«Der erste Eindruck ist wichtig»

Sind Kleidervorschriften an der Schule nötig oder wird damit das falsche Problem angegangen?

Fabian Hägler
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Jugendliche in der Pubertät suchen ihre Identität, reizen Grenzen aus, provozieren Erwachsene und Autoritätspersonen manchmal bewusst – auch mit ihrer Kleidung. Wenn die 14-jährige Schülerin im bauchfreien Top im Klassenzimmer erscheint, oder ihr Kollege mit Baseballmütze und Sporthose zur Schule kommt, ist das immer auch ein Zeichen, ein Ausdruck des eigenen Stils.

Das ist nicht negativ, sondern zeugt von Individualität und Selbstbewusstsein. Beides sind Eigenschaften, die Jugendliche neben schulischen Fähigkeiten entwickeln. Doch zur Vorbereitung auf das Berufsleben gehört auch Anpassungsfähigkeit: Wie verhalte ich mich in welcher Situation, wann trage ich den kurzen Minirock, wann die schöne Hose, wann das schulterfreie Muskelshirt, wann das edle Hemd?

Wer in unpassender Kleidung zum Vorstellungsgespräch erscheint, hat tendenziell schlechtere Chancen. Man mag es als veraltet kritisieren, aber Fakt ist: Der erste Eindruck ist wichtig und kann für eine Berufskarriere entscheidend sein. Daher ist es gut, wenn Jugendliche in der Schule lernen, sich angemessen zu kleiden. Dass es bei Verstössen gegen Kleiderregeln einen Abzug bei der Selbstkompetenz gibt, ist aber fragwürdig. Anstelle eines Eintrags im Zwischenbericht würde wohl auch ein Gespräch mit der Lehrperson reichen.

Ungewaschene Achtklässler im Pyjama oder Bikini muss sich die Schule nicht zumuten. Gerade in der Pubertät ist das schnell auch ein olfaktorisches Problem und stört die Klasse. Kindern zudem klarzumachen, dass später von ihnen erwartet wird, sich im Beruf an entsprechende Vorgaben zu halten, ist wichtig. Manch eins kommt nämlich selber nicht drauf.

Es überspannt aber den Bogen, wenn das äussere Erscheinungsbild Thema im Zeugnis wird. Abgesehen davon, dass dafür objektive Kriterien fehlen (was heisst «anständig»?), sollen auch Kinder grundsätzlich selber entscheiden können, was sie anziehen. Noch bedienen sie ja keine Bankkunden am Schalter oder verkaufen Anzüge. Und eine saubere Jogginghose stört den Unterricht sicher nicht.

Stossend ist, wenn nackte Haut verboten wird, um unangenehme Situationen zu vermeiden. Diese entstehen aber nicht wegen eines kurzen Shirts, sondern weil ein blutter Bauch unnötig sexualisiert wird und das zu übergriffigem Verhalten führen kann, in Wort und Tat. Das Problem sind also mangelnder Respekt und Selbstbeherrschung anderer, es wird jedoch mit einem Schlabber-Hemd für die «Sünderin» gelöst. Statt Kleiderregeln zu befolgen, sollten Schüler besser ein anständiges Miteinander lernen. Darauf kommt es an.