Im Durchschnitt steigen die Löhne 2019 in der Schweiz um 1 Prozent. Das zeigt eine von der UBS Ende Oktober publizierte Umfrage. Weil gleichzeitig eine Jahresteuerung von 1 Prozent erwartet werde, könne man von einer Stagnation der Reallöhne ausgehen, ist die ernüchternde Erkenntnis. Eine Umfrage der AZ zeigt, dass die schweizweiten Erwartungen auch auf den Kanton Aargau zutreffen. «Ich rechne mit einer durchschnittlichen Lohnerhöhung von rund einem Prozent», bestätigt Peter Lüscher, der Geschäftsleiter der Aargauischen Industrie- und Handelskammer (AIHK). Auch dass im nächsten Jahr die Unterschiede zwischen den durchschnittlichen Lohnerhöhungen der verschiedenen Branchen eher gering sein werden, dürfte auf den Kanton zutreffen.

Über Lohnanpassungen wird in der Privatwirtschaft auf Unternehmensebene entschieden, dabei würden in der Regel insbesondere die Leistung der einzelnen Mitarbeitenden, die wirtschaftliche Situation des jeweiligen Unternehmens und die Entwicklung der Lebenshaltungskosten berücksichtigt, sagt Lüscher. «Daraus resultieren fast immer Lohnerhöhungen, Lohnsenkungen erfolgen dagegen höchstens in Ausnahmefällen oder Notsituationen.»

Medien sind das Schlusslicht

Laut UBS wird erwartet, dass die Löhne für die Angestellten der Pharmaindustrie leicht überdurchschnittlich erhöht werden, für Angestellte der Medienbranche bleibt am wenigsten übrig, dort werden die Löhne unterdurchschnittlich erhöht. Das gilt auch im Aargau: CH Media, das grösste Medienunternehmen im Kanton, sieht keine generelle Lohnerhöhung vor. Im Pharmasektor werden die Lohngespräche mit den Sozialpartnern allerdings erst im Januar geführt.

Die Siegfried Holding AG in Zofingen strebe grundsätzlich individuelle, stellen- und leistungsabhängige Lohnerhöhungen an, wie der Kommunikationsverantwortliche Peter Gehler mitteilt. Neben generellen Trends am Arbeitsmarkt sei für Siegfried in erster Linie die wirtschaftliche Situation des Standortes massgebend. «Eine Lohnerhöhung soll einerseits die Wettbewerbsfähigkeit als Arbeitgeber am Arbeitsmarkt sicherstellen, aber auch die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit berücksichtigen.»

Mehr Lohn für Staatsangestellte

Die Angestellten des Kantons erhalten im nächsten Jahr 1 Prozent mehr Lohn. Das hat der Grosse Rat im Rahmen des Budgets im November so festgelegt und es entspricht der von der UBS erwarteten Lohnerhöhung im öffentlichen Sektor. Gleich sieht es für das Personal der Stadtverwaltung von Baden aus: Für 2019 wird eine gesamte Lohnerhöhung von 1 Prozent der bisherigen Lohnsumme budgetiert.

Etwas besser geht es den Arbeitnehmenden der Stadt Aarau, die Stadt hat eine Erhöhung der Lohnsumme um 1,1 Prozent beschlossen. Zusätzlich zur Erhöhung wurden 0,2 Prozent für strukturelle Anpassungen freigegeben. «Die Stadt prüft regelmässig die Lohnniveaus der verschiedenen Berufskategorien und kann mit diesen 0,2 Prozent auftretende Diskrepanzen zu den Benchmarks ausgleichen», sagt Stadtpräsident Hanspeter Hilfiker. Auch in Aarau werde die zusätzliche Lohnsumme ausschliesslich individuell zugesichert – das heisst, nicht jeder kommt in den Genuss einer Erhöhung.

Detailhandel plus 1 Prozent

So ergeht es auch Angestellten der Detailhändler Migros und Coop. Beide gewähren 1 Prozent der Lohnsumme für individuelle Lohnerhöhungen. Coop bezahlt ab dem 1. Januar jährlich zusätzliche 20 Millionen Franken in die Pensionskasse ein. Die Migros Aare wird 0,8 Prozent der zusätzlichen Gelder «individuell und gemäss Leistung» verteilen, die restlichen 0,2 Prozent werden für Anpassungen bei Mitarbeitenden zwischen 20 und 25 Jahren verwendet, wie Mediensprecherin Andrea Bauer sagt.

Die Geschäftsleitung der Migros Aare und die Personalkommission haben die Lohnrunde vereinbart, so Bauer. Die Bandbreite der Lohnerhöhung sei zwischen dem Migros-Genossenschafts-Bund und den Sozialpartnern auf 0,5 bis 1 Prozent festgelegt worden. Die UBS hat für den Detailhandel eine Erhöhung von 1 Prozent erwartet.

Banken erhöhen individuell

Auch bei den von der AZ befragten Banken entsprechen die Lohnerhöhungen knapp dem von der UBS erwarteten Betrag von 1 Prozent. Eine Lohnsummenerhöhung von 0,95 Prozent sei vorgesehen, wie Daniel Lüscher, der Vorsitzende der Bankleitung der Raiffeisenbank Aarau-Lenzburg, sagt. «Im Speziellen achten wir darauf, die Lohnsummenerhöhung vorab für die jungen Nachwuchskräfte einzusetzen», sagt Lüscher.

Innerhalb der einzelnen Lohnbänder für die einzelnen Funktionsstufen würden die Qualifikation, die Erfahrung und die Verantwortung für die einzelne Stelle berücksichtigt. Erhöhungen erfolgten aber individuell. Ob und um wie viel die Lohnsumme jeweils erhöht werde, hänge von den Resultaten der Verhandlungen mit dem Arbeiterverband ab sowie von den individuell erbrachten Leistungen der Mitarbeiter. Und nicht zuletzt vom Erfolg der Bank. Auch die Aargauische Kantonalbank (AKB) erhöht die Löhne 2019 um 1 Prozent. Laut Medienstelle würden die Anpassungen sowohl generell als auch individuell vorgenommen.

Neuer Vertrag beim Bau

Noch nicht ganz in trockenen Tüchern sind die Lohnerhöhungen in der Baubranche. Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) und die Gewerkschaften Unia und Syna haben sich am 3. Dezember auf einen neuen Landesmantelvertrag für das Bauhauptgewerbe, die Sicherung der Rente mit 60 sowie Lohnerhöhungen für die kommenden zwei Jahre geeinigt. Der definitive Entscheid steht noch aus und wird von den jeweiligen Delegiertenversammlungen in den nächsten Tagen gefällt. Das Verhandlungsergebnis beinhaltet eine generelle Erhöhung der Effektiv- wie der Minimallöhne von je 80 Franken für die Jahre 2019 und 2020.

0,5 Prozent bei Giezendanner

Für den Sektor Logistik erwartet die UBS ebenfalls eine Lohnerhöhung von 1 Prozent. Bei der Firma Giezendanner Transport AG mit Sitz in Rothrist sei keine generelle Lohnerhöhung, sondern eine individuelle Anpassung vorgesehen, sagt CEO Benjamin Giezendanner. Diese betragen durchschnittlich zirka 0,5 Prozent der Lohnsumme. «Die generelle Lohnerhöhung werden wir aufgrund der tiefen Inflation sowie der erhöhten Aufwendungen im Bereich Krankentaggeld nicht ausrichten», so Giezendanner. Grundsätzlich orientiere sich die Firma im Allgemeinen an den Inflationskennzahlen, im Speziellen wirkten sich verschiedene Faktoren wie das Alter, die Betriebszugehörigkeit und vor allem auch die Leistung auf den Lohn aus. «Im Bereich der Fahrerinnen und Fahrer spielt die Konkurrenzsituation stark mit», sagt Giezendanner. Der Fahrermangel wirke sich bei ausländischen Fahrern im internationalen Verkehr stark preistreibend aus. Einen automatischen Teuerungsausgleich gewährt die Firma nicht, aber: «Sobald die Teuerung markant zunimmt, gleichen wir diese aus, sofern es die Kennzahlen zulassen», versichert Giezendanner.

Coiffeure gleichen Teuerung aus

Die Sektion Aargau des Verbands Schweizer Coiffuregeschäfte gibt keine generellen Empfehlungen für Lohnerhöhungen heraus. Verbindlich ist der Gesamtarbeitsvertrag vom 1. März 2018, welcher den Anfangslohn für ausgelernte Coiffeusen und Coiffeure bei 3800 Franken festlegt. Viele Coiffuregeschäfte würden ihren Angestellten aber jeweils eine Lohnerhöhung gewähren, sagt Sektionspräsidentin Luzia Berger. Über den Betrag könne sie aber keine Auskunft geben. In der Regel würde die Teuerung ausgeglichen, «aber auch beispielsweise langjährige oder leistungsstarke Angestellte besser entlöhnt», so Berger.

Besorgte Gewerkschaften

Bei den Gewerkschaften ist man über die Entwicklung der Löhne nicht erfreut. «Wir hinken der effektiven Teuerung hinterher», sagt Irène Kälin vom Verein der im Aargau tätigen Arbeitnehmerverbände «Arbeit Aargau». Aus Sicht der Gewerkschaften seien die Löhne etwa in der Baunebenbranche gut und entwickelten sich seit Jahren anständig, hingegen etwa bei Arbeitnehmenden in Pflegeberufen «müssen wir uns Sorgen machen», so Kälin, die Lohnschere gehe auseinander, Angestellte fühlten sich zunehmend benachteiligt. Dies zeigten Rückmeldungen bei den Gewerkschaften. Eine minimale Lohnerhöhung von 1 Prozent fange knapp die Teuerung auf, andere Faktoren, wie etwa die Verschärfung der Kriterien für Krankenkassen-Prämienverbilligungen, führten aber effektiv zu tieferen Löhnen. «Es sind deswegen nicht nur die Arbeitgeber gefordert, sondern auch die Politik.»

Für den Standort Aargau sei es ein Nachteil, dass die Löhne im öffentlichen Sektor im Vergleich zu Nachbarkantonen eher tief seien, etwa für Lehrer und Polizistinnen. «Arbeitnehmende schauen sich so zunehmend in den Nachbarkantonen nach passenden Stellen um», sagt Kälin.