Prozessauftakt
Der «Facebook-Mörder» würdigte den Richter keines Blickes

Der angeklagte Portugiese liess den Verhandlungstag ungenutzt verstreichen. Er schloss die Augen, schwieg beharrlich und liess auch seinen Verteidiger im Stich – dabei droht im eine 20-jährige Freiheitsstrafe.

Peter Brühwiler
Merken
Drucken
Teilen
Tötungsdelikt in Möhlin
3 Bilder
Tötungsdelikt in Möhlin: In diesem Mehrfamilienhaus wurde die tote Frau gefunden, nachdem ihr Mann bei der Polizei aufgekreuzt war.
Der Leichenwagen holt die Leiche der Frau ab.

Tötungsdelikt in Möhlin

Newspictures

Am Bezirksgericht Rheinfelden war am Mittwoch ein neunstündiger Verhandlungstag angesetzt. Schliesslich hätte der 45-jährige wegen Mordes angeklagte Portugiese einiges zu erklären gehabt.

Am Pfingstmontag 2013 tötete er in Möhlin seine Frau, die zu diesem Zeitpunkt getrennt von ihm lebte, indem er ihren Kopf gegen die Wand und den Boden schlug. Die Tat war derart gewalttätig, dass gemäss Anklageschrift mehrere Todesursachen «konkurrierend» vorliegen: Verbluten nach aussen, Einschwemmung von Luft in die Gefässstrombahn, Einatmung von Blut und schweres Schädelhirntrauma.

Der Beschuldigte schweigt

Aber der Beschuldigte schwieg im Gerichtssaal beharrlich. Auch auf die Frage der Gerichtspräsidentin, ob er die Aussage verweigern wolle, reagierte er nicht. «Wie sehen sie ihre Zukunft?», wollte sie weiter wissen. Keine Regung im Gesicht des vornübergebeugt Sitzenden, geschlossene Augen.

Geht es nach der Staatsanwaltschaft, beginnt diese Zukunft mit einer Verurteilung zu einer 20-jährigen Freiheitsstrafe wegen Mordes mit einer vollzugsbegleitenden Psychotherapie und medikamentöser Behandlung. Denn laut einem psychiatrischen Gutachten litt der Mann zum Tatzeitpunkt und auch heute noch an verschiedenen psychischen Störungen. Aus psychiatrischer Sicht sei von einer «leichtgradig verminderten Schuldfähigkeit auszugehen», heisst es in der Anklageschrift.

Mord oder Totschlag?

Der Beschuldigte kommentierte seinen Gesundheitszustand im Gerichtssaal nicht. Und auch eine kurze Unterredung mit seinem Pflichtverteidiger änderte an der Sprachlosigkeit nichts, sodass die Verhandlung bereits nach einer knappen halben Stunde für beendet erklärt wurde. Am Donnerstag folgen die Plädoyers von Anklage und Verteidigung, wobei Letztere versuchen dürfte, das Verdikt von Mord auf einen aus dem Affekt heraus begangenen Totschlag abzuschwächen.

Leicht wird dies wohl nicht. Die Anklageschrift jedenfalls vermittelt den Eindruck, dass die Tatabsicht über lange Zeit im Kopf des Mannes reifte. Bereits 2007 meldete sich seine Frau erstmals beim Sozialdienst Möhlin. Sie habe grosse Angst vor ihrem Mann, der ihr gegenüber auch geäussert habe, dass er sie töten werde, sagte sie aus. Zwei Strafverfahren wurden in der Folge auf ihren Antrag hin jedoch wieder eingestellt.

Im Jahr 2012 einigte sich das Ehepaar schliesslich darauf, getrennt zu leben. In Kontakt blieb der Mann mit dem späteren Opfer allerdings via Facebook: Er chattete unter einem falschen weiblichen Namen mit ihr und versuchte so herauszufinden, ob sie einen neuen Freund hatte und wie sie über ihn sprach.

Einer Chat-Partnerin in Portugal gewährte er gleichzeitig tiefe Einblicke in sein Seelenleben, wie die Anklageschrift minutiös über viereinhalb Seiten auflistet. «Jetzt gibt es in meinem Herzen nur noch Hass», schrieb er ihr erstmals im Oktober 2012. Hass nicht zuletzt auf das Rechtssystem: «Hier kommt zuerst die Frau, dann der Hund und dann der Mann», beklagte er sich ein paar Tage später. Der Portugiese kam 1995 erstmals als Saisonnier in die Schweiz, 2001 folgte die Ehefrau mit dem Sohn. Er habe sehr viel Geld verdient, schreibt der Portugiese der Chat-Partnerin, «und heute habe ich nichts mehr für mich».

Einkommen zu hoch eingestuft

Einen Monat vor der Tat machte er beim Sozialdienst denn auch geltend, dass das Gericht sein Einkommen zu hoch eingestuft habe und er somit zu hohe Alimente bezahlen müsse. Vier Tage später sieht er sich gegenüber der Chat-Partnerin dann «am Ende meines Weges»: «Das Einzige was ich weiss ist, dass ich nicht ohne meine Frau leben will und es wird weh tun, aber es wird so sein müssen», schreibt er weiter. Die Ehefrau habe sein Leben und das seines Sohnes zerstört. «Sie wird einen Schuss in den Kopf bekommen.»

Auf die vermutlich besorgte, nicht in der Anklageschrift aufgeführte Antwort der Chat-Partnerin, schreibt er: «Beruhige dich, nicht heute und nicht morgen.» Es könne erst in fünf Jahren sein, «aber dass ich es tun werde, das werde ich». Dass er mit sich selber rang, zeigt ein anderer Eintrag: Er ziehe es vor, sich auszuliefern bevor etwas geschehe, chattete er am 9. Mai. Elf Tage später suchte er das Opfer in deren Wohnung auf. Die Frau sei zwischen 9 und 10 Uhr verstorben heisst es in der Anklageschrift. Der Mann kehrte nach Hause zurück, rauchte auf dem Balkon und stellte sich um 13.30 Uhr auf dem Polizeiposten in Rheinfelden.