Lockdown

Der Coiffeur ist fast zu begehrt – so reagieren Aargauer Unternehmer auf den Bundesrats-Entscheid

Pino Costanzo (Coiffeursalon Aarau), Johannes Zulauf (Gartencenter Zulauf Schinznach-Dorf), Alexandra Sterk (Sterk Ciné AG Baden) und Lorenz Diebold (Limmathof Baden) äussern sich zu den Lockerungen der Corona-Massnahmen. (im Uhrzeigersinn)

Pino Costanzo (Coiffeursalon Aarau), Johannes Zulauf (Gartencenter Zulauf Schinznach-Dorf), Alexandra Sterk (Sterk Ciné AG Baden) und Lorenz Diebold (Limmathof Baden) äussern sich zu den Lockerungen der Corona-Massnahmen. (im Uhrzeigersinn)

Coiffeure und Gartencenter können sich über die Lockerung der Corona-Massnahmen freuen. Andere wie Hotel-, Gastro- und Kinobetreiber müssen sich weiterhin in Geduld üben. Erste Stimmen aus Aarau, Baden und Schinznach-Dorf zum Bundesratsentscheid.

Pino Costanzo ist Besitzer des Coiffeursalons an der Schiffländestrasse in Aarau.

Pino Costanzo ist Besitzer des Coiffeursalons an der Schiffländestrasse in Aarau.

Endlich färben und schneiden: Der Coiffeur ist fast zu begehrt

Pino Costanzo (49) ist ein erfolgreicher Aarauer Coiffeur: Auch, weil er zwei Mal in Paris den dritten Platz an der «Haute Coiffeur Française»-Trophy gewonnen hat; er wurde deswegen von der «Schweizer Illustrierten» 2012 zum «besten Coiffeur der Schweiz» ernannt. Pino Costanzo ist auch ausserordentlich anpassungsfähig: Darum hat er, kaum war der Lockdown am 16. März verkündet, damit begonnen, sein vor 14 Jahren eröffnetes Geschäft zu renovieren. Die Arbeiten gehen gerade rechtzeitig zu Ende. Costanzo und sein 15-köpfiges Team werden am Montag, 27. April, bereit sein, wenn sie ihren Salon «5000hair» wieder öffnen dürfen.

Natürlich freut sich Costanzo über den gestrigen Entscheid des Bundesrates. Er hat aber auch Sorgen. Im Spital würden sie sagen, er hat ein Triage-Problem: Konkret: Wen nimmt er zuerst dran? «Das ist eine riesengrosse Herausforderung. Allein am Donnerstag hatten wir 80 Telefonanrufe und bekamen 40 Mails», erklärt Pino Costanzo. Nach dem Ende der bundesrätlichen Pressekonferenz habe es ununterbrochen geklingelt. Costanzo hat ab dem übernächsten Montag (Woche 27) 13 Personen im Einsatz. Er will auch Überstunden machen.

«Viele Kundinnen sind verzweifelt wegen der grauen Ansätze»

«Viele Kundinnen sind verzweifelt wegen der grauen Ansätze», sagt der Coiffeur. «Schneiden und den Ansatz färben – das ist im Moment das wichtigste.» Costanzo weiss noch nicht, wie er den Ansturm bewältigen will. Es wird viele Gespräche mit ungeduldigen Kunden und Kundinnen brauchen.

Der Aarauer Coiffeur hätte sich vom Bundesrat gestern etwas mehr Klarheit gewünscht. «Ich hoffe, wir werden bald wissen, ob wir den ganzen Salon benutzen dürfen oder nur jeden zweiten Platz.» Und: «Ich bin etwas erstaunt, dass der Bundesrat nicht gesagt hat, Coiffeure und ihre Kunden müssten mindestens bis Ende Mai Masken tragen.» Costanzo weiter: «Ich würde es begrüssen, wenn es so wäre – auch zur Sicherheit meiner Mitarbeiterinnen.» Costanzo selber hat sich letztes Jahr von einer Kundin eine elegante, schwarze Maske aus Japan bringen lassen. Und für seine Mitarbeiterinnen hat er dort rosarote und lachsfarbene bestellt.

Costanzo zögerte nicht lange, als vor knapp fünf Wochen der Lockdown verkündet wurde. Er zog die ohnehin angedachte Renovation seines Geschäftes vor, hatte schlaflose Nächte, weil er sich davor fürchtete, die Baustellen würden von den Behörden geschlossen. Doch dann gab er als Bauführer Vollgas. «Die meisten Handwerker hatten Zeit. Sie waren disponibel, und einsatzbereit», freut sich Costanzo. «Diese Solidarität – einfach toll.» (Urs Helbling)

Johannes Zulauf ist Co-Geschäftsführer des Gartencenters Zulauf in Schinznach-Dorf.

Johannes Zulauf ist Co-Geschäftsführer des Gartencenters Zulauf in Schinznach-Dorf.

«Es ist für uns enorm wichtig, dass wir wieder öffnen können»

Die Erleichterung ist gross bei Johannes Zulauf, Co-Geschäftsführer des Gartencenters Zulauf in Schinznach-Dorf. Mit den vom Bundesrat angekündigten Lockerungsmassnahmen darf er sein Geschäft unter Auflagen wieder öffnen. Die grüne Branche mit den Gärtnereien und Gartencentern war und ist vom Lockdown stark betroffen.

Die Frühlingsmonate März, April und Mai sind traditionell die umsatzstärksten Monate. 75 Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaftet das Gartencenter Zulauf in Schinznach-Dorf normalerweise in diesen Monaten, sagt Co-Geschäftsführer Johannes Zulauf. «Daher ist es für uns enorm wichtig, wenn wir jetzt wieder öffnen können.»

Zu retten ist die Frühlingssaison dennoch nicht mehr. Eineinhalb Monate von den drei Monaten sind verloren. «Aber jeder Tag, den wir früher öffnen können, hilft uns bei der Schadensbegrenzung», sagt Zulauf. Aufholen könne man den Umsatz aber nicht mehr, denn gewisse Pflanzen – vor allem Gehölze und Stauden, die das Gartencenter Zulauf vor Ort selber produziert – seien jetzt nicht mehr so stark gefragt wie jeweils im März. «Im Mai verschiebt sich der Bedarf eher Richtung Sommerflor», so Zulauf.

Vorbereitung auf Lockerung läuft seit einer Woche

Auf die gestern beschlossenen Lockerungsmassnahmen des Bundesrats bereitet sich das Gartencenter Zulauf seit gut einer Woche vor. Im Gartencenter sind die Mitarbeitenden dabei, die vorgeschriebenen Hygienemassnahmen umzusetzen. Diese kennt die Kundschaft bereits von Läden in der Lebensmittelbranche. Heisst: Desinfektionsmittel wird bereitgestellt, die Wege zwischen den Gestellen werden grosszügig verbreitert, im Kassenbereich wird ein Spuckschutz installiert und die Wartebereiche gekennzeichnet.

«Wir sind in der komfortablen Situation, dass unsere Verkaufsfläche mit über 12'000 Quadratmetern sehr gross ist», sagt Johannes Zulauf. Das Wahren von Abstand sei im Gartencenter entsprechend gut möglich. Neuralgische Punkte gebe es trotzdem, beispielsweise beim Kassenbereich. Die Erfahrung von den ersten Tagen nach der Öffnung werde zeigen, welche Anpassungen dann noch vorgenommen werden müssen.

Die vergangenen Wochen im Lockdown waren für die beiden Co-Geschäftsführer Johannes Zulauf und seinen Bruder Christian intensiv. Die erste Schockstarre habe man schnell überwunden und bald Ideen gesammelt. Entstanden ist so der Drive-Through-Verkauf für Setzlinge oder der rasche Ausbau des Online-Shops, den es bereits vor der Coronakrise gab und auch weiterhin bestehen wird. (Janine Müller)

Lorenz Diebold ist Direktor des Hotels Limmathof in Baden.

Lorenz Diebold ist Direktor des Hotels Limmathof in Baden.

«Ich hätte mir etwas mehr Klarheit erhofft»

Seit Mitte März stehen die 21 Zimmer des Hotels Limmathofs in den Badener Bädern und seiner Dependance an der Ennetbadener Badstrasse leer. «Wir hätten als Hotel ja zwar offen bleiben dürfen», sagt Direktor Lorenz Diebold. «Aber wir haben uns nach dem Lockdown relativ schnell entschieden, das Hotel, die Wellness-Landschaft, das Fitness und die Restaurants zu schliessen.» Die letzten verbleibenden Gäste seien im März in den Partnerbetrieb, das Trafo-Hotel, umquartiert worden. Dieses hat bis heute geöffnet, als eines der wenigen Badener Hotels. Im «Limmathof» sind die Reservierungen weggebrochen. «Wir haben zwar einige Reservationen im Mai», sagt Diebold. «Aber wir sind weiterhin sehr zurückhaltend und warten noch zu, wie es weitergeht.» Vom Bundesrat hätte er sich gestern etwas mehr Klarheit erhofft.

Hoffnung auf Besserung wohl erst im Herbst

«Ich denke, wir werden das Hotel, unser Thermalbad und das Fitness bis in den Mai hinein geschlossen halten», sagt der 36-jährige Hotelier. «Je nachdem, was der Bundesrat dann definitiv entscheidet und was wirtschaftlich sinnvoll ist.» Für die 38 Angestellten ist bis und mit Juni 100 Prozent Kurzarbeit bewilligt worden. Nur rund zehn von ihnen sind sporadisch im Einsatz. Die Pause habe man unter anderem für die jährliche Revision des Thermalbads sowie für die grosse Grundreinigung genutzt, die sonst im Sommer stattfinden.

Das weitere Vorgehen will Diebold heute in einer Telefonkonferenz mit seinen leitenden Angestellten besprechen. Er gehe davon aus, dass sich die Situation für den «Limmathof» erst im Herbst bessern werde, da der Sommer ohnehin eine eher schwierige Saison sei und vorläufig auch die Geschäftsreisenden ausbleiben. Diebold rechnet für 2020 mit dem Ausfall eines Drittels des Jahresumsatzes. Im April und im Mai dürften die Einnahmen gleich Null sein. «Einen Vorteil hat die Pause», sagt Lorenz Diebold mit einer Prise Sarkasmus. «Die Bauarbeiten vor dem Haus auf dem Kurplatz kommen unserem Betrieb jetzt nicht in die Quere.» (Andreas Fahrländer)

Alexandra Sterk ist Geschäftsführerin der Sterk Ciné AG.

Alexandra Sterk ist Geschäftsführerin der Sterk Ciné AG.

Badener Kino hofft auf Eröffnung im Sommer

Zuerst wurden keine Sitzplatznummern mehr vergeben und maximal 99 Sitzplätze pro Kino verkauft, dann mussten die zehn Kinosäle der Sterk Ciné AG in Baden und Wettingen ganz schliessen. Dass die Massnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie nun Wirkung zeigen, erleichtert Geschäftsführerin Alexandra Sterk. Die Kinos bleiben aber weiterhin zu − mindestens bis zum 8. Juni, der dritten Etappe der gestern vorgestellten bundesrätlichen Exitstrategie. Damit hat Sterk gerechnet. «Wir können wohl im besten Fall im Sommer wiedereröffnen  −, sofern sich die Situation nicht wieder verschlechtert.» Die Wiedereröffnung werde vermutlich in kleinen Schritten erfolgen. «So wie der Bundesrat das öffentliche Leben heruntergefahren hat, so wird er es auch wieder hochfahren», vermutet Sterk. Für die Kinos könnte das eine Rückkehr zu den Social-Distancing-Massnahmen bedeuten, die vor dem Lockdown vom 16.  März eingeführt wurden.

Die Schliessung der zehn Sterk-Kinosäle in Baden und Wettingen bedeutet einen Totalausfall für die Sterk Ciné AG, die normalerweise rund 250 000 Tickets pro Jahr verkauft. Wie hoch die Umsatzeinbusse sein wird, kann Alexandra Sterk noch nicht beziffern. «Können wir im Sommer wieder öffnen, sind wir noch nicht in der Existenz bedroht. Wir müssen aber den Gürtel enger schnallen.» Die Sterk Ciné AG beantragte denn auch Kurzarbeit.

Sterk hofft zudem, dass die Besucher nach der erhofften Wiedereröffnung in der zweiten Jahreshälfte noch mehr als sonst in die Kinos strömen. Im Moment generiert die Kinogruppe nur via den Verkauf von Gutscheinen Einnahmen. «Kinogäste können uns zudem unterstützen, in dem sie Werbung schauen.» Auf der Website der Sterk-Kinos erscheint ein entsprechender Link dazu. Für jeden geschauten Werbespot erhält das Kino einen kleinen Beitrag. Ganz menschenleer sind die Kinosäle trotz Lockdown nicht. «Wir vermissen unsere Gäste, nutzen jetzt aber die Zeit für Unterhaltsarbeiten und reinigen Sitze und Teppiche», sagt Sterk. «Wenn es dann endlich losgeht, glänzt alles picobello.» (Stefanie Garcia Lainez)

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