Integration
Der eritreische Flüchtling Samuel hat Ambitionen – er will nicht in der Sozialhilfe landen

Der 26-Jährige lebt seit rund einem halben Jahr in Möriken bei einer Gastfamilie. Er hat Ambitionen und möchte nicht vom Staat abhängig sein. Wie sich der Eritreer einlebt und sich um Arbeit bemüht.

Mario Fuchs (Text) und Mario Heller (Foto)
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«Am Anfang war es Stress, aber jetzt geht es mir sehr gut»: Samuel, 27, anerkannter Flüchtling aus Eritrea, wohnt seit Sommer 2015 bei Familie Götschi Wunderli in Möriken.

«Am Anfang war es Stress, aber jetzt geht es mir sehr gut»: Samuel, 27, anerkannter Flüchtling aus Eritrea, wohnt seit Sommer 2015 bei Familie Götschi Wunderli in Möriken.

Mario Heller

Samuel strahlt bei unserem Wiedersehen. «Hallo! Wie gehts?», fragt der junge Mann mit gepflegtem Lockenkopf und knallig orangefarbenem Kapuzenpulli. Wir setzen uns an den hölzernen Stubentisch, an dem wir vor einem halben Jahr schon einmal zusammen sassen. Es war im August 2015, und Samuel, 26, Flüchtling aus Eritrea, wohnte seit zwei Wochen im alten Postgebäude bei Familie Götschi Wunderli in Möriken.
Der az erzählte er, wie er sich nach Monaten in Flüchtlingsheimen an die Ruhe auf dem Land gewöhnen müsse. Wie er täglich drei Stunden Deutschunterricht in Baden besuche, weil er nicht wie viele seiner Landsleute in der Sozialhilfe landen wolle. Wie er noch nicht viel mit den Kindern gesprochen habe, weil Schweizerdeutsch noch etwas schwierig sei für ihn.

Inzwischen ist Samuel 27 geworden, Deutschunterricht hat er nur noch dreimal pro Woche in der Migros-Klubschule – und als der Reporter zwischendurch vergisst, dass er seine Fragen nicht in Mundart, sondern auf Hochdeutsch stellen sollte, antwortet er trotzdem. An die Ruhe auf dem Land hat sich Samuel gewöhnt. «Am Anfang war es Stress», gibt er zu, «aber jetzt geht es mir sehr gut.» Er kocht für die ganze Familie, spielt mit den Kindern, am liebsten Fussball – am Computer, noch lieber aber draussen: «Micro-Soccer» heisst die abgewandelte Form, 1 gegen 1, mit einem Mini-Ball in einem Mini-Spielfeld mit Banden.

Samuel sagt aber auch: «Ich möchte gerne arbeiten.» Erlaubt wäre es ihm, mit Ausländerausweis B gilt er als anerkannter Flüchtling. Er weiss aber auch, dass das nicht einfach ist. Wie die Statistik zeigt, haben von den 639 anerkannten eritreischen Flüchtlingen im Aargau nur 119 eine Stelle. Kürzlich konnte Samuel einige Tage bei einer Schreinerei im Quartier schnuppern. Der Chef hätte ihm auch gerne eine Lehrstelle angeboten. Nur: Der wird bald pensioniert, stellt deshalb niemanden mehr ein. Vielleicht klappt es jetzt bei einer anderen Schreinerei, bei der sich Samuel erkundigt hat. Und wenn er keine Lehrstelle findet, würde er sofort als Hilfsarbeiter zur Hand gehen. Hauptsache arbeiten.

Für Missverständnis eingesperrt

Vor gut zwei Jahren kam er in die Schweiz. «Nicht, weil ich ein Leben in Komfort wollte, sondern, weil ich mein Leben retten wollte», sagt er. Samuel floh, weil er zuvor in Eritrea zwei Jahre im Gefängnis war. Zu Unrecht, wie er sagt. Wenn die Geschichte stimmt, ist es die eines Missverständnisses: Der Rektor von Samuels Technikerschule schickte vor Silvester 2011 einige Studenten mit Geld der Schule los, um auf dem Markt an der Grenze zum Sudan Kühe und Getränke für das Neujahrsfest einzukaufen. «Weil die Stadt an der Grenze liegt, gab es viele Securitys», erzählt Samuel. Diese befürchteten, die Männer wollten ins Ausland fliehen – so wie es schon über eine Million Eritreer getan hat. «Sie durchsuchten unsere Taschen, glaubten uns nicht, dass wir nur zum Einkaufen kamen.» Die Studenten wurden mitgenommen, eingesperrt. Kein Prozess, keine Begründung, keine bestimmte Haftdauer.

Nach zwei Jahren gelang Samuel und einem Kollegen die Flucht. Zuerst in die Heimatstadt, dann nach Äthiopien, später übers Mittelmeer bis in die Schweiz. Ein Zurück gibt es für ihn nicht. Hoffnung schon: Beim Bund hat er darum ersucht, seine Frau und sein Kind, die derzeit im Nachbarland Äthiopien leben, in die Schweiz holen zu dürfen.

Keine «schlechten Antworten»

Samuel vermisst seine Heimat, sagt aber auch: «Die Politik ist ein grosses Problem.» Dass vergangene Woche die Aargauer Regierungsrätin Susanne Hochuli nach Eritrea gereist war, ist ihm nicht entgangen. Er finde es zwar gut, dass es Schweizer gebe, die Kontakte aufbauten. Was die Politiker nach der Reise berichteten, müsse man aber mit Vorsicht geniessen. «Wenn du als Gast in Eritrea bist, bekommst du das Beste.
Und wenn du die Leute etwas über die Regierung oder Probleme fragst, bekommst du natürlich nur gute Antworten.» Denn: Wer «schlechte Antworten» gebe, bekomme Probleme. Dann erklärt Samuel, was er damit meint: «gut» bedeutet «gut für die Regierung» – «Probleme» Gefängnis.

Am hölzernen Stubentisch sitzt auch Rahel Wunderli, Gastmutter und Veranstaltungsleiterin des Projekts BBB (Asyl mit Bildung, Begegnung, Beschäftigung des Netzwerks Asyl Aargau). Sie hört aufmerksam zu, sagt: «Wir haben von ihm viel gelernt über Eritrea.» Sie hofft, dass Samuel bald eine Stelle findet. Bot ihm an, für ihn bei der Schreinerei anzurufen. «Er wollte es aber selber machen, das fand ich super.»
Spezielle Integrationsanlässe besucht Samuel nicht mehr. Er sagt: «Es sind so viele Neue gekommen. Sie sollen meinen Platz haben.» Für Flüchtlinge wie ihn hat das Netzwerk jetzt den «Club Asyl Aarau» gegründet. Die Idee: Die, die schon länger hier sind und besser Deutsch sprechen, werden gefördert. Übersetzen etwa in Asyl-Treffs, helfen in Deutschkursen oder erhalten Unterricht in Schweizer Politik. Samuel freut sich darauf. Dankt für das Gespräch. Und sagt: «Auf Wiedersehen!»