Der Aargau erlebt ein Déjà-vu - 2011 Bettwil, heute Aarburg: Bewohner begehren gegen die Unterbringung von Asylbewerbern auf und lösen damit landesweit Schlagzeilen aus.

In Bettwil war der Widerstand erfolgreich - wie es in Aarburg ausgeht, wird sich weisen. Unsere direkte Demokratie zeichnet sich eben dadurch aus, dass Behörden nicht machen können, was sie wollen. Sie wissen: Alles, was nicht mehrheitsfähig ist, kann gebodigt werden.

Im Asylwesen etwa ist es legitim, für strengere Kriterien, schnellere Verfahren oder tiefere Taggelder zu kämpfen - dafür gibt es demokratische Mittel. Unser System wird jedoch ad absurdum geführt, wenn es nur noch um Einzelinteressen geht, nach dem Motto: «Ich bin dafür, wenn es mich nicht tangiert.»

Man beobachtet das bei Standorten von Atomendlagern, Gefängnissen, Fussballstadien, beim Bau von Strassen, Bahnen, Landepisten - und eben bei Asylunterkünften. Der Widerstand von Aarburg steht exemplarisch für den schwindenden Gemeinsinn unserer Gesellschaft; der Einzelne ist weniger bereit, Lasten für alle zu tragen.

Bettwil hat 2011 die Büchse der Pandora geöffnet - weil die Bewohner gezeigt haben: Widerstand lohnt sich. Das haben sich die Behörden selber zuzuschreiben: Sie wollten 140 Asylbewerber in die Militärunterkunft des 560-Seelen-Dorfes stecken, bis sie merkten, dass eine Umnutzung der Militäranlage rechtlich gar nicht möglich ist. Sie hätten sich das Theater sparen können. In Aarburg ist die Sache rechtlich zulässig. Und es geht um 90 Asylbewerber auf 7200 Einwohner.

In Aarburg kommt dazu: Man kann zwar nachfühlen, dass sich die Anwohner andere Nachbarn wünschen als 90 Asylbewerber und dass die Ankündigung Ängste auslösen kann. Wenn jedoch als Protestaktion ein Bratwurstfest für weit über 300 Leute organisiert wird, dann hat das trotzdem etwas Befremdliches.

Und gewisse Kommentare auf der Facebook-Seite der Widerstandsgruppe sind schlicht und einfach widerlich.

Was sind die Fakten: Der Bund teilt die Asylbewerber gleichmässig auf alle Kantone auf. Der Aargau muss derzeit rund 1300 Menschen unterbringen. Sie sind auf 60 Standorte verteilt, die bis auf das letzte Bett belegt sind. Der Kanton sucht also dringend weitere Unterkünfte und nimmt - wen wunderts - jede Wohnung mit Handkuss, die er zu vernünftigen Preisen mieten kann. Also auch jene in Aarburg.

Und trotzdem: Die Lage im Asylwesen könnte viel prekärer sein. 2013 wurden in der Schweiz 25 Prozent weniger Asylgesuche eingereicht als im Vorjahr, und das entgegen dem Trend in Europa. Der Schweizer Anteil der europaweit gestellten Gesuche sank von 8,2 auf unter 5 Prozent.

Doch freuen wir uns nicht zu früh: Es könnte schnell wieder viel ernster werden - dann, wenn das Pulverfass Ukraine in die Luft fliegt. Der Präsident der Konferenz der kantonalen Militärdirektoren, der Tessiner Staatsrat Norman Gobbi, warnte in der «Schweiz am Sonntag» vor einem ukrainischen Flüchtlingsstrom in Richtung Europa und in die Schweiz. Der könnte deutlich grösser sein als derjenige während des Kosovo-Krieges 1999.

Das wären Probleme von völlig anderer Dimension als derzeit in Aarburg.

christian.dorer@azmedien.ch
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