Willy Brandt und die SPD, wohingegen er dem ehemaligen Kommunisten Herbert Wehner misstraute.

Dieser hielt es nämlich mit der grossen Koalition von SPD und CDU, während für Grass und damals auch für Geissbergers «Badener Tagblatt» die Koalition Brandt-Scheel (1969–1974) die höchste politische Hoffnung war und fast tägliche publizistische Unterstützung wert. Noch in den Achtzigerjahren, als das Waldsterben angesagt war, träumte Grass von einem deutsch-deutschen Vertrag mit Erich Honecker zur Rettung der Umwelt. Damals publizierte Werner Geissberger, Sohn eines Lenzburger Bezirkslehrers, zusammen mit Samuel Mauch den «NAWU-Report», eine frühgrüne Programmschrift mit «Wegen aus der Wohlstandsfalle».

Für den Aufstieg von Günter Grass wurde Lenzburg zum Schicksal. Im Zusammenhang mit seinem Lenzburger Schwiegervater Boris Schwarz («Schwarz-Stahl») nannte sich der spätere Autor von Weltruf in seinem autobiografischen Buch «Vom Häuten der Zwiebel» (2006) im freisinnigen Aargauer Zusammenhang einen «hergereisten Habenichts». Die Behauptung, er habe sich bis zu seinem Durchbruch als Schriftsteller (1959) samt Familie mit 300 Mark monatlich durchbringen müssen, erweist sich bei näherem Hinsehen als ein sozialistisches Märchen. Der wenig erfolgreiche gelernte Bildhauer und Grafiker Grass war in den Fünfzigerjahren so etwas wie ein ewiger Student. Seinen Lebensstil, zu dem das Auto ebenso gehörte wie sommerliche Aufenthalte in einem Tessiner Ferienhaus, verdankte er zunächst einer guten Partie aus dem Aargau. Der Roman «Die Blechtrommel» wurde zwar teilweise in Wettingen ins Reine getippt, meistenteils aber ab 1956 in Paris geschrieben. Hier wohnte Grass mit seiner Lenzburgerin Anna und den Kindern an der Rue d’Italie. In nicht geringem Ausmass wurde die Familie vom kapitalistischen «Eisen-Schwarz» unterhalten, der ihnen dort die Eigentumswohnung finanziert hatte. In Paris liess sich die ehemalige Aarauer Lehrerseminaristin Anna Schwarz in klassischem Tanz ausbilden. Zuvor war sie, gleich nach dem Seminar, als Tanzstudentin, bei der Ausdruckstänzerin Mary Wigman in Berlin in der «Lehre» gewesen.

Laut offizieller Biografie verzog sich der Kunststudent Grass 1952/53 vor allem deswegen von Düsseldorf nach Berlin, weil ihm die Wirtschaftswundermentalität in Westdeutschland zuwider war. Als Motiv für den Aufenthalt in Berlin nicht zu unterschätzen war aber wohl das Zusammensein mit der Tanzstudentin Anna Schwarz. Mit dieser hatte er am Lenzburger Jugendfest 1952, wie heute noch erzählt wird, «tanzet wie n-en Aff», so wie Tanzen gemäss dem Bekenntnis von Grass nebst der Familie die wichtigste Gemeinsamkeit mit der Stahlhändlerstochter gewesen sein soll. Diese war aber auch eine fleissige Leserin und kritische Mitleserin, weswegen «Die Blechtrommel» mit der Widmung «Für Anna Grass» versehen ist. Profil erhält die vierfache Mutter auch im Briefwechsel der beiden Grass mit dem Schriftsteller Uwe Johnson, zu dem die Lenzburgerin massgeblich beitrug. Ab 1978 (Scheidung) ging das Ehepaar Grass getrennte Wege.

Anna Grass-Schwarz stellte 2012 in Lenzburg eigene Werke aus.

Anna Grass-Schwarz stellte 2012 in Lenzburg eigene Werke aus.

Anna Schwarz, die mittlere der drei legendär hübschen Schwarz-Töchter nach Helen Geissberger und Katharina, der Jüngsten, steht im Leben von Günter Grass für so etwas wie den Eintritt in die bürgerliche Gesellschaft. Die Eheschliessung am 20. April 1954 auf dem Zivilstandsamt Lenzburg war für Grass alles andere als ein Datum für den Eintritt in den Himmel, da mit dem Geburtstag des «Führers» identisch. Die Hochzeit erfolgte, bei Einverständnis der Brautleute, klar auf Anordnung des Schwiegervaters. Dieser hatte nämlich in Erfahrung gebracht, dass Grass in Berlin regelmässig bei seiner Tochter übernachte. So etwas widersprach auch den Vorstellungen von Mutter und Grossmutter, über deren «protestantischen Puritanismus» sich der «katholische Heide» Grass in seinem Werk mehrfach auslässt. So wurde also, damit alles seine Ordnung hatte, aargauisch-bürgerlich geheiratet. Die vier Kinder sind «schweizerdeutsch» aufgewachsen. Mit dem Vater aber unterhielten sie sich berlinerisch.

Als Poet hat Günter Grass wiederholt das Tanzmotiv aufgegriffen, zuletzt in dem von ihm deftig illustrierten Gedichtband «Letzte Tänze» (2003). So fein formuliert wie Gottfried Kellers «Tanzlegendchen» sind Grass’ Texte über das Tanzen nicht. Seine Aargauer Bezüge gipfeln 1969 in einer Hommage an die Schweizer Demokratie: «Ich will nicht verschweigen, dass ich einige gehörige Lektionen in Sachen demokratisch-politischer Kleinkram der Schweiz, also ziemlich direkt meiner Frau zu verdanken habe. Der langsame Bürgersinn der Schweizer, der einerseits aussergewöhnliche Leistungen und darum auch aussergewöhnlich gefährliche Politiker zu verhindern versteht und sich andererseits Zeit nimmt, selbst die dringlichste Initiative einem demokratischen Prozess, also oft genug der Ablehnung, zu unterwerfen, diese so widersinnige wie notwendige Prozedur, Reformen auf unblutige Weise zu betreiben, hat mich überzeugt.»

*Pirmin Meier (68) ist Schriftsteller und historischer Autor. Er stammt aus Würenlingen.

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