Die schweizerische und die aargauische Wirtschaft sind derzeit gut unterwegs. Das bestätigen sowohl die neuste KMU-Umfrage des Aargauischen Gewerbeverbandes als auch der jüngste Konjunkturbarometer von Aargauischer Kantonalbank (AKB) und Aargau Services Standortförderung.

Der KMU-Barometer des Gewerbes, das halbjährlich erhoben wird, zeigt eine unverändert gute Einschätzung der aktuellen Auftragslage. So fasst AGV-Geschäftsführer Peter Fröhlich die Umfrage zusammen. Die teilnehmenden Firmen beurteilen die Auftragslage als gut, ebenso im Vergleich zum Vorjahr und mit Blick auf das nächste Jahr. Die Entwicklung des Mitarbeitendenbestandes erachten sie fürs nächste Jahr als unverändert. Allerdings wird in vielen Branchen ein Umsatzrückgang erwartet. Die Hauptsorgen sind weiterhin als zu viel empfundene administrative Vorschriften, Fachkräfte- und Lernendenmangel. Da in Deutschland und in Österreich inzwischen auch grosser Fachkräftemangel herrscht, erwartet man im Gewerbe keine schnelle Besserung.

AKB: Arbeitsmarkt ist in solider Verfassung

Ein Blick auf den AKB-Konjunkturbarometer zeigt: Er stieg leicht. Fünf von acht beurteilten Komponenten notierten Anfang Juli höher, nachdem der Indikator im Mai relativ stark gefallen war. Auf Erholungskurs befinden sich demnach die Finanzmärkte sowie das Konsumenten- und Investorenvertrauen. Auch der Arbeitsmarkt sei nach wie vor in solider Verfassung, schreibt AKB-Chefökonom Marcel Koller, wobei die Nachfrage nach Arbeitskräften vor allem bei den nicht-zyklischen Branchen zunehme. Es werden Leute eingestellt. Überproportional wachsen die Bereiche Gesundheit, Pflege und Bildung.

Abwärtstrend bei der Industrie-Komponente

Im Aussenhandel gab es jüngst eine erfrischende Aufwärtsbewegung. Laut Eidgenössischer Zollverwaltung stiegen Maschinen- und Elektronik-Exporte im zweiten gegenüber dem ersten Quartal 2019 um 0,3 Prozent. Allerdings zeigt die Sparte seit Mitte 2018 insgesamt einen leichten Abwärtstrend, der sich mittlerweile verlangsamt habe, so die Zollverwaltung.
Auch die AKB beobachtet bei der für den Aargau besonders wichtigen Industrie-Komponente einen Abwärtstrend. Diese notiere bei 96,9 Punkten «und damit auf einem Niveau, das letztmals im Oktober 2012 so tief gelegen hatte», so Chefökonom Marcel Koller. Das macht hellhörig. Erst recht, weil eine Modellrechnung für den Aargau für 2019 ein reales Jahreswachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) von 0,8 Prozent zeigt (was eigentlich gut ist). Doch der Swiss Index deutet auf ein BIP-Wachstum von 1,0 Prozent hin.

Aargau bei der Konjunktur leicht unterdurchschnittlich

Der Aargau hinkt also leicht hinten nach. Wie die Grafik zum Konjunkturbarometer der AKB auf dieser Seite zeigt, ist dies sogar seit mehreren Jahren fast durchgehend der Fall. Marcel Koller bestätigt dies. Im Konjunkturbarometer gewichte die AKB die Finanzbranche und die Dienstleister im Kanton Aargau tiefer als gesamtschweizerisch. Dafür wird die im Aargau überproportional vertretene Industrie stärker gewichtet. Koller: «In der Folge sinkt der Aargauer Barometer schneller, wenn die Exporte unter Druck sind. Er geht aber auch rascher nach oben, wenn sich diese dynamisch entwickeln. Dies, weil die Exporte in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie für den Aargau überproportional wichtig sind.»

Eurokurs: Firmen haben sich angepasst, aber ...

Dann bereitet Koller die aktuelle Euroschwäche (der Euro sank in den letzten Tagen wieder unter 1.10 Franken) Sorge? Die grossen Firmen, aber auch die KMU hätten die letzten zehn Jahre genutzt, sich angepasst, diversifiziert und ihre Abhängigkeit vom Euroraum wo möglich reduziert, sagt der AKB-Chefökonom: «Hätte man vor zehn Jahren vorausgesagt, der Euro werde auf 1.10 sinken, wäre das katastrophal gewesen. Heute kommen die meisten Betriebe, je nach Grösse und Branche, auch mit einem Kurs von 1.10 gerade so zurecht. Wenn der Euro aber wie aktuell noch weiter sinkt, dann wird es für viele Exportfirmen wieder eng. Erst recht dann, wenn sie Produkte produzieren, die kein Alleinstellungsmerkmal aufweisen.»

Wie Aargau für Euroschwächen weniger anfällig machen?

Was könnte man tun, damit der Aargau für Euro-Schwächen weniger anfällig ist? Wichtig wäre, so Koller, «dass möglichst viele Firmen Top-Produkte mit einem Alleinstellungsmerkmal entwickeln und anbieten können. Denn diese reagieren viel weniger stark auf Kursausschläge.» Insgesamt müsse die wirtschaftliche Struktur des Aargaus angepasst werden. Koller: «Ich weiss, das sagt sich leicht. Eine Entwicklung in Richtung mehr Hightech-Produkte braucht aber viel Zeit.» Eine Möglichkeit sähe Koller auch darin, ansiedlungswilligen Firmen steuerlich vermehrt entgegenzukommen.