Swissfel
Der bald schon unsichtbare Koloss von Würenlingen

Der Tunnel des Röntgenlaseranlage Swissfel im Würenlinger Wald ist 740 Meter lang und kostet 275 Millionen Franken. Er ist weltweit die fünfte Anlage dieser Art und es wird die bisher beste sein. Der Einbau der wissenschaftlichen Geräte hat begonnen.

Jörg Meier
Merken
Drucken
Teilen
Die Besucher im Untergeschoss des Gebäudes, wo das Röntgenlicht für die Experimente erzeugt wird. Der Tunnel liegt im Wald von Würenlingen und hat eine Länge von 740 Metern.

Die Besucher im Untergeschoss des Gebäudes, wo das Röntgenlicht für die Experimente erzeugt wird. Der Tunnel liegt im Wald von Würenlingen und hat eine Länge von 740 Metern.

Patrick Züst

Weil der Redaktor nicht wusste, was der Swissfel ist und schon gar nicht, wie er funktionieren wird, es ihn aber wundernahm, nutzte er die Gelegenheit und mischte sich unter die 84 Würenlingerinnen und Würenlinger, welche die sonntägliche Einladung zur Führung durch das Wunderwerk im Würenlinger Wald angenommen hatten.

Natürlich hatte sich der Redaktor vorbereitet und gelesen, dass die Fachleute unter Swissfel die Schweizer Variante eines Freie-Elektronen-Röntgenlasers verstehen. Also einen Elektronenbeschleuniger, der extrem kurze Pulse von kohärentem Röntgenlicht erzeugt. Er hatte auch gelesen, dass es sich um ein Grossgerät des Paul-Scherrer-Instituts handelt, dass es dazu einen mehrere hundert Meter langen Tunnel braucht, dass für den Swissfel in Würenlingen fünf Hektaren Wald gerodet werden mussten. Aber wozu man den Swissfel genau gebrauchen kann, war ihm immer noch nicht klar.

Eine Kamerafahrt durch den Swissfel-Tunnel:

In der Hitze des Tunnels

Der Redaktor hatte Glück. Er durfte in die Gruppe, die von Gesamtprojektleiter Hans Braun vom PSI geleitet wurde. Der wusste nun wirklich auf jede Frage mindestens eine Antwort. Und es wurde viel gefragt, vor allem, als die Gruppe durch den auf 30 Grad aufgeheizten Tunnel wanderte. Dem Redaktor fiel auf, dass es ziemlich viele kompetente Männer in seiner Gruppe hatte, die ausgesprochen fachspezifische Fragen stellten.

Da scheute er sich, mit seinen plumpen Fragen die Diskussion zum Hochfrequenzleistungsverstärker zu stören. Er hätte zum Beispiel gerne gewusst, wie man es fertigbringt, einen 740 Meter langen Tunnel millimetergenau zu bauen und dabei sogar noch die Erdkrümmung zu berücksichtigen. Oder es hätte ihn interessiert, wie viele Menschen im unterirdischen und fensterlosen Betonkoloss arbeiten werden.

Es war die vielleicht letzte Gelegenheit, den Swissfel nochmals uneingeschränkt durchwandern zu können. Denn bereits haben die Fachleute vom PSI mit dem Einbau der wissenschaftlichen Geräte begonnen. Insgesamt wurden 22 000 Kubikmeter Beton verbaut, was etwa 100 Einfamilienhäusern entspricht. Dabei haben die Leute vom PSI klug geplant. Anders als beim Gotthardstrassentunnel ist beim Swissfel-Tunnel die Erweiterung bereits beim Bau geplant worden. Der Tunnel ist so dimensioniert, dass ein zweiter Linearbeschleuniger problemlos Platz hat.

Schon bald wird der Swissfel intensive Röntgenlichtblitze erzeugen, die jeweils nur rund 10 Femtosekunden (1 Femtosekunde = 0,001 billionstel Sekunden) dauern. Damit wird es möglich, chemische Reaktionen, die extrem schnell ablaufen, zu beobachten und wie auf einem Film festzuhalten. Diese Erkenntnisse helfen zum Beispiel für die Entwicklung von neuen Medikamenten, etwa bei Tumorerkrankungen.

Im Einklang mit der Natur

Wieder am Tageslicht, übernahm Förster Markus Hossli die Gruppe und er führte sie entlang der grösstenteils mit Erde überdeckten Anlage zurück zum Paul-Scherrer-Institut. Der nichts ahnende Besucher nimmt schon bald kaum mehr wahr, dass hier ein Koloss von internationaler Bedeutung im Boden steckt und unterirdisch wissenschaftliche Spitzenleistungen erbracht werden. Ein interdisziplinäres Expertenteam hat in zweijähriger Projektarbeit das Konzept zur bestmöglichen Einbettung des Swissfel in die Umgebung erarbeitet.

Die notwendigen Eingriffe in Natur und Landschaft wurden so gering wie möglich gehalten. Auf dem Erdwall wächst eine Magerwiese. Dadurch entsteht Lebensraum für bedrohte Schmetterlingsarten wie den Pflaumenzipfelfalter oder den Grossen Schillerfalter. Dazu werden rund 30 Tümpel angelegt, Steinhaufen für Reptilien aufgeschichtet und drei Wildübergänge für Reh, Fuchs und Wildschwein geschaffen.

Stolze Würenlinger

Ja, es war schon so: Die Würenlinger scheinen ziemlich stolz auf ihren Swissfel zu sein, dessen Glanz auch auf die Gemeinde zurückfallen wird, wie Gemeindeammann André Zoppi bei der Begrüssung sagte. Es gab denn auch keinerlei kritische Worte. Nur ein einziger Würenlinger sorgte sich leicht, weil Swissfel das Wasser, das die Anlage zur Kühlung braucht, aus dem Würenlinger Grundwasser bezieht. Aber auch dieser Mann konnte beruhigt werden.

Auch der Redaktor war sehr zufrieden. Er hatte zwar noch immer nicht genau verstanden, wie der Swissfel funktioniert. Aber er hatte viel gelernt und eine einzigartige wissenschaftliche Grossanlage von innen gesehen.

(Hinweis der Redaktion – ursprünglich wurden zwei falsche Zahlen vermeldet: Statt 50 Hektaren Wald wurden fünf Hektaren Wald gerodet und statt 50 000 Kubikmeter Beton wurden 22 000 Kubikmeter Beton verwendet. Wir bitten für die falschen Angaben um Entschuldigung.)