Sefika Garibovic ist eine gefragte Frau. Sie und ihr Handy kommen kaum zur Ruhe. Eltern, Lehrer, Medien – alle wollen sie Auskunft von der Erziehungsexpertin, Konfliktmanagerin, Dozentin und Autorin. «Konsequent Grenzen setzen – Vom Umgang mit schwierigen Jugendlichen» heisst ihr neues Buch. Ein Thema, das bewegt. Bei der Vernissage, erzählt die 57-Jährige, seien so viele Besucher gekommen, dass einige auf der Treppe sitzen mussten. Nach dem Gespräch in einem Badener Kaffee muss sie weiter zu einer Krisenintervention. Eine junge Frau ist am Vorabend ausgerastet und hat die Wohnung der Eltern verwüstet. Alltag für Sefika Garibovic.

Frau Garibovic, zu Ihnen kommen Kinder und Jugendliche, die davor Eltern, Lehrer, Schulpsychologen zur Verzweiflung gebracht haben. Warum tun Sie sich das an?

Sefika Garibovic: Mein Beruf ist meine Berufung. Fast alle meine Klienten ritzen sich, trinken, kiffen, sind mehrmals verurteilt, viele sind von der Schule geflogen und gelten als austherapiert. Mir geht es um die Kinder. Wer eine graue Kindheit hat, ist als Erwachsener ein Psychopath. Der Schaden ist so gross, dass sie sich nie in eine Gesellschaft einordnen können, vor allem sind sie beziehungsunfähig.

Wie funktioniert die Garibovic-Methode, wie Sie sie nennen?

Ich gehe zu Hause bei den Familien vorbei, spreche mit dem Kind Klartext, nehme es ernst. Zum Beispiel sage ich: Wenn du so mit mir redest, dann gehe ich. Du kannst dir überlegen, ob du dich wieder meldest. Ich brauch dich nicht, aber ich glaube, du mich schon. Bei mir gibt es keinen Zwang.

Wie oft haben Sie damit Erfolg?

Meine Methode bedingt, dass alle Therapien sofort abgebrochen werden. Ich biete etwas anderes als alle Fachleute. Ich bin keine Super-Nanny, aber am Schluss funktionieren meine Klienten. Dazu gehört, dass mich meine Typen – vom Prügler bis zum Vergewaltiger – 24 Stunden anrufen dürfen.

Wieso bieten Sie das an?

Das ist matchentscheidend. Ich bin für sie rund um die Uhr erreichbar, auch in den Ferien und am Wochenende. Einige melden sich um 2 Uhr morgens. Die Jugendlichen brauchen Führung, Vorbilder und die Möglichkeit, jederzeit anrufen zu können, wenn sie es nicht mehr aushalten. Das wird oft genutzt. Dadurch entsteht eine Brücke. Diesen Job kann man nicht machen ohne Beziehung zum Kind.

Ihr Vorgehen ist sehr aufwendig. Sie können nicht unbeschränkt viele Fälle annehmen.

Leider nein. Ich führe eine Warteliste. Zurzeit habe ich viele ganz schwierige Fälle. Wegen meines Buches rufen Eltern im Minutentakt an. Ich kann nicht Nein sagen, wenn mir jemand am Telefon sagt, ich sei ihre letzte Hoffnung.

Sie lehnen selten jemanden ab?

Für ein Gespräch nicht, nein. Aber für eine längere Beratung muss ich absagen. Ich kann mich nicht klonen. Ich wünschte mir, dass mehr Leute in diesem Bereich arbeiten würden.


Wie erklären Sie sich, dass Ihrem Beispiel nicht häufiger gefolgt wird?


Fachleute wollen heute bis fünf Uhr arbeiten und danach nichts mehr von der Arbeit wissen. Doch ohne Berufung geht es nicht. Dazu braucht es aber auch Zivilcourage und Kampfgeist, um sich gegen die Behörden durchzuboxen.

Wie oft geben Sie ein Kind auf?

Bis jetzt habe ich noch keinen Fall abgegeben wegen der Kinder, sie haben bei mir einen Bonus. Pro Jahr kündige ich in zwei Fällen, wobei der Grund bei den Eltern liegt. Es gibt kein Kind, das nicht auf den richtigen Weg gebracht werden kann, wenn mindestens ein Elternteil mitmacht. Die Kinder sind die Ersten, die kooperieren.

Sie betreuen Kinder und Jugendliche in der ganzen Deutschschweiz. Wie viele davon im Aargau?

Sehr viele, die Aargauer machen die grösste Gruppe meiner Klienten aus. Meistens kommen die Eltern zu mir. Ein Beispiel: Ich habe einen Teenager aus einer jungen Familie betreut, die in einem wunderschönen Haus lebt. Die Eltern kümmern sich um ihre Kinder, die Mutter backt selber Brot. Doch ihr Bub störte den Unterricht, wurde ausfällig, bespuckte Lehrer und Eltern. Er musste nach Brugg in die Beobachtungsstation und über Jahre Ritalin nehmen. Inzwischen ist er in einer ganz normalen Schule, ein guter Sek-B-Schüler.

Wie lange hat das gedauert?

Neun Monate.

Und wie haben Sie das hinbekommen?

Die Eltern haben sehr stark mit mir zusammengearbeitet. Ich habe ihnen geraten, ihm zu zeigen, dass es eine Hierarchie gibt, aber auch, dass sie ihn gern haben. Im Schulhaus wollte ihn keine Klasse mehr aufnehmen. Deshalb sollte er in eine stationäre heilpädagogische Einrichtung abgeschoben werden, für 32 000 Franken im Monat. Ich habe mich geweigert, ihn dorthin zu schicken. Es hat sich gelohnt, er hat in den letzten Monaten viel gelernt, ist jetzt viel ruhiger.

Ihr Verdienst?

Das sind nicht nur meine Erfolge, dazu braucht es eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern, aber auch mit der Schule und den Lehrern. Ich suche für die Jugendlichen andere Schulen, spreche mit den Schulleitern, ob sie einen Lehrer haben, der sich positionieren kann – nicht mit Birkenstöcken und kurzen Hosen vor die Klasse tritt. Danach stehe ich auch 24 Stunden den Lehrern zur Verfügung, falls sie Rat brauchen.

Sie schreiben im Buch, dass die Schuld häufig bei den Eltern liegt.

Viele Mütter und Väter wollen der Konfrontation aus dem Weg gehen, weil das einfacher ist. Schuld daran sind auch die Ratgeber, die es überall zu kaufen gibt. Darin steht, Kinder sollen selber Entscheidungen treffen, etwa wann sie nach Hause kommen. Liebe Eltern, ein bisschen Hierarchie schadet nicht. Es kann nicht sein, dass die Kinder zeigen, wo es langgeht. Sonst machen sie, was sie wollen.

Haben Eltern zu viel Angst, Fehler zu machen bei der Erziehung?

Viele Eltern sind Egoisten. Sie haben Angst, etwas zu verpassen. Doch die Priorität muss beim Kind liegen. Man kann nicht den Fünfer und das Weggli haben, das geht nicht. Ich betreue zum Beispiel eine 13-Jährige, die für tausende Franken bei Zalando Kleider bestellt hat, die Eltern zahlen das, weil ihre Tochter sonst ausrastet und gewalttätig wird. Einen anderen Vater habe ich kürzlich mit gebrochenem Bein angetroffen, weil sein Sohn ihn verprügelt hat. Viele Leute wollen nicht, dass diese Fälle bekannt werden. 95 Prozent meiner Klienten sind Schweizer, sie kommen aus allen Schichten – vom Arbeiter- bis zum Politikerkind.

Sie üben massive Kritik an Schulen, Psychologen und Heilpädagogen. «Abklärungsindustrie vergeudet Steuergelder», schreiben Sie etwa. Wie viel davon ist Provokation?

Ein bisschen polarisieren möchte ich sicher, um die Gesellschaft aufzurütteln. Die Kinder leiden in der Schweiz unter Missbräuchen. Damit meine ich nicht Vergewaltigung oder sonstige Gewalt, sondern die Maschinerie der Abklärerei. Kinder und Jugendliche zu vermitteln, ist zum lukrativsten Geschäft in der Schweiz geworden. Da werden Timeouts für 15 000 Franken monatlich verfügt. Gewisse Schulen schicken schwierige Schüler sehr schnell in solche Timeouts – auf ein Schiff oder nach Namibia. Das dürfen Schulen bis zu sechs Monaten selber verordnen. Doch unerzogene Kinder sind keine kranken Kinder. Man muss sie nicht einsperren oder von zu Hause wegschicken, sondern mit ihnen arbeiten.

Dann müsste man aus Ihrer Sicht den Umgang mit auffälligen Kindern und Jugendlichen ändern?

Ja, das ganze System ist veraltet. Gerade hier im Aargau. Da ist eine Maschinerie zur Therapierung und Bestrafung aufgebaut worden. Und wir erwarten, dass die Jugendlichen danach funktionieren. Doch sie scheitern bereits in der Lehre, weil sie sehr unselbstständig, ängstlich oder arrogant sind. Welcher Betrieb nimmt eine austherapierte Person, die keine Hierarchie kennt! Wir müssen Kinder befähigen, etwas zu lernen. Sonst produzieren wir schwer vermittelbare Arbeitslose und Psychopathen.

Ihr Smartphone klingelt erneut. Eine Mutter ruft an, die mit ihrem Kind vorbeikommen möchte. Sie arbeite auch am Wochenende, sagt Sefika Garibovic und vereinbart einen Termin für Sonntagmorgen.

Wo sehen Sie im Aargau den grössten Handlungsbedarf?

Der Aargau ist eine Hochburg der Abklärerei. In Brugg wurde dazu eine ganze Station und mit ihr ein riesiges Imperium aufgebaut, das die Gesellschaft und den Kanton sehr viel Geld kostet. Es werden kerngesunde Kinder therapiert. Wenn ein Kind lebendig ist, den Unterricht stört, sich ritzt oder klaut, dann muss es nicht zum Psychologen oder Psychiater und vor allem nicht Ritalin nehmen. Das ist eine Droge, um Kinder ruhigzustellen, mit Nebenwirkungen wie Verstopfung, Aggressionen oder Depressionen.

Lobende Worte finden Sie hingegen für die Jugendstaatsanwaltschaft Aargau. Warum?

Ich bin tief beeindruckt von ihrer Arbeit. Das ist ein Paradebeispiel. Für mich ist es die einzige Jugendanwaltschaft, welche die gesellschaftliche Aufgabe erfüllt. Sie stecken Jugendliche nicht gleich hinter Gitter, sondern geben ihnen eine Chance. Natürlich haben diese Jugendlichen Verbrechen begangen, das will ich nicht entschuldigen. Doch sie sollen nicht nur bestraft, sondern auch resozialisiert werden – das ist der Auftrag der Gesellschaft.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, Ihr grösster Wunsch sei es, mit dem Carlos genannten Jugendlichen zu arbeiten, dessen teures Sondersetting für Schlagzeilen sorgte. Hat das inzwischen geklappt?

Leider nein. Ich hätte mir das sehr gewünscht und ihn während zweier Monaten gratis betreut. Doch die Verantwortlichen in Zürich lehnten mein Angebot ab.

Der «Fall Carlos» sorgte vor drei Jahren für reichlich Wirbel in der Schweizer Bevölkerung:

Was hätten Sie in diesen zwei Monaten gemacht?

Erstens hätte ich geschaut, dass wir uns kennenlernen können und ihn nach seiner Sicht gefragt. Danach hätte ich ihn in ein Praktikum geschickt. Das hätte ich geschafft. Alle meine Typen sind tausend Mal schlimmer als Carlos.

Nach dem Interview müssen sie weiter zu einer Krisenintervention. Was erwartet Sie dort?

Jesses Gott, schlimm. Die junge Frau hat gestern randaliert zu Hause, die ganze Wohnung demoliert und ist mit dem Messer auf die Mutter losgegangen. Nun gibt es ein Gespräch mit ihr und den Eltern. Wenn mich jetzt jemand anrufen würde, breche ich das Gespräch ab und gehe vor Ort.

Auf dem Weg zurück zum Bahnhof bleibt Sefika Garibovic stehen, liest ein Mail auf ihrem Smartphone. Planänderung. Zürich statt Neuenhof. Nun ist ihre Hilfe dort gefragt. Eine Krise jagt die nächste.

Garibovic, Sefika, Konsequent Grenzen setzen. Vom Umgang mit schwierigen Jugendlichen, Orell Füssli, Zürich 2016.

Fall Carlos: Wieder Therapie gefordert

Der bald 20-Jährige muss sich unter anderem wegen Sachbeschädigung und Drohung verantworten. Die Forderung nach einer Therapie kritisieren Experten.