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Der Aargau stellt das «Lothar»-Reservat für 50 Jahre unter Naturschutz

Wer ihn hautnah erlebt hat, wird ihn zeitlebens nicht mehr vergessen können. Sturm «Lothar» raste am 26. Dezember 1999 quer durch die Schweiz und den Aargau. Jetzt stellt die Regierung den vom Orkan zerstörten Staatswald bis 2063 unter Naturschutz.

Hans Lüthi
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So sieht die Lotharfläche in Hausen heute aus, die nun für 50 Jahre unter Schutz gestellt wird.

So sieht die Lotharfläche in Hausen heute aus, die nun für 50 Jahre unter Schutz gestellt wird.

Annika Bütschi

Wälder, Wohnhäuser und Grossbauten sahen im ganzen Aargau aus wie nach Luftangriffen. Am zweiten Weihnachtstag 1999 fegte der Sturm «Lothar» mit einer Urgewalt über Europa.

Die traurige Bilanz: Allein im Aargau starben drei Menschen durch den Orkan, anderthalb Millionen Bäume lagen kreuz und quer am Boden (siehe Box).

Zwar begannen die Förster rasch mit dem Aufräumen, aber zahlreiche Waldstrassen blieben tage- und wochenlang gesperrt. Das Sturmholz selber wurde mit einem gewaltigen Einsatz aufgerüstet - mit Ausnahmen: Für den Staatswald oberhalb von Hausen Richtung Habsburg beschloss der Kanton, vorerst alles liegen zu lassen, die schönsten Stämme inbegriffen.

Das Waldreservat «Lothar»

Die Regierung hat nun beschlossen, die rund 31 Hektaren Sturmflächen in Hausen für die nächsten 50 Jahre als Naturwaldreservat «Lothar» auszuscheiden.

«Es ist die grösste unter Schutz gestellte «Lothar»-Fläche im Kanton», betont Franziska Kaiser von der Abteilung Wald. Mit einer Anzahl kleinerer Gebiete sind im Aargau insgesamt 75 Hektaren «Lothar»-Flächen langfristig geschützt worden.

Insgesamt hat «Lothar» 3400 Hektaren beschädigt. Der Grad der Zerstörung lag zwischen 40 und 100 Prozent. Speziell am jüngsten Nutzungsverzicht für ein halbes Jahrhundert: «Hier geht es um einen sehr produktiven und gut erschlossenen Standort im Mittelland», hält Kaiser fest.

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Sturm Lothar
10 Jahre nach Sturm Lothar

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Erst enttäuscht, jetzt begeistert

Vielen Förstern tut es im Herzen weh, wenn sie nach jahrzehntelanger Pflege schönstes Wertholz an den Naturschutz verlieren. Auch Revierförster Paul Brogli reute es nach dem Jahrhundertsturm:

«Die schönsten Lärchenstämme überliess ich nur ungern den Pilzen und Kleintieren zur Besiedlung», zitiert Franziska Kaiser ihn in einem Bericht der Kantonsschrift «Umwelt Aargau».

Später musste er das Projekt Naturwald-reservat auch gegenüber skeptischen Berufskollegen verteidigen. Unter den Förstern sind etliche der Ansicht, man müsste weniger produktive Flächen, etwa im Jura, der Natur zur freien Entwicklung überlassen.

In der Bevölkerung war die Meinung geteilt, ein Teil der Leute hatte wenig Verständnis, weil so viel Holz einfach «verschenkt» wurde.

Förster Brogli selber freut sich nach 14 Jahren darauf, die Sturmflächen weiter zu belassen. Wo 1999 schon Jungbäume am Aufkommen waren, «haben wir heute bereits wieder richtigen Wald, mit einer vielfältigen Mischung an Baumarten», erklärt Brogli.

Da gebe es die sonst seltenen Birken, Weiden und Vogelbeeren, die viel Licht brauchen - aber als Wertholz wenig taugen.

Anderseits wuchern Adlerfarn, Brombeeren und Seegras, doch mit weniger Licht werden auch sie wieder verschwinden.

Naturwaldreservate gibt es auch ausserhalb von «Lothar», insgesamt rund 2500 Hektaren. «Das Ziel bis 2020 sind 3400 Hektar oder 7 Prozent der Aargauer Waldfläche», sagt Franziska Kaiser.

Für das Programm bis 2019 hat der Grosse Rat netto knapp 10 Millionen Franken bewilligt. Damit kann der Nutzungsverzicht den Wald-Eigentümern entschädigt werden.

Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) vergleicht die Entwicklung in Hausen mit einer nach «Lothar» geräumten Waldfläche in der Nähe. Dazu gebe es im Mittelland noch kaum Erfahrungen.

«Lothar»: Drei Todesopfer, Chaos im Verkehr, Zerstörungen

Wer ihn hautnah erlebt hat, wird ihn zeitlebens nicht mehr vergessen können. Ab 10 Uhr raste «Lothar» am 26. Dezember 1999 quer durch die Schweiz und den Aargau. Landesweit gab es 14 Todesopfer, 3 davon im Aargau, die meisten wurden von Bäumen erschlagen. Besonders tragisch war das Schicksal eines Sechsjährigen: Er wollte sich in Suhr in Sicherheit bringen und wurde auf dem Heimweg getroffen. Der Verkehr auf Strasse und Schiene brach vielerorts zusammen, obwohl keine Pendler unterwegs waren. Zwischen Aarau und Killwangen/Spreitenbach wurde die Bahn durch Busse ersetzt. Die Folge von umgestürzten Bäumen und anderen Verwüstungen: Oft stundenlange Wartezeiten. Weil Dächer von Einfamilienhäusern und Industriebauten buchstäblich davonflogen, gab es grosse Gebäudeschäden. Die Aargauische Gebäudeversicherung bezifferte sie später auf rund 50 Millionen Franken. In den Wäldern wurden riesige Flächen verwüstet, als Folge davon verursachte der Borkenkäfer weitere Schäden. In 70 der damals 232 Gemeinden fiel der Strom aus. (Lü.)

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