Josef Sachs

Der berühmteste Psychiater der Schweiz geht in Pension

Dr. med. Josef Sachs, abtretender Chefarzt Forensik, auf dem Gelände der Klinik in Königsfelden. sandra ardizzone

Dr. med. Josef Sachs, abtretender Chefarzt Forensik, auf dem Gelände der Klinik in Königsfelden. sandra ardizzone

Der Gerichtspsychiater Josef Sachs wäre beinahe Hausarzt im Bündnerland geworden. Stattdessen baute er das Zentrum für Forensische Psychiatrie in Königsfelden auf. Ende August wird er pensioniert, ans Aufhören denkt er aber nicht.

Josef Sachs ist wohl der bekannteste Psychiater in der Schweiz. Wenn irgendwo ein Verbrechen die Menschen erschüttert, ist häufig sein Wissen gefragt. Von den Medien oft konsultiert, erklärt er, ohne zu behaupten, lässt offen, was nicht zu beantworten ist.

Seine Sätze sind druckreif, das, was er über unverständliche Taten und menschliche Abgründe sagt, ist einfach und hilft zu verstehen.

«Komplizierte Zusammenhänge verständlich zu erklären, das liegt mir und das mache ich gerne», sagt Sachs. Ja, Lehrer wäre auch eine Option gewesen. Oder Physiker. Oder Hausarzt.

Hätte er damals genug Geld gehabt, dann wäre Josef Sachs gar nicht Psychiater und kein Experte für forensische Psychiatrie geworden. Sondern er wäre heute – wie man annehmen darf – als allseits geschätzter und beliebter Allgemeinpraktiker in Sedrun tätig.

«Heute weiss ich, dass jeder Mensch zu allem fähig ist»: Josef Sachs spricht über seine herausragendsten Fälle.

«Heute weiss ich, dass jeder Mensch zu allem fähig ist»: Josef Sachs spricht über seine herausragendsten Fälle.

Von Sedrun nach Wohlen

Als ältestes von sechs Kindern ist Josef Sachs in Beinwil in Freiamt auf einem Bauernhof aufgewachsen. Dorfschule, Bezirksschule in Muri, Kantonsschule in Aarau.

Wenn der Weg ins abgelegene Beinwil zu lang war, übernachtete er in der «Kosthütte» in Aarau. In jenem Haus, in dessen Garten zurzeit Asylbewerber in Zelten untergebracht sind.

Er studiert Physik an der ETH, merkt dann aber, dass ihm das zu abstrakt ist. «Ich hatte keine Freude, und ich wusste, dass ich ohne Freude nicht gut sein konnte.» Also wechselt Sachs die Studienrichtung.

Er wägt ab, ob er Veterinär oder doch lieber Hausarzt werden möchte. Er entscheidet sich für das Letztere, studiert Humanmedizin. Macht die Zusatzausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin, übersiedelt in die Surselva und kann sich vorstellen, in diesem Tal mit seiner Familie ein Leben als Hausarzt zu verbringen.

In Sedrun wird ihm eine Praxis zum Kauf angeboten. Die Praxis gefällt ihm. Auch das Dorf. Sachs rechnet, er kommt zum Schluss, dass er sich die Praxis nicht leisten kann. Doch was nun?

In Königsfelden suchen sie einen Assistenzarzt. Sachs meldet sich. Er braucht einen Job und er möchte seine medizinische Ausbildung komplettieren. Er erhält die Stelle, die Familie verlässt das Bündnerland und zieht nach Wohlen. Vorübergehend, wie er glaubt.

Doch dann geschieht Dreierlei. Josef Sachs kommt auf den Geschmack. Die Psychiatrie gefällt ihm, fasziniert ihn. Er absolviert berufsbegleitend während fünf Jahren die Zusatzausbildung zum Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Die drei Kinder kommen ins schulpflichtige Alter und wollen gar nicht mehr weg von Wohlen. Schliesslich stellen auch die Eltern fest, dass sie sich in Wohlen wohlfühlen. «Ich bin ein bekennender Freiämter», sagt Sachs, er erlebe hier eine spezielle Mischung zwischen Bodenständigkeit und Offenheit. «Der Freiämter hat die Berge im Rücken und sieht in die Weite.»

Das Brot der Bäckerstochter

So kommt es, dass die Familie Sachs in Wohlen bleibt. Seit 26 Jahren pendelt Sachs täglich zwischen Königsfelden und Wohlen. «Auf den 17 Kilometern zwischen Brugg und Wohlen bleiben jeweils die belastenden Gedanken zurück, von Kilometer zu Kilometer fühle ich mich freier.»

Josef Sachs hat sich die Neugier aus den Kindertagen bewahrt. Zu seinen Eigenheiten gehört sein besonderes Interesse für Orte. Er muss jeden neuen Ort, an dem er sich aufhält – und sei es nur für kurze Zeit – gründlich erkunden. Bei seinem ersten Praktikum im Landspital fiel er auf, weil er alle Patienten bei der Visite zuerst fragte, aus welchem Dorf sie stammten.

«Vielleicht hat das mit meiner ländlichen Herkunft zu tun», sagt er. «Der Ort, wo man lebt, ist für mich auch der Ort, wo man sich engagiert.» Was er denn auch tat und immer noch tut.

Er präsidierte die Wohler Schulpflege, arbeitete in Kommissionen und Stiftungen mit, engagierte und exponierte sich für die offene Jugendarbeit.

Als der Begriff «Outdoor» noch neu und unbekannt war und ein Lehrer mit seiner Klasse das Abenteuer ausprobieren wollte, gefiel Schulpfleger Sachs das Projekt so gut, dass er spontan fragte, ob er da auch mitmachen dürfe. Er durfte – und so kam es, dass der Psychiater im Wald übernachtete.

Und wäre er nicht so neugierig gewesen, hätte er womöglich seine Frau nicht gefunden: Als Sachs als junger Arzt in der Klinik St. Urban arbeitete, war da auch Krankenschwester Margrit aus dem Luzerner Hinterland.

An ein Fest brachte sie Brot mit. Das Brot schmeckte Sachs dermassen gut, dass er zu recherchieren begann: Und siehe da: Die Krankenschwester war auch Bäckerstochter.

Da nahm es Sachs wunder, woher diese Margrit kam. Er reiste ins Luzerner Hinterland, suchte und fand die Bäckerei und alsbald dann auch das Herz der Bäckerstochter.

Aufhören ist kein Thema

1991 übernimmt Josef Sachs den Bereich Forensische Psychiatrie der Psychiatrischen Dienste Aargau. 2012 wird er Chefarzt. Unter seiner Leitung wird der Bereich der Forensischen Psychiatrie durch die Schaffung von drei forensischen Stationen und eines Forensischen Ambulatoriums aus der bestehenden Gutachtenstelle aufgebaut.

«Als ich hier anfing», erzählt Sachs, «bestand die Abteilung aus drei Angestellten.» Heute beschäftigt das Zentrum für Forensische Psychiatrie mit seinen vier Bereichen über 100 Mitarbeitende.

Auch auf nationaler Ebene hat Sachs die Forensik stark weiterentwickelt und geprägt. Etwa als Gründungspräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Forensische Psychiatrie sowie als Mitglied zahlreicher fachspezifischer Arbeitsgruppen und Kommissionen wie auch als Autor diverser Fachpublikationen und Bücher.

«Ja», sagt er, ein bisschen stolz sei er schon auf das Erreichte; es falle ihm auch nicht ganz leicht, jetzt zu gehen. Obschon er doch bereits ein Jahr über die ordentliche Pensionierung hinaus gearbeitet hat; man hatte sich darauf geeinigt, dass er bleibt, bis mit Peter Wermuth der passende Nachfolger gefunden ist.

Zum Schluss noch die Frage, auf die Sepp Sachs doch eine Antwort haben müsste. Wer denn, wenn nicht er, der schon Hunderte von Gutachten über psychisch kranke Menschen verfasst hat: Ist der Mensch böse?»

«Nein», sagt Sepp Sachs, «das ist er nicht. Aber er hat Böses in sich. Jeder Mensch hat beides in sich: Gutes und Böses. Aber das sind nicht meine Kriterien. Ich möchte wissen, warum ein Mensch so und so handelt, woher das kommt und wohin das führen könnte.»

Ende August wird Sachs das von ihm aufgebaute Zentrum für Forensische Psychiatrie verlassen. Aber ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Dafür liebt er seinen Beruf viel zu sehr; die Neugierde auf das Leben, das Interesse für die Menschen sind ungebrochen.

Deshalb wird Sachs in einer psychiatrischen Praxis in Brugg weiterarbeiten, er wird beraten, behandeln, Gutachten erstellen – und er wird weiterhin versuchen, uns via Medien die Abgründe der menschlichen Seele etwas verständlicher zu machen.

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