Bewegtes Berufsleben
Der erste Aargauer Rettungssanitäter geht in Pension

Man darf Matthias Hebeisen durchaus den Vater des Aargauer Rettungsdienstes nennen. Denn bevor er vor 37 Jahren am Kantonsspital Aarau anfing, gab es seinen Beruf des Rettungssanitäters noch gar nicht.

Urs Moser
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Matthias Hebeisen bereitet sich auf seinen nächsten Einsatz vor.

Matthias Hebeisen bereitet sich auf seinen nächsten Einsatz vor.

EMANUEL PER FREUDIGER

Matthias Hebeisen war als Krankenpfleger auf der Notfallstation des Limmattspitals in Zürich tätig, als der Interverband für Rettungswesen in Aarau den ersten Kurs für Berufsretter durchführte, wie das damals hiess. Man erinnerte sich im Kantonsspital an den ehemaligen Praktikanten und der dachte sich: Ja, das wäre etwas für mich.

Hebeisen liess sich damit auf ein Abenteuer ein. Wenn er von den Anfängen erzählt, klingt das recht amüsant. Aber wenn man es sich so überlegt: Allzu grosse Überlebenschancen würde man sich als Notfall von damals aus heutiger Sicht wohl nicht geben. Bevor der Krankenwagen – Hebeisen trifft es ein ganz kleines bisschen im Stolz, wenn man die modernen Ambulanzen von heute immer noch so nennt – ausrückte, ging es nach einer Meldung auf den Piepser zunächst mal von Haus 27 in die Garage gegenüber der heutigen Notfallstation und dann mit dem Wagen zur Telefonzentrale in Haus 22, um den schriftlichen Fahrbefehl abzuholen. Als Chauffeure wurden Mitarbeiter des technischen Dienstes rekrutiert: Maler, Elektriker, Gärtner. Die Ausrüstung war eher spartanisch: Trage, eine Materialkiste mit Verbandszeug und Desinfektionsmittel, ein Beatmungsbeutel mit verschiedenen Masken wurde in einer Sporttasche mitgeführt.

Die Kommunikationsmittel muten aus heutiger Sicht archaisch an: Ende der 1970er-Jahre gab es keine Handys und keinen Funk in den Ambulanzfahrzeugen. Heute grenzt es an einen Skandal, wenn sich herausstellt, dass vielleicht eine andere Ambulanz als die aufgebotene zwei Minuten früher an einem Einsatzort hätte sein können. Damals waren die Wagen halt einfach mal weg und wieder verfügbar, wenn man sie wieder im Spital dastehen sah.

Matthias Hebeisen ist ein Pragmatiker. Als er als «Berufsretter» anfing, führte der Weg mit einem Patienten zur Notfallstation im Kantonsspital durch eine manuell zu bedienende Pendeltür und über den Lift in den ersten Stock. Da habe er sich einmal halt mit etwas zu viel Kraft am Eingang zu schaffen gemacht und dank guten Beziehungen zum technischen Dienst sei dann für den fälligen Ersatz eine automatisch öffnende Tür eingebaut worden, erzählt der Brocken von Mann mit sanfter Stimme. Das erste Funkgerät, das erste mobile EKG: Vieles, das uns heute selbstverständlich vorkommt, ist von ihm mitinitiiert worden.

Die professionellere Ausrüstung der Ambulanzfahrzeuge oder die Einführung der Notfallnummer 144 sind so Meilensteine in der Entwicklung des Rettungswesens. Dass sie nicht so selbstverständlich gesetzt wurden, veranschaulicht eine Anekdote aus dem Jahr 1979: Als sich Matthias Hebeisen von einem Kollegen bei der Autobahnpolizei die Klebefolien beschaffte, um die uni-weissen Ambulanzfahrzeuge eigenhändig – er absolvierte eine erste Lehre als Maler und Schriftenmaler – mit roten Streifen zu versehen und besser sichtbar zu machen, musste er bei der Direktion vortraben. «Man wollte wissen, ob ich aus den Rettungsfahrzeugen Fasnachtswagen machen will», erinnert sich Hebeisen schmunzelnd.

«Ich habe meine Berufswahl nie bereut», sagt Hebeisen. Vor ein paar Jahren allerdings, da gab es eine schwierige Phase. Einfach gestunken habe es ihm, die Patienten hätte er am liebsten einfach liegen lassen, gesteht er freimütig. Das Wort «Burnout» nimmt Hebeisen dabei nicht in den Mund. Er ging mit 60 über die Bücher, war eine Woche krankgeschrieben und hat dann sein Pensum «massiv» reduziert, wie er es nennt. Er arbeitet jetzt nur noch 80 Prozent, macht keinen Nachtdienst mehr und wird auch über die Pensionierung Ende Jahr hinaus «mit Freude» noch weiter im Einsatz stehen. Als er anfing, da dauerten Wochenend-Dienste von Freitag, 16 Uhr bis Montag, 7 Uhr.

Wer Matthias Hebeisen über sein Leben als Rettungssanitäter befragt, bekommt über das schreckliche Zugsunglück in Othmarsingen 1982 mit sechs Toten wenig zu hören. Lieber erzählt er vom Nachteinsatz in Kölliken, als ein Kind bei totalem Stromausfall im Schein seiner Taschenlampe das Licht der Welt erblickte: Das sind Geschichten, die das Leben des ersten Aargauer Rettungssanitäters schrieb.

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