Wahlen
Der Aargau im Nationalrat: Weiblicher, jünger und politisch stärker eingemittet

Nach dem Rechtsrutsch 2015 schlägt das Pendel bei den Nationalratswahlen auf die andere Seite aus: SVP und FDP verlieren Wähleranteile und je einen Sitz, die SP holt ihr drittes Mandat zurück. Grüne und GLP legen wählermässig stark zu, gewinnen aber keine zusätzlichen Sitze. Diese gehen an die CVP, die von einer Listenverbindung profitiert, und an die EVP, welche die BDP überholt.

Fabian Hägler
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Grosse Emotionen: Gabriela Suter (SP) erfährt, dass sie in den Nationalrat gewählt wurde.
67 Bilder
Benjamin Giezendanner schafft erstmals die Wahl in den Nationalrat - als zweitbester auf der SVP-Liste.
Vater und Sohn: Ulrich Giezendanner ist nach 28 Jahren im Nationalrat abgetreten, Sohn Benjamin tritt mit der Wahl in dessen Fussstapfen.
Feier gemeinsam mit der SVP im Aarauer Schützen: Rita und Hansjörg Knecht.
Thierry Burkart (FDP) und Hansjörg Knecht bei der Ständeratswahl die besten Resultate erzielt - für eine Wahl reichte es aber beiden nicht.
Die CVP holt einen zweiten Sitz. Die bisherige Nationalrätin Ruth Humbel wird wiedergewählt.
Die CVP Aargau feiert den Sitzgewinn - in der MItte Marianne Binder, die neu als Nationalrätin gewählt ist.
Von links: Markus Dieth (Regierungsrat), André Rotzetter (Wahlkampfleiter), Marianne Binder (Parteipräsidentin und Nationalrätin neu), Ruth Humbel (Nationalrätin bisher), Alfons Kaufmann (Vizepräsident).
Wahlen-AG-Liveticker für 20. Oktober 2019
SP-Nationalrat Cedric Wermuth freut sich mit Yvonne Feri. Ihre Partei gewinnt einen Sitz. Neu sind es drei.
Die SP feiert in der Aarauer Altstadt: Die Aargauer Parteipräsidentin Gabriela Suter ballt die Siegesfaust.
Die BDP verliert ihren Sitz im Nationalrat - hier sehen es Ständeratskandidatin Maya Bally und Kantonalpräsident Roland Basler kommen.
BDP-Nationalrat Bernhard Guhl muss sich aus Bern verabschieden.
Wiedergewählt worden ist dagegen FDP-Nationalrat Matthias Jauslin – das war auch erwartet worden.
Wahlfeier der FDP Aargau: Mathias Jauslin (links) und Thierry Burkart (rechts) sind im Nationalrat bestätigt. Auf den ersten Ersatzplatz schafft es Maja Riniker (Mitte). Wird Burkart im 2. Wahlgang der Ständeratswahlen gewählt, rutscht sie für ihn in den Nationalrat nach.
Obenauf, aber noch nicht am Ziel: Thierry Burkart bei den Freisinnigen im «Einstein».
Bei den Grünen reicht es trotz massivem Stimmenplus nicht zu einem zweiten Sitz. Irène Kälin verteidigt ihr Mandat deutlich.
Ständeratskandidatin Ruth Müri (Grüne) macht ein starkes Resultat. Hier im Parteikollegen, rechts Parteipräsident Daniel Hölzle.
Sie wehrt am Nachmittag noch Gratulationen ab – doch später wird klar, dass Lilian Studer für die EVP den Sitz von BDP-Nationalrat Bernhard Guhl übernimmt.
Der Aargauer FDP-Präsident Lukas Pfisterer, der auch für den Nationalrat kandidierte, mit Thomas Kähr.
Wie Benjamin Giezendanner ist auch Jean-Pierre Gallati neu in den Nationalrat gewählt worden. Gallati hat allerdings gute Chancen, in den Regierungsrat gewählt zu werden im zweiten Wahlgang.
Es folgen die 16 gewählten Nationalrätinnen und Nationalräte: Hansjörg Knecht, SVP. bisher, 73'587 Stimmen. Er wird sicher zum zweiten Wahlgang für den Ständerat antreten.
Benjamin Giezendanner, SVP, neu, 68'024 Stimmen.
Andreas Glarner, SVP, bisher, 64'053 Stimmen.
Thomas Burgherr, SVP, bisher, 63'155 Stimmen.
Martina Bircher, SVP, neu, 58'757 Stimmen.
Jean-Pierre Gallati, SVP, neu, 55'454 Stimmen – hier im TV-Talk am Wahlsonntag. Falls er in den Regierungsrats gewählt wird im zweiten Wahlgang, wird sein Platz frei.
Cédric Wermuth, SP, bisher, 47'890 Stimmen.
Yvonne Feri, SP und bisher, 46'241 Stimmen, hier auch im TV-Talk von TeleM1.
Gabriela Suter, SP, neu, 36'867 Stimmen.
Thierry Burkart, FDP, bisher, 50'507 Stimmen. Er schafft womöglich noch die Wahl in den Ständerat im zweiten Wahlgang.
Matthias Jauslin, FDP, bisher, 29'835 Stimmen.
Ruth Humbel, CVP, bisher, 34'469 Stimmen.
Marianne Binder-Keller, CVP, neu, 27'202 Stimmen.
Irène Kälin, Grüne, bisher, 34'501 Stimmen.
Beat Flach, GLP, bisher, 25'748 Stimmen.
Lilian Studer, EVP, neu, 13'740 Stimmen.
Rückschlag für die SVP: Der Aargauer Präsident Thomas Burgherr und sein Parteisekretaer Pascal Furer müssen grosse Verluste hinnehmen.
Jean-Pierre Gallati holt bei der Regierungsratswahl mit Abstand am meisten Stimmen.
Die Aargauer SP-Präsidentin Gabriela Suter: "Im Kanton Aargau ist ein Linksrutsch gewollt."
Impressionen aus dem Ratskeller im Grossratsgebäude in Aarau: Thomas Burgherr (SVP) spricht mit Journalisten
Gespanntes Warten auf die Resultate aus den Aargauer Bezirken.
Der CVP wird ein zweiter Nationalratssitz vorausgesagt – alle sind überrascht, nur der Wahlkampfleiter der zuletzt serbelnden Partei nicht.
Ständeratskandidat Thierry Burkart (FDP) beantwortet die Fragen von Radio Argovia.
Er lässt sich zwar noch nicht gratulieren, bevor das Endergebnis da ist, aber jetzt schon ist klar: Benjamin Giezendanner (rechts) löst für die SVP im Nationalrat seinen Vater Ueli ab.
SP-Kandidatin Yvonne Feri liegt auf dem zweiten Platz - für die Sozialdemokratin ist schon klar, dass sie am 24. November nochmals antritt.
Wenn die SP einen Sitz gewinnt, was sehr wahrscheinlich ist, ziehen diese drei Kandidierenden in den Nationalrat ein: Cédric Wermuth (Bild), Yvonne Feri und Parteipräsidentin Gabriela Suter.
Regierungsratskandidatin Doris Aebi (GLP).
Die GLP verfolgt den Wahlnachmittag in familiärer Atmosphäre im Roschtige Hund in Aarau. Die Stimmung ist gut, man freut sich über den gestiegenen Wähleranteil, auch wenn es nicht zu einem zweiten Sitz im Nationalrat gereicht hat.
Doris Aebi nimmt ihr Ergebnis gelassen; „immerhin bin ich noch vorSeverin Lüscher“, sagte mit Blick auf das Ergebnis der Regierungsratswahlen.
Constantin Seibt, Mitgründer der „Rebublik“, als interessierter Beobachter bei der GLP im Roschtige Hund.
Die Grünen verfolgen das Geschehen aufmerksam im „Gossip“. Es wird heftig diskutiert, ob eine Listen Verbindung mit der GLP zu einem zweiten Sitz verholfen hätte.
Jean-Pierre Gallati (SVP) hat bei den Regierungsratswahlen mit 63'830 Stimmen das beste Resultat erziehlt. Gewählt ist er aber noch nicht.
Grösste Gegnerin von Gallati bei der Regierungsratswahl: SP-Nationalrätin Yvonne Feri. Sie liegt mit 44'765 Stimmen auf dem 2. Platz.
Jeanine Glarner tritt für die FDP an und erhält 27'940 Stimmen, das drittbeste Resutat.
Doris Aebi, Kandidatin der GLP, liegt mit 21'882 Stimmen auf Rang 4.
Regierungsratskandidat Severin Lüscher (Grüne) erhält 20'311 Stimmen - Platz 5.
Das Ergebnis der Ständeratswahl: Thierry Burkart (FDP) erhält 82'515 Stimmen, mehr als alle anderen. Zur Wahl reicht es aber nicht.
Hansjörg Knecht (SVP) kommt auf 72'574 Stimmen.
Cédric Wermuth (SP) belegt Platz 3 mit 55'274 Stimmen.
Badens Stadträtin Ruth Müri ist die Grünen-Kandidatin und holt 40'560 Stimmen. Das ist Platz 4.
Platz 5: Marianne Binder-Keller (CVP) kommt auf 36'700 Stimmen.
Platz 6: Beat Flach (GLP), 23'158 Stimmen.
Platz 7: Maya Bally (BDP), 21'706 Stimmen.
Platz 8: Roland Frauchiger (EVP), 9'784 Stimmen.
Jean-Pierre Leutwyler, Freie Wähler AG, 5'786 Stimmen.
Pius Lischer, Neue Bundesverfassung, 5590 Stimmen.

Grosse Emotionen: Gabriela Suter (SP) erfährt, dass sie in den Nationalrat gewählt wurde.

Fabio Baranzini

Die Aargauer Delegation im Nationalrat ist jünger, weiblicher und politisch stärker eingemittet als bisher. Vor vier Jahren lag der Altersschnitt der 16 Mitgliedern der grossen Parlamentskammer bei 53 Jahren und 7 Monaten, nun sind es 49 Jahre und 3 Monate. Hauptgrund dafür ist der Generationenwechsel bei der SVP: Nicht mehr im Nationalrat vertreten sind Maximilian Reimann (77-jährig, Abwahl), Luzi Stamm (67, Abwahl), Ueli Giezendanner (65, Rücktritt) und Sylvia Flückiger (67, Rücktritt).

Ersetzt werden die langjährigen Parlamentarier durch Benjamin Giezendanner (37), Martina Bircher (35) und Jean-Pierre Gallati (53). Den vierten frei werdenden Sitz konnte die SVP nicht verteidigen, obwohl ihr Parteisekretär Pascal Furer am Mittag optimistisch war: «Wir werden die Wahlen klar gewinnen und unsere sieben Sitze halten», sagte er im AZ-Videointerview. Rund fünf Stunden später war klar: Die SVP büsste beim Wähleranteil 6,5 Prozentpunkte ein und verlor ein Mandat. «Das tut weh, wir sind enttäuscht», sagte Parteipräsident Thomas Burgherr.

Zu den Verlierern gehört auch die FDP, der es nicht gelang, den Sitz der zurücktretenden Corina Eichenberger zu verteidigen. Bestätigt wurden nur die bisherigen Thierry Burkart und Matthias Jauslin, mit einem Minus von 1,6 Prozent beim Wähleranteil ging der dritte Sitz verloren.

«Vor vier Jahren haben wir aufgrund der Listen verbindung mit der CVP ein Mandat gewonnen, jetzt ging es wohl wieder zurück», sagte FDP-Präsident Lukas Pfisterer. Ob die Klimadebatte und die Schwenker der Freisinnigen dabei eine Rolle gespielt hätten, liess Pfisterer offen. «Klar ist aber, dass unsere Themen, wie Wirtschaft und Europa, in diesem Wahlkampf praktisch keine Rolle gespielt haben», erklärte er.

Suter, Binder, Studer: Drei Frauen neu gewählt

Weiblicher ist die neue Aargauer Delegation im Nationalrat aufgrund der Resultate im Mitte-Links-Lager: Mit Gabriela Suter (SP), Marianne Binder (CVP) und Lilian Studer (EVP) wurden gleich drei Frauen neu ins Parlament gewählt. Bei allen drei sind die Umstände, die zur Wahl geführt haben, ziemlich aussergewöhnlich. Die SP gewann beim Wähleranteil nur 0,4 Prozentpunkte dazu, holte aber trotzdem den dritten Sitz zurück, den sie vor vier Jahren verloren hatte.

Ausschlaggebend dafür war das starke Plus der Grünen, die mit der SP eine Listenverbindung eingegangen waren und die nötigen Wählerprozente für den Sitzgewinn lieferten. «Die SP hat im Aargau, im Vergleich zu anderen Kantonen, stark mobilisiert und sehr gut abgeschnitten», sagte Suter. Ihre Partei arbeite seit vielen Jahren gut mit den Grünen zusammen, dass der zusätzliche Sitz im linken Lager nun an die SP gehe, sei aufgrund der Konstellation zu erwarten gewesen.

Grünen-Präsident Daniel Hölzle sagte schon vor dem Mittag, bevor die ersten Resultate eintrafen: «Ich gehe davon aus, dass wir beim Wähleranteil zulegen werden, für einen zweiten Sitz dürfte es aber kaum reichen.» Hölzle und Suter bedauerten beide, dass sich die Grünliberalen nicht für eine Klimaallianz mit SP und Grünen, sondern für eine Listenverbindung mit der CVP entschieden hatten. Dies führte dazu, dass die CVP, die zuletzt im Aargau im Niedergang war, erstmals wieder zu den Siegern gehörte.

«Ich danke der GLP, dass sie mit uns eine Listenverbindung eingegangen ist», sagte CVP-Präsidentin Marianne Binder. Die Grünliberalen trugen mit ihrem Plus von 3,3 Prozent beim Wähleranteil ihren Teil zum Sitzgewinn der CVP bei. Doch auch Binders Partei, die mit neun Listen und 144 Kandidierenden angetreten war, legte selber um 1,3 Prozentpunkte zu: «Wir haben unsere Basis mobilisiert und gezeigt, dass die CVP im Aargau lebt und kämpft», freute sich Binder.

Frauenanteil im Nationalrat könnte noch weiter steigen

Die Rechnung der GLP ging indes nicht auf: Die Grünliberalen hatten gehofft, die CVP beim Wähleranteil zu überholen und einen zweiten Sitz zu gewinnen. Dieser wäre an Grossrätin Barbara Portmann gegangen, die trotzdem nicht von einer falschen Strategie sprechen wollte. «Bei einer Klimaallianz wäre der zusätzliche Sitz an die Grünen gegangen, nicht an uns», gab sie zu bedenken.

Richtig spekuliert hat die EVP, die mit Lilian Studer nach zwölf Jahren wieder eine Nationalrätin stellt. Damals war ihr Vater Heiner Studer abgewählt worden, nun profitierte seine Tochter davon, dass BDP-Nationalrat Bernhard Guhl dasselbe widerfuhr. «Ich freue mich riesig über die Wahl, den Support, den ich erhalten habe, und das Plus beim Wähleranteil», sagte Studer. Die EVP legte um 0,3 Prozentpunkte zu und überholte Listenpartnerin BDP, die noch auf einen Wähleranteil von gut 3 Prozent kam.

Bernhard Guhl, der nach acht Jahren seinen Platz in Bern räumen muss, hat nicht mit seiner Abwahl gerechnet. «Ich war immer optimistisch und habe mich voll eingesetzt, um den Sitz zu verteidigen», sagte er.

Je nach Ausgang des zweiten Wahlgangs für den Regierungs- und Ständerat, könnte der Frauenanteil im Nationalrat weiter steigen: Bei der FDP steht Maja Riniker auf dem ersten Ersatzplatz, sie könnte von einer Wahl von Thierry Burkart in den Ständerat profitieren. Bei der SVP wartet Stefanie Heimgartner, die bei einer Wahl von Hansjörg Knecht in den Ständerat, oder Jean-Pierre Gallati in den Regierungsrat profitieren würden. Bei der SP sind es Simona Brizzi, die nachrücken würde, wenn Cédric Wermuth Ständerat, oder Yvonne Feri Regierungsrätin wird.

Diese 16 hat der Aargau in den Nationalrat gewählt:

Hansjörg Knecht, SVP. bisher, 73'587 Stimmen. – Er ist im 2. Wahlgang am 24. November zum Ständerat gewählt worden.
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Benjamin Giezendanner, SVP, neu, 68'024 Stimmen.
Andreas Glarner, SVP, bisher, 64'053 Stimmen.
Thomas Burgherr, SVP, bisher, 63'155 Stimmen.
Martina Bircher, SVP, neu, 58'757 Stimmen.
Jean-Pierre Gallati, SVP, neu, 55'454 Stimmen.
Stefanie Heimgartner, SVP, neu, 55'361 Stimmen. – Sie rückt für Hansjörg Knecht (Ständerat) nach.
Cédric Wermuth, SP, bisher, 47'890 Stimmen.
Yvonne Feri, SP und bisher, 46'241 Stimmen.
Gabriela Suter, SP, neu, 36'867 Stimmen.
Thierry Burkart, FDP, bisher, 50'507 Stimmen. – Er ist im 2. Wahlgang am 24. November in den Ständerat gewählt worden.
Matthias Jauslin, FDP, bisher, 29'835 Stimmen.
Maja Riniker, FDP, neu, 29'022 Stimmen. Sie rückt für Thierry Burkart (Ständerat) nach.
Ruth Humbel, CVP, bisher, 34'469 Stimmen.
Marianne Binder-Keller, CVP, neu, 27'202 Stimmen.
Irène Kälin, Grüne, bisher, 34'501 Stimmen.
Beat Flach, GLP, bisher, 25'748 Stimmen.
Lilian Studer, EVP, neu, 13'740 Stimmen.

Hansjörg Knecht, SVP. bisher, 73'587 Stimmen. – Er ist im 2. Wahlgang am 24. November zum Ständerat gewählt worden.

PATRICK B. KRAEMER