Die Tat hat Schüler und Eltern schockiert: Einer 15-jährigen Schülerin wurde ihre Hilfsbereitschaft zum Verhängnis. Sie tappte am Samstag in Muri in die Falle eines 21-jährigen Mannes, der vorgab, sich nicht auszukennen. Er lockte das Opfer in sein Auto und missbrauchte es.

Sowohl die Kantonspolizei wie auch die Staatsanwaltschaft sprechen von einem untypischen Fall. In den letzten Jahren sei es kaum mehr vorgekommen, dass Jugendliche auf der Strasse von fremden Männern angesprochen worden seien.

Früher der Bahnhof, heute der Chat

Dies war früher anders. Strafrechtsprofessor Martin Killias erinnert sich an die 1960er-Jahre, als das Trampen aufkam. «Damals begannen junge Männer, Autos zu kaufen. Da gab es schon viel mehr Fälle von Missbrauch im Auto als heute.»

Experten sind sich aber einig: Die Gefahr für jugendliche Opfer hat sich vielmehr ins Internet verschoben. «Früher knüpfte man beim Bahnhof Kontakte, heute ist es der Chat», sagt Killias. Das zeigen nicht zuletzt auch der Fall Pablo S. sowie der Fall Boi. In beiden Fällen kontaktierten die Täter ihr späteres Opfer anonym über das Internet. Ersterer suchte den Kontakt mit dem Opfer gar auf einer Internetplattform für Babysitting. Gegen ihn wurde nun Anklage erhoben (az Aargauer Zeitung vom 19. Februar).

Internet-Missbrauch als Schulthema

Das Internet empfindet Josef Sachs, Chefarzt der Forensischen Psychiatrie der Klinik Königsfelden, als gefährliche surreale Kontaktplattform. Sachs weiss: «Die Anonymität im Netz enthemmt. Man neigt dazu, mehr von sich preiszugeben, als man dies auf offener Strasse tun würde.» Sachs denkt dabei beispielsweise an Web-Kameras, obszöne Bilder oder Videos, die Jugendliche oftmals hemmungslos anonymen Internetkontakten zuschicken. In der heutigen Zeit würden viele Jugendliche den Grossteil ihrer Freizeit nur noch am Computer verbringen. «Sie verlieren dabei den Bezug zur Realität. Es ist eine grosse Herausforderung, dass wir dies unter Kontrolle behalten können», betont Josef Sachs.

Internet-Missbrauch wurde bereits in einigen Aargauer Schulen thematisiert. Mit spezifischem Unterricht sollen Schüler auf Internet-Missbrauch sensibilisiert werden. Darunter fällt beispielsweise auch Mobbing oder der Grundsatz, den Kontakt mit Unbekannten zu meiden.

Der Aargauer Lehrerverband unterstützt die Schulen. Man müsse aber vorsichtig sein, dass man keine halben Sachen mache, sagt Präsident Niklaus Stöckli. Vielmehr sei die Politik gefordert, die Medien-Kompetenz im neu entstehenden Lehrplan 21 zu verankern. «Es muss ein klarer Auftrag an die Schulen formuliert werden. Ich hoffe, dass dieser umgesetzt wird», so Stöckli. Mitte Jahr soll das Konzept des Lehrplans 21 vorliegen.