Warum tut er sich das bloss an? Edwin Somm, inzwischen 84-jährig, muss nicht lange überlegen, sagt er. Er spüre eine moralische Verpflichtung, das Energiegesetz zu bekämpfen. Er, der 42 Jahre lang für die Geschicke der Konzerne BBC und ABB mitverantwortlich war, sagt, dass dieses Verantwortungsgefühl gegenüber Gesellschaft und Bevölkerung geblieben sei. «Ich kann das nicht einfach ablegen», sagt er, auch wenn er sich bereits seit 2002 im Ruhestand befindet.

Doch was heisst bei Edwin Somm schon Ruhestand? Er kann in den entscheidenden Tagen vor der Abstimmung über die Energiestrategie 2050 nicht ruhig sein, denn «wir tragen die Verantwortung, dass das Volk nicht ins Schlamassel läuft», ereifert er sich. Das «Schlamassel» tritt seiner Meinung nach dann ein, wenn die Schweizerinnen und Schweizer blauäugig Ja sagen zur Energiestrategie 2050.

Somm kann nicht verstehen, dass sich die Politik nicht vehementer gegen die Vorlage stemmt, dass der Abstimmungskampf höchst lau stattfindet, angesichts der Tatsache, was der Schweiz bei einer Annahme drohe. Somm erinnert sich dabei an die legendären Auseinandersetzungen, als es 1992 um den EWR-Beitritt ging; erzählt etwa von der öffentlichen Veranstaltung im Tägerhard in Wettingen, wo es fast tumultartig zuging, wo er selber und Christoph Blocher leidenschaftlich miteinander stritten.

Ein lauer Abstimmungskampf

Von einer solchen Leidenschaft sei im aktuellen Abstimmungskampf wenig zu spüren, konstatiert Somm. Er kritisiert, dass kaum Persönlichkeiten aus der Wirtschaft öffentlich gegen das Energiegesetz antreten. «Die Wirtschaft hat den Abstimmungskampf den Verbänden delegiert», sagt Somm. Und das sei ein Fehler, man müsse zu den Menschen gehen, ihnen erklären, was allenfalls auf sie zukomme.

Auch deshalb ist es für ihn klar, dass sich der «alte Chlaus», wie sich Somm scherzhaft nennt, noch einmal einmischt. «Ich bin ein Kämpfer», erklärt Somm und gesteht dann auch: «Auseinandersetzungen für eine Sache, von der ich überzeugt bin, machen mir immer noch grossen Spass.» Wer ihm zuhört, wie er engagiert argumentiert, kommt zum Schluss: Die Auseinandersetzung erhält jung.

Die Sorgen des Edwin Somm

Das Gespräch findet auf Wunsch von Edwin Somm in der Villa Boveri in Baden statt. Der Sohn des BBC-Firmengründers Walter Boveri hatte 1943 die Villa den Angestellten vermacht, der spätere ABB-Chef Somm hatte sich dafür eingesetzt, dass die in die Jahre gekommene Villa renoviert wurde und zu einem öffentlichen Begegnungsort und Kulturzentrum geworden ist. In die Villa Boveri zog sich Somm zurück, wenn es kritische Verhandlungen gab; hier verhandelte er mit den Chinesen, hier debattierte er mit der streitbaren Zürcher Stadträtin Koch – und hier erklärt er dem Journalisten, warum das Energiegesetz seiner Meinung nach wenigen nützt und vielen schadet.

Zu Besuch bei der BBC in Birr: Bundesrat Willi Ritschard (Mitte)im März 1982. Links BBC-Verwaltungsratspräsident Franz Luterbacher; rechts Edwin Somm, damals Chef Kraftwerke bei der BBC.

Zu Besuch bei der BBC in Birr: Bundesrat Willi Ritschard (Mitte)im März 1982. Links BBC-Verwaltungsratspräsident Franz Luterbacher; rechts Edwin Somm, damals Chef Kraftwerke bei der BBC.

Somm holt weit aus, nennt Fakten und Details – keine Frage, der Mann weiss, wovon er spricht. Er ist gut dokumentiert, zu jeder Aussage liefert er bei Bedarf eine Statistik, eine Grafik oder beides. Für den Laien ist es mitunter schwierig, dem Fachmann Somm folgen zu können, man spürt über ein halbes Jahrhundert Energie-Kompetenz und ist beeindruckt. Der Mann will nicht einfach recht haben. Er sorgt sich, dass die Schweiz in wenigen Jahren zu wenig Strom haben wird; er zweifelt daran, dass es gelingen wird, rechtzeitig die notwendigen Kraftwerke zu bauen.

Er fürchtet die volkswirtschaftlich unverantwortliche «Planwirtschaft», die das Energiegesetz bringe, er kritisiert, dass die grossen Stromverbraucher profitieren werden und die kleinen die Zeche bezahlen müssen. Somm rechnet vor, dass einer vierköpfigen Familie wohl Mehrkosten zwischen drei- und viertausend Franken pro Jahr entstehen werden. Dazu bemerkt er, dass er unabhängig von der SVP auf diese Zahl gekommen sei. Nur eine völlige Stromliberalisierung sorge für die Gleichstellung aller Verbraucher. Schliesslich zückt Somm eine letzte Grafik. Sie zeigt die weltweite CO²-Produktion. Und wie man die 80 Milliarden Franken, welche die Schweiz zur Reduktion ausgeben will, effizienter einsetzen könnte.

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Lernen von den Enkeln

Die Folgen der verfehlten Strategie müsse die junge Generation tragen, argumentiert Somm, und das sei unzulässig. Das sagt er auch als Grossvater von acht Enkeln im Alter zwischen 12 und 20 Jahren. Auch sie erhalten ihn jung. Er erklärt ihnen Mathematik, verreist mit ihnen, gemeinsam besuchen sie Museen. «Ich lerne viel von meinen Enkeln», sagt Somm. «Junge Menschen sind grundsätzlich neugierig. Wir dürfen diese Neugier nicht abtöten, indem wir ständig sagen, vergiss das, das geht nicht.»

Mehrere Stunden pro Tag arbeitet Somm gegen das Energiegesetz. «Ich dränge mich nicht auf», sagt er. «Überall dort, wo man mich ruft, gehe ich hin». So tritt er an Versammlungen in der ganzen Schweiz auf, hält Vorträge, debattiert; gibt viel und gerne Auskunft, kontaktiert Politiker und Leute aus der Wirtschaft; er schreibt Briefe und komponiert Power-Point-Präsentationen. «Da merke ich etwas das Alter», sagt er, «früher war ich eindeutig schneller.»
Und wenn das Energiegesetz angenommen wird? «Damit muss ich rechnen», sagt Somm. «Dann gilt es, mit allen Mitteln ein Blackout zu verhindern.»

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