Gefährdet
Der allerletzte Aargauer Verein der Schweiz hat an Olma grossen Auftritt

In St. Gallen besteht der letzte Aargauer Verein in der Schweiz. An der Olma hat er einen grossen Auftritt. Denn der Aargau ist dieses Jahr Gastkanton.

Jörg Meier
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Säulirennen an der Olma

Säulirennen an der Olma

key/ho

Hansjürg Brack ist Präsident des Aargauer-Vereins St. Gallen und Umgebung. Der 72-Jährige hat ein strenges Vereinsjahr vor sich. Denn der Aargauer-Verein feiert heuer nicht nur seinen 125. Geburtstag, er nimmt auch am Festumzug an der Olma teil; schliesslich ist der Kanton Aargau ja Ehrengast.

Bereits haben sich 25 Mitglieder angemeldet, die am Umzug hinter der vereinseigenen Aargauer Fahne mitmarschieren werden.

Der Verein zählt gut 60 aktive Mitglieder. Bedingung zur Aufnahme ist das Aargauer Bürgerrecht oder der Nachweis, dass man einige Jahre im Kanton gelebt hat.

Brack ist Bürger von Aarau und Effingen, seine Vorfahren lebten in Aarau. Alt Aarauern ist etwa Oberst Brack immer noch ein Begriff. Er war Direktor des Zeughauses; die Familie lebte im Hause des heutigen Restaurant «Schützen».

Oberst Heinrich Brack ist der Grossvater von Hansjürg Brack. Kein Wunder, führt der Jubiläumsausflug zum 125-jährigen Bestehen des Vereins nach Aarau und in den «Schützen».

Krankenkasse für Aargauer

Gegründet wurd der Aargauer-Verein St. Gallen und Umgebung im Jahre 1890. Dreizehn Aargauer Bürger, vorwiegend ausgewandert, um als Arbeiter in der florierenden St. Galler Textilindustrie ein Auskommen zu finden, trafen sich in erster Linie aus ganz praktischen Gründen. Sie waren sozial schlecht abgesichert, hatten keine Krankenkasse.

So war denn der erste Zweck des neue Aargauer-Vereins die Bildung einer gemeinsamen Kranken- und Sterbekasse. Beides gab den Arbeitern aus dem Aargau etwas Sicherheit. Rasch stieg die Mitgliederzahl auf über 50; getagt wurde jeweils im Restaurant Zebra an der Multergasse in St. Gallen. Der erste Vereinsausflug im Jahre 1895 führte auf den Üetliberg.

Unter dem dreizehnten Präsidenten erlitt das Vereinsschiff Schiffbruch; 1921 wurde der Verein aufgelöst. Doch die Aargauer in St. Gallen konnten und wollten nicht ohne verbindenden Verein sein.

1924 kam es zur Neugründung. Seither floriert der Verein, auch wenn er mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat, wie viele andere Verein auch: Es gibt kaum neue Mitglieder, das Durchschnittsalter beträgt inzwischen 69 Jahre. Noch immer werde vorwiegend Aargauer Dialekt geredet, sagt Brack, vor allem natürlich, wenn man unter sich sei.

Aargauer Kolonie in St. Gallen

«Immerhin sind wir der einzige Aargauer-Verein, den es in der Schweiz noch gibt», sagt Brack stolz.

«Früher gab es Aargauer Vereine in Zürich, Altstetten, Winterthur, Genf, Biel-Seeland, Schaffhausen und Basel; es gab sogar eine Dachorganisation, die Schweizer Vereinigung der Aargauer Vereine. Und jährlich traf man sich zur Landsgemeinde», erzählt Brack.

Das ist vorbei. Überlebt hat einzig der Aargauer Verein St. Gallen und Umgebung. Und er ist überzeugt, dass sich der Verein nicht so schnell aufösen wird. Dafür sorgt der Vorstand mit einem attraktiven Jahresprogramm mit Besichtigungen, Wanderungen und dem regelmässigen Stamm. Die Exil-Aargauer geniessen und schätzen den Zusammenhalt, das gesellige Beisammensein und die gemeinsamen Aktivitäten.

Unbestrittener Höhepunkt des Jubiläumsjahres aber bleibt die Teilnahme am Olma-Festumzug. Da kommen für einmal Tausende Aargauerinnen und Aargauer nach St. Gallen und sie werden vielleicht staunend feststellen, dass es in der Olma-Stadt auch eine veritable Aargauer Kolonie gibt.

Allerdings: Wenn der FC St. Gallen gegen den FC Aarau spielt – ja, dann sind halt auch die fusssballbegeisterten Vereinsmitglieder eher aufseiten des FC St. Gallen. «Soweit geht die Liebe zum Aargau dann halt doch nicht mehr», sagt Brack, fast entschuldigend.