Geschichte

Der Aargau von 1950 bis heute: Warum der Kanton eine historische Aufarbeitung braucht

Historiker Fabian Furter erklärt, warum jetzt der richtige Zeitpunkt für die Aufarbeitung der Aargauer Geschichte seit 1950 ist und warum dabei auch der Cupsieg des FC Aarau im Jahre 1985 nicht unerwähnt bleiben darf.

Der Aargau hatte mit den drei Bänden der «Geschichte des Kantons Aargau» Ende der 1970-er Jahre eine für damalige Zeit vorbildliche Kantonsgeschichte. Allerdings endet Band III im Jahre 1953. Eine Darstellung über die bewegte Zeit nach 1953, die sich auf aktuelle Forschungsergebnisse stützt, fehlt bis heute.

Mit einem neuen, ausschliesslich auf die Zeitgeschichte fokussierten Projekt zur Kantonsgeschichte will die Historische Gesellschaft Aargau diese Lücke schliessen. Der Regierungsrat unterstützt die neue Kantonsgeschichte mit 1,64 Millionen Franken aus dem Swisslos-Fonds. Ein achtköpfiges Team von Historikerinnen und Historikern hat inzwischen die Arbeit aufgenommen. Geleitet wird das Team gemeinsam von den beiden Historikern Fabian Furter und Patrick Zehnder.

Herr Furter, braucht der Aargau eine historische Aufarbeitung der Kantonsgeschichte der letzten 50 Jahre? Oder handelt es sich eher um ein Historikerbeschäftigungsprogramm?

Fabian Furter: Das ist eine legitime Frage. Wir glauben, dass es sinnvoll ist, wenn sich die Aargauerinnen und Aargauer mit ihrer jüngeren Geschichte auseinandersetzen, wenn sie erfahren, was im letzten halben Jahrhundert in ihrer unmittelbaren Umgebung passiert ist, warum etwas passiert ist und welches die Folgen waren. Das schafft im Idealfall Verständnis, fördert Identität und Verbundenheit mit dem Kanton der Regionen.

   

Ein Buch im Internetzeitalter – ist das noch zeitgemäss?

Das Buch ist ein wichtiger Teil des Gesamtprojektes. Die neue Publikation zur Kantonsgeschichte wird aber zusätzlich von einem digitalen Online-Angebot begleitet und ergänzt. Alle Fotos, Filmbeiträge, Interviews oder Konzertmitschnitte lassen sich in Buchform gar nicht abbilden. Dazu nutzen wir Kanäle wie Youtube oder Wikipedia.

Trotzdem: Wenn schon bald im Internet mehr zu finden ist, als im Buch Platz hat – braucht es da die Publikation noch? Oder könnte man alles ins Internet verschieben?

Die Publikation ist das unverzichtbare Kondensat der Forschungsarbeiten, sie ist der Nukleus des ganzen Projektes. Zudem glaube ich immer noch an das Buch als werterhaltendes Produkt. Ich habe hier mehr Vertrauen ins Buch als ins Internet. Immerhin hegen wir den Anspruch, dass das Buch das Standardwerk zur Aargauer Zeitgeschichte für die nächsten Jahrzehnte sein wird.

Was erzählt mir die neue Aargauer Geschichte über den Aargau?

Wir möchten zeigen, wie sich der Kanton seit 1950 verändert hat. Dazu nur einige Stichworte: der Landschafts- und Siedlungswandel, das Wirtschaftswachstum, der technologische Fortschritt, die sozialen und kulturellen Umbrüche, die zunehmende Mobilität. Dabei untersuchen wir speziell spezifisch aargauische Phänomene.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Zum Beispiel die gründliche Veränderung des Wirtschaftsstandortes Baden nach dem Verschwinden der BBC. Oder das Büro Metron in Brugg, das die Raumplanung über den Aargau hinaus geprägt hat. Oder die Folgen der Veränderung der Landschaft im Aargau: Rund 70 Prozent aller Gebäude sind in den letzten 50 Jahren entstanden.

Auch der FC Aarau hat den Aargau bewegt; er war 1993 gar Schweizer Meister. Hat der FC Aarau auch Platz in der neuen Aargauer Geschichte?

Selbstverständlich erhält der FC Aarau, der Sport im Allgemeinen, gebührend Raum. Denkbar, dass sogar Walter Iselins Wundertor von 1985, das den Cupsieg brachte, abrufbar sein wird. Auch vor der Popkultur verschliessen wir uns keinesfalls. DJ Bobo wird im Buch wohl thematisiert werden und online zu hören sein.

Sie erzählen die Aargauer Geschichte der letzten 50 Jahre. Viele Leserinnen und Leser haben diese Zeit selber erlebt und erinnern sich. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Zunächst bedeutet es, dass wir viele Zeitzeugen haben, die wir befragen können. Und das werden wir auch tun. Wir befragen nach der Methode von «Oral History» 50 Zeitzeugen, die über ein bestimmtes Wissen verfügen oder dabei waren, als Bedeutendes passierte. So erhalten wir wertvolle, authentische Informationen. Die Gespräche werden gefilmt und dann auch online gestellt.

Als die Autobahn vor 50 Jahren eröffnet wurde, feierten die Kölliker und sie waren begeistert und dankbar. Sigfried Kuhn /StAAG/RBA4-3-11

Als die Autobahn vor 50 Jahren eröffnet wurde, feierten die Kölliker und sie waren begeistert und dankbar. Sigfried Kuhn /StAAG/RBA4-3-11

Der Kanton bezahlt aus dem Swisslos-Fonds 1,64 Millionen Franken an das Projekt. Hat er auch Einfluss auf die Auswahl des Autorenteams genommen?

Nein. Der Regierungsrat hat keinerlei Einfluss auf die Zusammensetzung des Teams genommen. Die Stellen wurden öffentlich ausgeschrieben. Das Echo war gross. Es gingen über 70 Bewerbungen ein.

Sie waren am Auswahlverfahren beteiligt. Wie haben Sie ausgewählt?

Das achtköpfige Historiker-Team ist altersdurchmischt und besteht paritätisch aus vier Frauen und vier Männern. Die meisten haben einen Bezug zum Aargau und zur Aargauer Geschichte und alle sind sich Projektarbeit im Team gewohnt. Vielfalt ergibt sich aus den unterschiedlichen Biografien, den politischen Ansichten und bisherigen wissenschaftlichen Tätigkeiten. Wenn früher ein auserwählter Historiker – immer Männer – seine Meistererzählung verfasste, dann repräsentieren wir sicher viel mehr die Vielfalt des Aargaus. Wir kommen aus den verschiedenen Regionen, sind katholisch, sind reformiert, sind weder noch, wir decken ein breites politisches und kulturelles Spektrum ab, und machen Karate, OL oder Tennis.

Können Sie ein konkretes Beispiel machen?

Der Historikerkollege Titus Meier gehört zum Autorenteam. Er ist bekanntlich FDP-Grossrat und Offizier. Ich selber habe einst für die SP in Wohlen Lokalpolitik betrieben und komme aus einem armeekritischen Umfeld. Ich freue mich auf gute Diskussionen, die es zweifellos absetzen wird.

Im Zeitalter von Fake News: Kann ich mich als Leser darauf verlassen, dass das, was mir über den Aargau erzählt wird, auch wirklich wahr ist?

Geschichte ist keine exakte Wissenschaft. Was Historikerinnen und Historiker in ihrer Ausbildung lernen, ist die Analyse verschiedener Quellen und das Streben nach faktenbasierter Wahrheit. Und gleichwohl hat jeder seine eigene biografische Prägung und seine Interessen, die Einfluss auf seine Arbeit haben. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Team von Gleichberechtigten funktionieren. Jeder Text wird von allen Teammitgliedern gegengelesen und kommentiert. So versuchen wir, der Wahrheit unter Einbezug aller verfügbaren Quellen möglichst nahe zu kommen.

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