Unerwartetes Geschenk

Der az-Jasskönig überraschte mit seinem Sieg nicht nur sich selber

Auf Schloss Hallwyl spielten die 40 besten Jasserinnen und Jasser aus vier Vorrunden im ersten az-Jasskönig-Final um den Titel. Thomas Hollinger reüssierte. Mit seinem Sieg hat der 59-Jährige gar nicht gerechnet.

Nein, damit habe er nun wirklich nicht gerechnet. Er habe am heutigen Abend eigentlich auch sich selber überrascht. Das sagt Thomas Hollinger, 59, wenige Sekunden nachdem er den Siegerpokal überreicht erhielt: Eine Kunststoffskulptur aus Jasskarten und einer Krone, «az-Jasskönig 2017» ist weiss auf schwarz eingraviert.

Hollingers Kopf ist noch rot, es könnte von der Hitze am ersten richtigen Sommerabend dieses Jahres sein, oder von der Nervosität. Die gelöste Konzentration der letzten Runde rinnt jetzt unter die geöffneten Knopflöcher seines Hemdes. Hollinger ist der erste az-Jasskönig der Geschichte.

Und einer, der sich über seinen Sieg doppelt freuen kann: «Heute hat meine Mutter Geburtstag. Sie wohnt in der Pflegi Muri und darf ihren 99. feiern. Bevor ich hierher kam, war ich grad bei ihr», erzählt er und strahlt wie einer, der sich zwar selber überrascht hat, aber längst nicht nur für sich selber freut.

Thomas Hollinger wird az-Jasskönig 2017

Thomas Hollinger wird az-Jasskönig

Jassen bis zum Morgengrauen

Hollinger ist ein Ur-Wiler: Er wuchs in Wil AG im Mettauertal auf und wohnt bis heute dort. Auch jassen gelernt hat er im Dorf. Genauer, und vor allem sinnigerweise für einen Jasskönig: in der «Krone». In der Beiz, die es inzwischen nicht mehr gibt, wurde alles gespielt, was es zu spielen gab: «Schieber, Drüer, Vierer, Füfer, Sächser, Büter, Coiffeur, alles !» Nach der Probe mit der Musig am Freitagabend habe man gejasst bis zum Samstagmorgen. In letzter Zeit jasse er eigentlich nicht mehr so häufig. «Manchmal spielen ich und meine Frau mit einem befreundeten Paar.

Dann gewinnen aber meistens die Frauen», berichtet Hollinger und lacht herzlich. Man könne bei ihnen weniger sicher sein, ob sie etwas bewusst verworfen, oder doch nur ungeschickterweise eine falsche Karte gezückt hätten. Konsequenz: «Meine Frau jasst auch gerne. Aber lieber nicht mit mir.» Leider fehle häufig sowieso die Zeit dazu. «Deshalb hätte ich auch nie gedacht, dass es heute reichen könnte».

Gespielt wurden im Jasskönig-Final drei Passen à 12 Spiele. Einzelschieber mit zugelostem Partner – alles einfach gezählt, ohne Stöck, Wys oder Match-Bonus. In der ersten Passe erzielte Hollinger sehr gute 1126 Punkte, in der zweiten gar 1145 – aber in der dritten «nur» noch 896. Das ergab ein Total von 3167 Punkten. Insgesamt hatte sonst niemand so gut gejasst, obschon der Abstand auf den Zweitplatzierten Ullrich Heinze aus Suhr nicht gross war: 28 Punkte. Und Hollinger analysiert jetzt schmunzelnd: «Hätte ich komplett fehlerfrei gespielt, hätte ich wohl 50 Punkte mehr machen können.»

Immer gerne kopfgerechnet

Ihm gehe es beim Jassen immer «um den Plausch». Und: Er sei ein Zahlenmensch. «Ich habe schon früher in der Schule immer gerne kopfgerechnet.» Zudem liege ihm das logische Denken. Seit 20 Jahren führt Hollinger die Kasse der Wiler Trotte, der örtlichen Weinbaugenossenschaft. Ursprünglich gelernter Elektromonteur, absolvierte er später auch die landwirtschaftliche Schule – und kehrte letztlich zu den Zahlen zurück: Er leitet die Geschäftsstelle Leibstadt der Raiffeisenbank Aare-Rhein. Im Besprechungszimmer dort stehe der Pokal vom Samschtig-Jass, und ab heute auch jener des az-Jasskönigs.

Moment: Samschtig-Jass? Ja, da habe er auch einmal mitgemacht, 2010 müsse das ungefähr gewesen sein. «Damals haben mich die Nerven ein wenig verlassen, heute nicht.» Kartenglück helfe natürlich. Aber was viel mehr helfe: «Dass die Partner einander finden.» An einem Turnier wie dem az-Jasskönig jasse man ja mit Fremden. Da seien keine Trickli nötig und möglich. Heute habe er irrsinnigerweise gleich beides gehabt: «Gute Partner und Kartenglück.» Plus ein bisschen Risiko. Das müsse man schon eingehen. «Und wenn es gut läuft, riskiert man auch ein wenig mehr.»

«Spiel findet auf dem Tisch statt»

Und welchen Profitipp hat der frisch gekrönte az-Jasskönig für alle Aargauer Jasserinnen und Jasser? «Während eines Turniers keinen Alkohol trinken. Ich nehme zum Beispiel alkoholfreies Bier.» Aber was wirklich wichtig sei: Das Spiel finde auf dem Tisch statt. «Die meisten schauen zu viel in die eigenen Karten und zu wenig, was der Partner verwirft.»

Am Sonntag folgte für den König die erste Audienz. Nicht, dass er eine gegeben hätte. Sondern: Er erwies der Mutter zum 99. Geburtstag mit der Familie die Ehre in der Pflegi Muri. Den Pokal nahm er aber mit. Und es gab, quasi zur Feier des Titels, sogar einen Jass.

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