Spurensuche
Der az-Wahlkampfbus fährt wieder - in Rumänien

Nach den National- und Ständeratswahlen vom 23.Oktober wurde der Bus exportiert, mit dem die az ab August im ganzen Kanton unterwegs war und insgesamt 800 Kilometer zurückgelegt hatte. Jetzt haben wir das Fahrzeug aufgespürt - in Rumänien.

Ivo Tuchschmid* aus Iasi, Rumänien
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Das 1. Leben Der Bus im war 14 Jahre für Regionalbus Lenzburg unterwegs
13 Bilder
Das 2. Leben Als az-Wahlkampfbus im Kanton unterwegs
Das 3. Leben Bus Nr. 478 in Rumänien
Der az-Wahlkampfbus in der rumänischen Stadt Iasi
Buschauffeur Mihai Mafei kämpft mit den rumänischen Strassen
Der az-Wahlkampfbus an der Endhaltestelle
Die rumänische Gastgeberin Cristina Albu vor dem az-Wahlkampfbus in Iasi, Rumänien
Busse auf dem Gelände der Busimport-Firma Unistil
Das erste Wiedersehen mit dem az-Wahlkampfbus
Der ausgediente Bus gilt als modernes Fahrzeug in Rumänien
Die Sitze wurden wieder eingebaut
Jeder weiss woher dieses Fahrzeug stammt
Mihai Cazacu und Popa Constantin posieren vor einem Postauto

Das 1. Leben Der Bus im war 14 Jahre für Regionalbus Lenzburg unterwegs

Christian Dorer

Meine rumänische Gastgeberin Cristina Albu führt mich zu Fuss zur Busimport-Firma Unistil. Plötzlich zeigt Albu zur Kreuzung und ruft: «Da ist er, der az-Wahlkampfbus!» Tatsächlich – die 1500 Kilometer lange Reise nach Iasi, der zweitgrössten Stadt Rumäniens, hat sich gelohnt. Vor dem Rotlicht steht ein eigentlich schneeweisser, nun aber leicht braun verschmutzter Mercedes-Bus, wie es ihn zu Tausenden gibt. Trotzdem ist es unverkennbar mein gesuchter Bus. Auf der Zielanzeige prangt noch immer: «az-Wahlkampfbus».

14 Jahre lang stand dieses Fahrzeug für den Regionalbus Lenzburg im Einsatz. Dann wurde es zum az-Wahlkampfbus umgebaut. Ab August waren wir damit im Kanton unterwegs, legten 800 Kilometer zurück und erlebten unvergessliche Abende. Entsprechend schwer viel uns der Abschied Ende Oktober. Der Bus gehe in den Export, wurde uns beschieden, und wir dachten: Das wars.

Zwei Monate später trifft auf der Redaktion ein E-Mail von Cristina Albu ein, die für die Verkehrsbetriebe in Iasi arbeitet. Busse und Trams sind auch ihr Hobby, und so versucht sie jeweils mittels Internet-Recherche herauszufinden, woher die Occasionen in Iasi stammen. Die seltsame Anschrift «az-Wahlkampfbus» hat sie zu uns geführt. Da ich während Monaten viel Herzblut in das Projekt gesteckt habe, steht für mich sofort fest: Ich muss den Bus in Rumänien ein letztes Mal sehen.

Postautos und Berner Trams

Ein Propellerflugzeug bringt mich von Wien nach Iasi, per Taxi gelange ich ins Zentrum. Ich merke sofort: Diese Stadt ist ein Mekka für Freunde ausgedienter Schweizer Verkehrsmittel. Denn schon an der dritten Kreuzung begegnen wir einem anderen ehemaligen Fahrzeug des Regionalbus Lenzburg, etwas später einem ehemaligen Postauto und einem grünen Berner Tram, das bei uns längst als Oldtimer durchgehen würde.

Das Gelände der Busimport-Firma Unistil liegt in einem Industriequartier und ist etwa so gross wie ein Fussballfeld. Rund 20 Busse stehen herum und warten auf ihren Einsatz, auf ihre Reparatur – oder darauf, als Ersatzteilspender ausgeschlachtet zu werden. Die beiden postgelben Busse sind einfach zu identifizieren, ein weiteres Fahrzeug sieht aus nach «Busbetriebe Solothurn und Umgebung». Viele weitere sind nicht zuzuordnen. Die Namen der früheren Transportunternehmen sind überall eliminiert, auf den Zielanzeigen steht höchstens «Schulbus» oder «Dienstfahrt». Ölverschmierte, rauchende Handwerker mustern mich. Ich habe einen Termin bei Vasile Puscasu, dem Direktor. Er aber fragt bloss, wie lange das Gespräch dauern würde. 15 Minuten seien zu viel – «viel Arbeit!» –, und das wars auch schon. Mehr mag er nicht erzählen über sein Geschäft.

Der Chauffeur schwärmt

Eine halbe Stunde später legt der az-Wahlkampfbus vor der Werkstatt einen Extrahalt ein, um Cristina Albu und mich einsteigen zu lassen. Der Buschauffeur Mihai Mafei ist wesentlich freundlicher als sein Chef. Freudig gibt er Auskunft über sein «neues» Fahrzeug, während er gleichzeitig mit den Tücken der Strasse kämpfen muss und die Hupe auf einer einzigen Fahrt mehr zum Einsatz kommt als in Lenzburg in einem ganzen Monat. «Der Bus ist zuverlässig, beschleunigt zügig und macht keine Probleme» schwärmt Mafei. Mercedes seien ohnehin die besten Busse. Mafei hat den Bus nach seinem ganz eigenen Geschmack eingerichtet: Tannenzweige zieren die Decke und erinnern auch im Januar noch an Weihnachten, sein Sitz ist mit einem wolligen Überzug aufgewertet, ein Stoffhündchen baumelt an der Frontscheibe. Aus den Boxen dröhnt laut Hitparadenmusik. Ich stelle zufrieden fest: Mein Bus ist in guten Händen.

1172000 Kilometer auf dem Zähler

Mafei fährt auf der Ringlinie 121, die innert rund zwanzig Minuten durch Vorquartiere um das Stadtzentrum herumführt. An der Endstation hat Mafei ein paar Minuten Zeit, bevor es wieder losgeht. Wir machen die Tour dreimal mit. Viele Passagiere befördern wir nicht, aber kurz vor Mittag ist auch nicht Stosszeit. Im Innern des Busses erinnert nichts mehr an die Zeit des Wahlkampfs, als etwa die Hälfte der Sitze für Ablagen und Präsentationswände weichen musste.

Der az-Wahlkampfbus hat in Rumänien schon über 10000 Kilometer zurückgelegt und hat jetzt 1172000 Kilometer auf dem Zähler. In Rumänien wird er so lang eingesetzt, bis er defekt und eine Reparatur nicht mehr möglich ist. Hier stört es niemanden, wenn Busse keine Klimaanlage haben und sich beim Einstieg nicht senken. Und hier sind die Löhne so tief, dass sich der Aufwand einer Reparatur noch lange lohnt. Hingegen sind neue Busse für private Unternehmer schlicht zu teuer; nur die staatlichen Verkehrsbetriebe können sich solche leisten.

In Rumänien stehen dieses Jahr Wahlen an. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass der az-Wahlkampfbus auch hier zur Meinungsbildung eingesetzt wird. Und so bleibt die Anzeige «az-Wahlkampfbus» nichts weiter als ein Relikt aus dem früheren Leben von Wagen Nummer 478. Gute Fahrt, az-Wahlkampfbus, auf Nimmerwiedersehen!

*Ivo Tuchschmid ist Assistent der Chefredaktion und war Projektleiter des az-Wahlkampfbus.