Aargau
Der Aargau will die Zersiedlung stoppen

Alle 23 Sekunden wird im Aargau ein Quadratmeter überbaut. Jetzt werden die Siedlungsgebiete für 15 Jahre definiert. Mit dem Ziel, 100000 neue Einwohner aufzunehmen – und Platz zu sparen.

Hans Lüthi
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Reserven an unüberbauten Bauzonen

Reserven an unüberbauten Bauzonen

AZ

Nein, so kann es nicht weitergehen, sagen Politiker, Planer und Bürger unisono beim Thema Zersiedlung. Vor allem in den Zentren und immer mehr in Subzentren und kleineren Gemeinden wird gebaut wie wild. Alle wollen in die Städte und Agglomerationen, aber diese haben fast kein Bauland mehr.

Seit 1999 sind im Aargau jedes Jahr 138 Hektaren Bauland verbetoniert worden. Populärer ausgedrückt: Alle 23 Sekunden verschwindet ein Quadratmeter Land. Nach diesem Muster: Die Gemeinden zonen neue Grünflächen ein. Im Mehrheitsspiel von Parteien und Regionen sagt der Grosse Rat Ja, vielleicht mit kleinen Abstrichen. Aber jetzt ist (bald) Schluss damit.

96 bis 98 Prozent der Bauzonen sind in den grossen Orten Aarau, Baden und Wettingen belegt, in Oberrohrdorf und Ennetbaden sind es 95 Prozent.

Der Aargau hat 20 505 Hektaren Bauzonen

Von den total 20 505 Hektaren Bauzonen (15 Prozent des Aargaus) sind 17 706 Hektaren überbaut. Das entspricht einem Überbauungsgrad von genau 86,3 Prozent. Innerhalb der Bauzonen gibt es eine Unterteilung in die verschiedenen Nutzungen. Gestützt auf die überbauten Gebiete gehören
71 Prozent zu den Wohn- und Mischzonen, 15 Prozent sind Industrie- und Gewerbezonen, 11 Prozent Zonen für öffentliche Bauten und Anlagen sowie
4 Prozent Grün- und Spezialzonen.
Bei der Revision der Richtplanung kam das Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) zum Fazit, der grosse Bedarf an Wohn- und Wirtschaftsräumen werde anhalten und damit der Druck auf die Siedlungen.
Im neuen Bericht Stand der Erschliessung 2012 der Abteilung Raumentwicklung sind alle Aargauer Gemeinden aufgeführt. Aufgeteilt nach Nutzungsart und Verfügbarkeit ihrer Bauzone. Gesamtfläche und überbaute Fläche zeigen die Reserven. (Lü.).

Mehr als 80 Prozent der Bauzonen überbaut

Im Kantonsmittel sind von den 20 500 Hektaren Bauzonen mehr als 86 Prozent überbaut. Als Reserve bleibt nur ein kleiner Schnitz übrig: Knapp 10 Prozent des Landes sind baureif, je zwei Prozent in fünf Jahren baureif oder als langfristige Reserve vorgesehen.

Der Haken dabei: Die Reserven sind oft am falschen Ort, in Regionen und Gemeinden mit schwachem Wachstum oder Stagnation. Das zeigt der neue Bericht zum Stand der Erschliessung per Ende 2012 der Abteilung Raumentwicklung (siehe Box). Im südlichen Aargau, im Fricktal, Zurzibiet und Suhrental hat es viele Gemeinden mit tiefem Überbauungsgrad. Die grössten unüberbauten Reserven haben Reinach (77 Hektaren), Rheinfelden (62 ha), Oftringen (59 ha) und Sisseln (50 ha).

Die weichen neu stellen wird das revidierte Raumplanungsgesetz des Bundes vom 3. März. Mit 63 Prozent Ja gab das Volk den Auftrag gegen die Zersiedlung, der Aargau sagte mit fast 67 Prozent Ja.

Mit dem Raumkonzept Aargau hat der Grosse Rat die Basis gelegt und den Auftrag für die Richtplan-Revision erteilt. «Die neue Gesamtlösung für das Siedlungsgebiet muss mit Planungsverbänden und Gemeinden erarbeitet werden», betont Daniel Kolb, Leiter der Abteilung Raumentwicklung. Der Zeitplan: Bis Ende Jahr läuft die Behörden-Vernehmlassung, von Frühjahr bis Sommer 2014 die breite Anhörung, im Herbst kommt der Richtplan vor den Grossen Rat. Der Beschluss wird Ende 2014 erwartet.

Kriterien für Siedlungsflächen

Die gesamte Siedlungsfläche und ihre Verteilung müssen festgelegt werden – kein einfaches Unterfangen bei über 200 eigenständigen Gemeinden. «Inhaltlich ist es zu früh für eine Stellungnahme», sagt Kolb. Für die Ausscheidung der Bauzonen im Siedlungsgebiet listet er diese Kriterien auf:

Lage und Grösse der Bauzonen sind über die Gemeindegrenzen hinaus abzustimmen, gemäss den Grundsätzen der Raumplanung;

die Fruchtfolgeflächen (derzeit noch 40 600 Hektaren) sind zu erhalten, Natur und Landschaft zu schonen;

auch bei einer konsequenten Mobilisierung der inneren Reserven in den Bauzonen muss das Land voraussichtlich in 15 Jahren benötigt, erschlossen und überbaut werden;

das Kulturland darf nicht zerstückelt werden; die Verfügbarkeit muss rechtlich sichergestellt sein.

Das für die nächsten 15 Jahre prognostizierte Wachstum von zusätzlich 100 000 Einwohnern wird – gestützt auf die konkreten Zahlen der letzten Jahre – eher übertroffen als unterschritten. «Ziel muss es sein, die Zersiedlung zu stoppen und die Entwicklung nach innen zu lenken», sagt Daniel Kolb. Gemeinsam mit der Wirkung des Raumplanungsgesetzes sollte das Wachstum in die grüne Landschaft hinaus aufhören oder mindestens sehr deutlich gebremst werden.

«Der Aargau hat die Hausaufgaben jedenfalls gemacht», erklärt Raumplaner Kolb. Schon in den 80er- und 90er-Jahren habe der Kanton 2600 Hektaren Bauland ausgezont. «Darum gehen wir nicht von grossflächigen Auszonungen aus», versichert er. Die grosse Knacknuss werde darin bestehen, in den Städten zu genügend Raum zu kommen.

Denn die Nachfrage nach Wohnraum findet hier und in den Agglomerationen statt. Innere Entwicklung versteht er nicht als eine masslose Verdichtung, es gehe um die Schaffung neuer Qualitäten. Wenn es in beschränktem Masse neue Siedlungsorte brauche, müssten sie mit dem öffentlichen Verkehr gut erschlossen sein. Zur Vermeidung des Verkehrs-Kollapses.

Wenn im Frühling 2014 das Gesetz zur Raumplanung in Kraft tritt, wie vorgesehen, hat das harte Konsequenzen für viele Kantone: Bis der Bund ihre geänderten Richtpläne genehmigt hat, sind Einzonungen nur noch dann erlaubt, wenn die gleiche Fläche ausgezont wird. Von der Eingabe bis zum grünen Licht aus Bern rechnet Daniel Kolb mit ein paar Monaten. Nicht wie jene Politiker, die bereits munkeln, das könne zwei Jahre oder länger dauern. Davon geht Kolb nicht aus, gemeinsam mit anderen Kantonen sei man im Gespräch mit dem Bundesamt für Raumplanung.