Konjunktur
Der Aargau hinkt hinterher: «Sinkt der Euro weiter, wird es für viele wieder eng»

Die Konjunktur im Aargau läuft gut. Allerdings hinkt der Aargau diesbezüglich dem schweizerischen Durchschnitt hinterher. Zudem reagiert die hiesige Exportwirtschaft sehr sensibel auf Euroschwächen. Was ist zu tun?

Mathias Küng
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Hightech: Vollautomatischer ABB-Industrieroboter holt Produkte für Lieferung aus demTiefkühllager des Coop-Logistikzentrums Schafisheim.

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keystone-sda.ch

Die schweizerische und die aargauische Wirtschaft sind derzeit gut unterwegs. Das bestätigen sowohl die neuste KMU-Umfrage des Aargauischen Gewerbeverbandes als auch der jüngste Konjunkturbarometer von Aargauischer Kantonalbank (AKB) und Aargau Services Standortförderung.

Der KMU-Barometer des Gewerbes, das halbjährlich erhoben wird, zeigt eine unverändert gute Einschätzung der aktuellen Auftragslage. So fasst AGV-Geschäftsführer Peter Fröhlich die Umfrage zusammen. Die teilnehmenden Firmen beurteilen die Auftragslage als gut, ebenso im Vergleich zum Vorjahr und mit Blick auf das nächste Jahr. Die Entwicklung des Mitarbeitendenbestandes erachten sie fürs nächste Jahr als unverändert. Allerdings wird in vielen Branchen ein Umsatzrückgang erwartet. Die Hauptsorgen sind weiterhin als zu viel empfundene administrative Vorschriften, Fachkräfte- und Lernendenmangel. Da in Deutschland und in Österreich inzwischen auch grosser Fachkräftemangel herrscht, erwartet man im Gewerbe keine schnelle Besserung.

AKB: Arbeitsmarkt ist in solider Verfassung

Ein Blick auf den AKB-Konjunkturbarometer zeigt: Er stieg leicht. Fünf von acht beurteilten Komponenten notierten Anfang Juli höher, nachdem der Indikator im Mai relativ stark gefallen war. Auf Erholungskurs befinden sich demnach die Finanzmärkte sowie das Konsumenten- und Investorenvertrauen. Auch der Arbeitsmarkt sei nach wie vor in solider Verfassung, schreibt AKB-Chefökonom Marcel Koller, wobei die Nachfrage nach Arbeitskräften vor allem bei den nicht-zyklischen Branchen zunehme. Es werden Leute eingestellt. Überproportional wachsen die Bereiche Gesundheit, Pflege und Bildung.

Abwärtstrend bei der Industrie-Komponente

Im Aussenhandel gab es jüngst eine erfrischende Aufwärtsbewegung. Laut Eidgenössischer Zollverwaltung stiegen Maschinen- und Elektronik-Exporte im zweiten gegenüber dem ersten Quartal 2019 um 0,3 Prozent. Allerdings zeigt die Sparte seit Mitte 2018 insgesamt einen leichten Abwärtstrend, der sich mittlerweile verlangsamt habe, so die Zollverwaltung.
Auch die AKB beobachtet bei der für den Aargau besonders wichtigen Industrie-Komponente einen Abwärtstrend. Diese notiere bei 96,9 Punkten «und damit auf einem Niveau, das letztmals im Oktober 2012 so tief gelegen hatte», so Chefökonom Marcel Koller. Das macht hellhörig. Erst recht, weil eine Modellrechnung für den Aargau für 2019 ein reales Jahreswachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 0,8 Prozent zeigt (was eigentlich gut ist). Doch der Swiss Index deutet auf ein BIP-Wachstum von 1,0 Prozent hin.

Aargau bei der Konjunktur leicht unterdurchschnittlich

Der Aargau hinkt also leicht hinten nach. Wie die Grafik zum Konjunkturbarometer der AKB auf dieser Seite zeigt, ist dies sogar seit mehreren Jahren fast durchgehend der Fall. Marcel Koller bestätigt dies. Im Konjunkturbarometer gewichte die AKB die Finanzbranche und die Dienstleister im Kanton Aargau tiefer als gesamtschweizerisch. Dafür wird die im Aargau überproportional vertretene Industrie stärker gewichtet. Koller: «In der Folge sinkt der Aargauer Barometer schneller, wenn die Exporte unter Druck sind. Er geht aber auch rascher nach oben, wenn sich diese dynamisch entwickeln. Dies, weil die Exporte in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie für den Aargau überproportional wichtig sind.»

Eurokurs: Firmen haben sich angepasst, aber ...

Dann bereitet Koller die aktuelle Euroschwäche (der Euro sank in den letzten Tagen wieder unter 1.10 Franken) Sorge? Die grossen Firmen, aber auch die KMU hätten die letzten zehn Jahre genutzt, sich angepasst, diversifiziert und ihre Abhängigkeit vom Euroraum wo möglich reduziert, sagt der AKB-Chefökonom: «Hätte man vor zehn Jahren vorausgesagt, der Euro werde auf 1.10 sinken, wäre das katastrophal gewesen. Heute kommen die meisten Betriebe, je nach Grösse und Branche, auch mit einem Kurs von 1.10 gerade so zurecht. Wenn der Euro aber wie aktuell noch weiter sinkt, dann wird es für viele Exportfirmen wieder eng. Erst recht dann, wenn sie Produkte produzieren, die kein Alleinstellungsmerkmal aufweisen.»

Wie Aargau für Euroschwächen weniger anfällig machen?

Was könnte man tun, damit der Aargau für Euro-Schwächen weniger anfällig ist? Wichtig wäre, so Koller, «dass möglichst viele Firmen Top-Produkte mit einem Alleinstellungsmerkmal entwickeln und anbieten können. Denn diese reagieren viel weniger stark auf Kursausschläge.» Insgesamt müsse die wirtschaftliche Struktur des Aargaus angepasst werden. Koller: «Ich weiss, das sagt sich leicht. Eine Entwicklung in Richtung mehr Hightech-Produkte braucht aber viel Zeit.» Eine Möglichkeit sähe Koller auch darin, ansiedlungswilligen Firmen steuerlich vermehrt entgegenzukommen.

Sicht des Gewerbes

«Konkurrenz aus anderen Ländern erhöht Margendruck»

Dass der Aargau dem schweizerischen Durchschnitt leicht hintennach hinkt, erfüllt Kurt Schmid, Präsident des Aargauischen Gewerbeverbandes (AGV) mit Sorge. Er führt dies nicht zuletzt darauf zurück, dass der Aargau immer noch überproportional viele produzierende Betriebe aufweist. Ein guter Unternehmungsmix freut ihn grundsätzlich. Doch gerade in der Metall-, Elektro- und Maschinenindustrie (MEM), und im Allgemeinen in den produzierenden Betrieben, habe man tiefere Gewinnmargen als etwa Finanz- und Versicherungsbranche oder die Pharma-Industrie, gibt Schmid zu bedenken.
Dass der Euro wieder gesunken ist, mache zwar den Einkauf von Material im Ausland günstiger, sei aber im Export nicht hilfreich. Allerdings glaubt Schmid nicht, dass der periodisch tiefe Euro derartige Auswirkungen auf die Aargauer Industrie hat wie zurzeit des Frankenschocks im Jahr 2015. Schmid: «Unsere Exportfirmen – das gilt natürlich auch für die zahllosen KMU – haben seither ihre Strukturen angepasst und haben noch mehr an Effizienz zugelegt, damit sie trotz Hochlohnland Schweiz konkurrenzfähig bleiben. Wir müssen aber sehen, dass die Konkurrenz für unsere Industrie aus anderen Ländern gross ist, was den Margendruck noch mehr erhöht.»

Schmid glaubt an den Produktionsstandort Aargau

Dass der Aargau leicht langsamer wächst als andere Kantone, führt Schmid aber schon auf seinen überdurchschnittlichen Industrieanteil zurück – eben mit tieferen Gewinnmargen. Andernorts gehe die Entwicklung hin zu Dienstleistungen schneller voran. Schmid glaubt aber an den Produktionsstandort Aargau. Er setzt Hoffnungen auf das Projekt Park Innovaare in Villigen gleich neben dem PSI. Dort fahren bald die Bagger auf. Schmid hofft, dass in diesem Park «bald die Post abgeht, und viele innovative Start-ups und etablierte Firmen spannende Hightech-Produkte entwickeln». Er erhofft sich davon (und von der Nähe zu PSI, Campus Brugg und zu den grossen Industriefirmen im Ostaargau) einen Multiplikatoreffekt mit Wirkung über den Aargau hinaus.

Mit Blick auf das einheimische aargauische Gewerbe hat Schmid ein gutes Gefühl: «Die sind an der Front tätig, klein und anpassungsfähig. Sie reagieren schnell auf die veränderten Marktverhältnisse. In den KMU entstehen laufend neue Arbeitsplätze. Das ist der beste Beweis, dass sie marktfähig sind.» Allerdings hätten KMU niemals Forschungsmöglichkeiten wie national oder international tätige Grossfirmen. Denen müsse man besonders Sorge tragen, sagt Schmid. Denn wenn es den Grossunternehmen gut geht, profitieren die KMU mit.

Schmid hofft sehr, dass man in den immer öfter im Ausland liegenden Konzernzentralen bei Standortentscheiden nicht nur auf die hohen Lohnkosten in der Schweiz schaut, «sondern auf die hervorragende Berufsbildung, die hohe Berufsmotivation und entsprechende Qualitätsarbeit der Schweizer Arbeitnehmenden».

Sicht Gewerkschaftsbund

«Senkung von Steuern ist für die Konjunktur unnütz»

Wie beurteilt Florian Vock, Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbunds (AGB) und SP-Grossrat, aufgrund des Konjunkturbarometers die Situation? Grundsätzlich habe man im AGB keine andere Einschätzung zur Konjunktur, sagt Vock. Das seien ja wissenschaftlich erhobene Zahlen, aber: Differenzen gebe es dann vermutlich eher bei der Interpretation der Zahlen. Vock: «Für mich ist klar: Der Kanton Aargau ist als Industriekanton überdurchschnittlich stark vom Export abhängig. Wenn der Export schwächelt, dann trifft das den Aargau härter als andere Kantone.»

«Eurokurs von 1.10 oder darunter ist definitiv zu tief»

Der Export sei kurzfristig abhängig vom Wechselkurs, sagt Vock. Hier sei die gewerkschaftliche Position ja bekannt. Die Nationalbank sollte das ändern, aber der Aargau könne hier recht wenig für die Konjunktur tun.

Angesichts des wieder erstarkten Frankens muss es laut Vock Ziel sein, den Frankenkurs so rasch als möglich auf ein Niveau zu bringen, welches der Schweiz nicht schadet. Wie hoch müsste das Niveau seines Erachtens sein? Der AGB-Präsident: «Der aktuelle Kurs schadet der Volkswirtschaft. Ändern kann das nur die SNB.» Ob das jetzt 1.20 oder 1.30 ist, sei nicht ganz einfach zu sagen, so viel aber schon: «1.10 oder sogar darunter ist definitiv zu tief.»

Geforderte Massnahmen wie Steuersenkungen für Unternehmen (was AKB-Chefökonom Marcel Koller im obigen Artikel ins Spiel bringt) seien nicht nur politisch falsch, sondern für die Konjunktur recht unnütz, ist Vock überzeugt. Denn gerade wenn die Konjunktur schwächle, werde privates Geld zurückhaltender investiert, was den Effekt mit verursache und verstärke. Deshalb sei es sinnvoll, fordert Vock, «als Staat antizyklisch zu handeln und zu investieren: Der Staat muss dann Geld ausgeben, wenn alle anderen sparen, damit stützt er die Volkswirtschaft.»

Also nicht weniger Geld einnehmen, weil wir die Steuern senken, so Vock, sondern das verfügbare Geld möglichst gezielt in die Volkswirtschaft bringen. Es beginne beispielsweise mit der Prämienverbilligung: Das sei nicht nur sozialpolitisch richtig, sondern auch volkswirtschaftlich schlau. Vock: «Dieses Geld fliesst über den Konsum der Arbeitnehmenden unmittelbar in die Volkswirtschaft und wirkt sich positiv auf die Konjunktur aus.»

Industrie: Bürgerliche sollen mehr für grüne Technologien tun

Mittel- und langfristig gehe es dann weniger um die Konjunkturzyklen, analysiert Florian Vock, sondern grundsätzlich um die wirtschaftliche Entwicklung. Im Bereich der Industrie findet er es ärgerlich, «dass die bürgerliche Politik im Aargau nicht mehr tut». Es biete sich eine einmalige Chance, die hochqualifizierte Industrie im Aargau Richtung grüne und innovative Technologien zu entwickeln – mit guten Arbeitsplätzen dazu. Vock warnt: «Wenn wir hier tatenlos zuschauen, werden sich die Wirtschaftszahlen aus dem Aargau langfristig kaum verbessern.»