Der oberste Waldchef, Regierungsrat und Landstatthalter Stephan Attiger, empfängt uns in seinem Büro. Dort und während der Fotoaufnahmen erklärt er uns seine Faszination für den Wald, der sich so schnell von Naturereignissen erholt. Attiger zeigt ein «gewisses Verständnis» für Forderungen der Waldwirtschaft nach Abgeltung gemeinwirtschaftlicher Leistungen im Wald. Abgegolten werden sollen aber nur konkrete Leistungen. Die seien von den Gemeinden auszuhandeln.

Wann waren Sie letztmals im Wald?
Stephan Attiger: Als Sohn des früheren Badener Stadtförsters bin ich von Kindsbeinen an sehr oft und sehr gern im Wald. Seit je wohne ich zudem am Waldrand. Ich bin im Wald, um zu joggen, zu spazieren, mit dem Velo und im Winter auch mit Langlaufski unterwegs – mit Rücksicht aufs Wild bleibe ich natürlich auf Wegen und Loipen.

Als Förstersohn haben Sie also eine besondere Beziehung zum Wald.
Ja. Er ist mir sehr nahe. Ich kenne seine Entwicklung, weiss was die Holzerei bedeutet, was fallende Holzpreise bewirken. Und ich bin immer wieder fasziniert, wie schnell er sich von Naturereignissen wie etwa dem Orkan «Lothar» erholt.

Sie wollen verhindern, dass der Wald zum Rummelplatz wird. Steht es so schlecht, braucht es eine Waldpolizei?
Der Wald bietet uns zum Ersten die klassische Holzproduktion. Zum Zweiten ist er unverzichtbar für die Biodiversität. Zum Dritten dient er zunehmend der Freizeitnutzung. Die Konflikte zwischen Erholungssuchenden, von denen ich oft höre, erlebe ich persönlich nicht.

Aber?
Wenn man einen Rummelplatz verhindern will, muss man die Leute lenken. Sie nehmen Spazierwege, Feuerstellen etc. gern an. Wenn sie ein bestimmtes Gebiet nicht betreten sollen, pflanzt man als Abgrenzung eine Dornenhecke. Das wird respektiert. Überhaupt sind die Leute im Wald entspannt und gelöst, man grüsst sich. Dazu gehört, dass man bei Begegnungen mit dem Velo langsamer fährt oder den Hund näher zu sich nimmt. Es braucht also keineswegs eine Waldpolizei und keine neuen Verbote.

Das kantonale Naturschutzprogramm Wald kommt jetzt ins 20. Jahr. Wie lautet Ihre Zwischenbilanz?
Wir haben schon gute Erfolge erzielt. Wir wollen bis 2025 unter anderem 5 Prozent Naturwaldreservate und 2 Prozent Altholzinseln erreichen, also sieben Prozent Flächen, auf denen auf Holznutzung verzichtet wird. Die Akzeptanz des Programms bei den Waldeigentümern und in der Bevölkerung ist sehr hoch.

Holzernte

Holzernte



Ausgerechnet in der laufenden vierten Etappe des Programms wurde Ihr Kredit gekürzt. Nimmt der Kanton es doch auf die zu leichte Schulter?
Es stimmt, wir haben einen kleineren Kredit erhalten, wie im Rahmen des Entlastungspakets überall etwas reduziert werden musste. Deshalb wird es ein fünftes Programm brauchen. Doch wir haben genügend Mittel, um das Erreichte zu halten und fortzuführen. Ich staune überhaupt, welch grosse Wirkung im Wald mit wenig Mitteln erzielt wird.

Die Waldwirtschaft darbt. Sie startet in einer Woche eine Volksinitiative und fordert Geld für Freizeitnutzung.
Sehen Sie, um Holz abzutransportieren, müssten die Strassen nur für Lastwagen befahrbar sein. Im Wald gibt es aber viele gut unterhaltene, kinderwagengerechte Wege, Feuerstellen usw. Diese zu unterhalten, kostet – und trotzdem ist der freie Eintritt in die «Allmend Wald» für die Leute selbstverständlich. Für den Ruf nach Abgeltung für die Dienstleistungen der Waldbesitzer – überwiegend Ortsbürgergemeinden – habe ich darum gewisses Verständnis. Gemeinden wie Baden, Wettingen, der Forstbetrieb Jura (Gemeinden Densbüren, Erlinsbach, Küttigen) und weitere tun das sogar schon.

Dann macht der Kanton auch mit? Pro Einwohner werden 25 Franken gefordert, also rund 16 Millionen pro Jahr.
Ich finde eine gewisse Abgeltung grundsätzlich richtig, aber sicher nicht pauschal. Denn da würden die einen dafür etwas tun, andere nicht. Abgegolten werden sollen die konkreten Leistungen. Die Bedürfnisse der Waldbesucher sind von Ort zu Ort verschieden und darum sind die erbrachten Leistungen von den Gemeinden auszuhandeln und abzugelten.

Stiehlt sich da der Kanton nicht etwas billig davon?
Nein, wir schieben da nichts auf die Gemeinden ab. Der Kanton unterhält ja die kantonalen Wanderwege, das bleibt so. Aber lokale Dienstleistungen im Wald sind keine Aufgabe des Kantons. Es gibt Gemeinden und Regionen, die gar touristische Angebote erarbeiten und bewerben, etwa den Freiämter Sagenweg. Die Gemeinden können diese Angebote und damit den Dienstleistungsaufwand steuern, der dann leistungsgerecht abgerechnet werden kann.

Sieben Prozent der Aargauer Waldfläche gehören dem Kanton. Wozu? Ein Verkauf brächte ihm Geld, das er gut brauchen könnte.
Das steht nicht zur Diskussion. Der Anteil ist ja auch nicht hoch. Den verscherbeln wir nicht für eine einmalige Zahlung. Dieser Wald gehört zum Tafelsilber des Kantons.