Augenschein in Laufenburg, Deutschland. Einen Parkplatz im Laufenpark, dem grossen Einkaufscenter, zu finden, ist nicht einfach. Wie eigentlich nie am Samstag. Es bleibt einem nichts anders übrig, als durch die Reihen zu kurven, wie ein Sperber Ausschau zu halten nach einem freiwerdenden Parkplatz – und dann, wusch, hinein. Allem Hupen, Gestikulieren und Rotanlaufen anderer Parkplatzsuchender zum Trotz.

Beim Vorbeituckern fällt der Blick auf die Nummernschilder. AG, AG, ZH, LU, BL, AG, AG, BE – ach, da ist auch ein Deutscher am Shoppen. Na sowas!

Im Laden. Einkaufswagen rammt Einkaufswagen. «Äxgüsi», sagt Wagenhalter Nummer 1 zu Wagenhalter Nummer 2. «Macht nüt», antwortet dieser mit einem gequälten Lächeln. Einkaufstouristen-Smalltalk. Spricht hier auch jemand nicht Schweizerdeutsch? Wenige.
An der Wursttheke: Schweizer stehen Schlange, kaufen Fleischberge. Eine deutsche Kundin nervt sich über die hamsternden Eidgenossen. «Man könnte meinen, die hätten bei sich keine Läden», schnauzt sie ihren wagenschiebenden Begleiter an. Der stutzt, sein Blick sagt: Da kann ich doch nichts für! Doch sein Mund schweigt. Ist wohl sicherer.

Kurz vor den Kassen. Die Einkaufswagen sind zum Bersten voll. Man fragt sich unweigerlich: Wer soll das alles essen? Die Blicke antworten: WIR. An der Kasse. Schlangestehen. Am Zoll: Abstempelstau.

An diese Bilder hat man sich gewöhnt. Doch nun, o weh!, scheint den Schweizern das Shoppen in Deutschland verleidet zu sein. Händler aus Südbaden klagen, dass nicht mehr gar so viele Schweizer ihre Läden stürmen (AZ vom Samstag). Nur noch 14 Prozent machen laut einer Umfrage in diesem Jahr bessere Geschäfte mit den Schweizern als 2016. 44 Prozent vermelden: Stagnation. Und satte 42 geben sogar an, dass die Umsätze mit den Eidgenossen rückläufig sind.

Ist die Spitze erreicht, ja, der Kulminationspunkt gar? «Ja», glaubt Daniel Müller vom Gewerbe Region Frick-Laufenburg, schränkt aber ein: «Bei den Lebensmitteln ist der Trend, in Deutschland einzukaufen, nach wie vor ungebrochen.» Bei Konsumgütern wie Brillen oder EDV-Produkten dagegen ortet Müller ein Umdenken. Auch Michèle Dürrenberger von Rheinfelden Pro Altstadt hat beobachtet, dass vermehrt wieder in der Altstadt eingekauft wird. Man kehre «zurück zum Bewährtem», sagt sie.

Beide, Dürrenberger wie Müller, orten einen Grund darin, dass die Händler und Gemeinden ihre Aufgaben gemacht haben. «Es wurden Produktions- und Einkaufsgemeinschaften gebildet», sagt Müller. So konnten die Preise gesenkt werden. Diese Tendenz zu sinkenden Preisen bestätigen auch mehrere Unternehmer.

Service als Argument

Klar ist aber auch: «Wir werden in vielen Branchen nicht an die Preise in Deutschland herankommen», sagt Dürrenberger. Dafür sind die dortigen Lohnkosten einfach zu niedrig. Aber es gelingt offensichtlich, mit dem ganzen Kaufumfeld – Kaufatmosphäre, Beratung, Service – Kunden zurückzugewinnen. «Kunden schätzen wieder vermehrt eine gute Beratung sowie einen Service vor Ort», weiss Müller.

Er ist froh über diese Entwicklung. Es seien die Früchte der eigenen Arbeit, die man nun ernten könne, sagt er. Dürrenberger sieht in der Entwicklung die Bemühungen von Gewerbe und Stadt bestärkt, die Altstadt weiterzuentwickeln. «Die Kundenbedürfnisse verändern sich und dem trägt das Stadtentwicklungsprojekt Rechnung.» Als Beispiel nennt sie den Herbstwarenmarkt, der in diesem Jahr mit neuem Konzept aufwartet: Inspiriert von Streetfood-Festivals lancieren sieben Gastronomen erstmals eine Genussmeile.

Ein Umdenken halten Müller und Dürrenberger für wichtig. Denn: «Jeder Franken, der ennet der Grenze ausgegeben wird, fehlt unseren Detailhändlern», sagt Dürrenberger. Und was fehlt, kann man nicht investieren – in Produkte, Innovationen und Personal. «Die Leute scheinen langsam zu erkennen, dass von ihrem Einkaufsverhalten ganz direkt auch Arbeits- und Lehrstellen abhängen», sagt Müller. Auch Dürrenberger hofft, dass sich das Bewusstsein zum kausalen Zusammenhang zwischen Einkaufsverhalten und (Lehr-)Stellenangebot noch weiter verfestigt. «Oder sollen wir unsere Kinder dereinst nach Deutschland in die Lehre schicken», fragt Müller ironisch-pointiert.

Daniel Müller hat noch eine weitere Vermutung, weshalb der Einkaufstourismus zurückgeht. «Immer mehr Leuten ist es wohl zu blöde, 10 bis 20 Minuten am Zoll anzustehen, um den Ausfuhrschein abstempeln zu können.»

Ist es nicht. Zumindest nicht an diesem Samstag.