Der Aargau wird von den SBB als Eisenbahn-Provinz behandelt: Seit wenigen Tagen gilt der neue SBB-Fahrplan. Einmal mehr verliert der Kanton Aargau gute Direktverbindungen.

War es kürzlich die Direktverbindung nach Chur am Morgen (der sogenannte «Skizug»), sind es diesmal zum Beispiel die Direktverbindungen nach Lausanne. Die Reise dauert nun bis zu 15 Minuten länger, und immer mit Umsteigen, teilweise sogar zweimal und neu auch mit der S-Bahn. Die Bahn-2000-Vorteile mit der Neubaustrecke Mattstetten–Rothrist durch Neigezüge via Jurasüdfuss-Linie (Neuenburg) entfallen.

Die Reisezeiten dauern wieder praktisch gleich lange wie vor 20 Jahren. Die Befürchtungen haben sich mit dem Fahrplanwechsel 2015 bewahrheitet. Der Fahrplan orientiert sich einmal mehr zu stark an den grossen Zentren.

Er vernachlässigt den bevölkerungsmässig wichtigen Aargau. Der standort-wichtige Flughafenanschluss wird verschlechtert. Die wichtigen Direkt-Verbindungen Aarau–Flughafen Kloten um 6.30 Uhr oder 7.30 Uhr für die Morgenflüge oder um 12.30 Uhr für die Nachmittagsflüge existieren nicht mehr.

Die Direktverbindung Frick– Flughafen Kloten dauert neu knapp 10 Minuten länger, weil der Zug einen Umweg über Zürich HB fährt. Die Verbindungen nach St. Gallen sind auch schlechter geworden. 

Kommerziell nicht überzeugend

Dieses Vorgehen ist wirtschaftlich nicht nachvollziehbar und auch nicht gerechtfertigt. Selbstverständlich sind die SBB gehalten, den Schnellzugsverkehr nach dem Markt zu richten.

Wo sind aber die Zahlen, die belegen, dass sich Schnellzugshalte im Aargau weniger lohnen als in Freiburg, Neuenburg, St. Gallen oder Thun? Und womit wollten die SBB es rechtfertigen, den Intercity von Zürich nach Bern am Morgen in Bern Wankdorf oder in Zürich Altstetten anhalten zu lassen, aber weiterhin nicht im Aargau? Gut, hat der Kanton da interveniert!

Aargau hat Bahnmarkt geschaffen

Die Schnellzüge (IR, ICN) leben vom Zubringer durch den Regionalverkehr. Der Aargau hat seit Jahren den Regionalverkehr mit viel Geld massiv ausgebaut. Die S-Bahnen verkehren dicht.

Rund um Aarau ist eine wichtige Eisenbahn-Region entstanden. Diese Region ist bevölkerungsmässig vergleichbar mit derjenigen von Basel, ist grösser als Olten, und auf jeden Fall auch als Freiburg oder Neuenburg.

Es geht aber nicht nur um diese Region, sondern um den ganzen Kanton Aargau. Auch Frick, Lenzburg, Brugg, Baden und andere Gemeinden haben ein grosses Einzugsgebiet. Mehrere 100 000 Aargauerinnen und Aargauer sind betroffen von der Fahrplan-Politik von Bund und SBB. Bund und SBB müssen diese Bevölkerungszahlen respektieren.

Politische Zustimmung gefährdet

Bahn-Infrastruktur und Bahnbetrieb lassen sich nicht trennen. Der Aargau hat vom Ausbau profitiert und hat auch immer wieder dazu Hand geboten. Aktuelles Beispiel ist der Eppenbergtunnel.

Ohne grossen Widerstand kann das Projekt, das dem nationalen Eisenbahnnetz dient, realisiert werden. Wenn der Bund und die SBB diesen guten Willen erhalten wollen, müssen sie den Aargau auch genügend ans Schnellzugsnetz anschliessen. Sonst ist die politische Zustimmung nicht nur zum Regionalverkehr, sondern auch zu den künftigen Grossprojekten des Bundes im Aargau gefährdet.

Auch der Aargau kann Widerstand leisten! Es darf nicht nochmals geschehen, dass Mittel, welche für den Bahnausbau im Aargau vorgesehen waren, in anderen Regionen eingesetzt werden.

Das war der Fall mit der Vorlage «Finanzierung und Ausbau der Eisenbahninfrastruktur Fabi»: Da die Mittel für Bahnhofausbauten in der Westschweiz nicht ausreichten, wurde kurzerhand der Bau des Chestenbergtunnels zwischen Rupperswil und Mellingen gestrichen. Für den Aargau hätte dieser Tunnel den Engpass zwischen Aarau und Zürich behoben und wich-tige Verbesserungen gebracht. Doch das Geld ist nun auf Jahre weg.

Versprechen genügen nicht

Der Kanton hat im aktuellen Richtplan als Grundsatz unter anderem festgehalten, dass die Aargauer Kernstädte von Direktverbindungen profitieren sollen und dass Halte von Intercity-Zügen in Aarau erste Priorität im Aargau haben.

Die aktuelle Entwicklung geht jedoch in die entgegengesetzte Richtung. Der Eppenbergtunnel darf nicht nur dazu dienen, um möglichst schnell von Bern nach Zürich zu fahren, ohne Halt im Aargau.

Versprechungen auf die nächsten Jahrzehnte genügen nicht. Spätestens wenn der Tunnel gebaut, ist müssen beispielsweise die Züge Bern–Zürich und Zürich–Bern zu Spitzenzeiten auch in Aarau anhalten. Die Verbindungen an den Flughafen und nach St. Gallen müssen wieder besser werden. Auch der umsteigefreie Halbstundentakt nach Basel ist einzuführen.

«Der Autor zieht es vor, anonym zu bleiben»: Loriot-Sketch über das Kursbuch.

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