Seine Gegenwart war still, unaufdringlich, immer wohltuend, seine Wirkung gross. Virgilio Masciadris Wesen war im Grunde zeitlos jugendlich, ohne die profane Erfahrung auszuklammern, aber nicht sonderlich erpicht auf die profane Erfahrung.

Darin lag nicht mal ein Schimmer von Dünkel. Masciadri glaubte und lebte, dafür aussergewöhnlich wach, die Zuversicht, dass Belletristik – das schöne Wort – den Menschen verfeinert, Quell seines umfassenden Taktgefühls ist, Teil seiner humanen Eleganz. Keiner, der ihn jetzt nicht genauso in Erinnerung behielte.

Masciadri wurde 1963 in Aarau geboren und besuchte dort die Alte Kantonsschule. In Zürich studierte er Klassische und Mittellateinische Philologie und promovierte 1993.

Es folgten Lehraufträge an Universität und Gymnasien in Zürich und Aarau. Er arbeitete als Stipendiat des Nationalfonds in Paris an einem Projekt zur antiken Mythologie. Daneben schrieb er Literaturkritiken und Gedichte, wofür er 1990 einen Förderungsbeitrag des Kantons Aarau erhielt.

1992 erschienen erste Texte von Masciadri im orte Verlag, unter dem Titel «Heimatveränderung». 1998 folgte der Gedichtband «Gespräche zu Fuss» – ja, einer von Masciadris Berufen oder Berufungen war auch der Spaziergänger.

Gespräche mit ihm aus dem Rhythmus der Schritte blieben haften, sogar der Klang seiner Stimme. Später trat Masciadri als Krimi-Autor hervor, mit dem Roman «Schnitzeljagd in Monastero». Der Krimi spielt zu wesentlichen Teilen am Comersee, wo Masciadri immer wieder während längerer Zeit lebte – im ehemaligen Elternhaus.

Massgeblich war Masciadri als Literatur-Vermittler, unter anderem als langjähriges Vorstandsmitglied der Gesellschaft «die literarische aarau». Er organisierte Literatur-Apéros, prägte die «Sommer-Akademie», lektorierte und redigierte unzählige Texte. Die «Sommer-Akademie» widmet sich jeweils besonderen Themen, etwa dem Pferd in der Literatur, dem Thema Wein oder Brasilien. Da konnten die Veranstalter regelmässig aus dem reichen Fundus von Masciadris vielfältigem Wissen schöpfen.

Ein letzter Gedichtband

Noch einmal im Besitz seiner ganzen Kräfte, wie es schien, trug Masciadri an der «Literatursuppe» im letzten Herbst eigene Gedichte vor. Die «Literatursuppe» ist eine Wanderveranstaltung von Autorinnen und Autoren in wechselnden Salons und Stuben. Kurz bevor die Krankheit ausbrach, leitete Masciadri alles in die Wege, um von Werner Bucher den orte Verlag zu übernehmen.

Ein letztes Gedichtbändchen von Virgilio Masciadri sei noch zu erwarten, heisst es aus dem Umkreis seiner Freunde – vielleicht Virgilios nobelster Zug, seine beispielhafteste Berufung: Freund. Herausgeberin ist die Berner Sprachwissenschafterin Donata Berra. Wir werden diesen Band mit dem ganzen Gewicht der Erinnerung lesen. Und wiederlesen.