Schlusslicht

Der Aargau hat am wenigsten Stiftung aller Kantone

Kulturelle Grossereignisse - hier das Osterspiel in Muri - leben von der Unterstützung durch Stiftungen.

Kulturelle Grossereignisse - hier das Osterspiel in Muri - leben von der Unterstützung durch Stiftungen.

Auf der Rangliste des «Schweizer Stiftungsreport 2015» rangiert der Aargau auf dem letzten Platz. Die Gründe dafür sind unklar.

Im Kanton Aargau gibt es 494 gemeinnützige Stiftungen. Dies entspricht einem Schnitt von 7,8 Stiftungen pro 10 000 Einwohner. Mit dieser Quote landet der Aargau abgeschlagen auf dem letzten Platz in der vom «Schweizer Stiftungsreport 2015» veröffentlichten Rangliste.

An der Spitze liegt Basel-Stadt mit statistisch erhobenen 46,1 Stiftungen auf 10 000 Einwohner, gefolgt von Glarus mit 32,3 und Genf und Graubünden mit je 23,9. In der ganzen Schweiz gibt es insgesamt 13046 Stiftungen, Tendenz steigend. Die Zahl gemeinnütziger Stiftungen hat zwischen 2000 und 2013 um 60 Prozent zugenommen.

Für die Schweiz errechnet der Stiftungsreport einen Durchschnitt von 16 Stiftungen pro 10 000 Einwohner. Das ist Weltrekord! Kein anderes Land hat eine höhere Stiftungsdichte vorzuweisen. Die rund 13 000 Schweizer Stiftungen verfügen über ein Gesamtvermögen von rund 70 Milliarden Franken und schütten jährlich zwischen 1,5 und 2 Milliarden Franken aus.

Stiftungen boomen

Warum der Aargau der Kanton mit der geringsten Stiftungsdichte ist, kann Martin Mayer, Geschäftsleiter bei der BVSA, nur ansatzweise erklären. In den grossen Zentren gebe es auch mehr vermögende Familien, die Stiftungen gründeten, oft auch, weil keine direkten Erben vorhanden waren.

So etwa lässt sich verstehen, warum die Stiftungsdichte im Kanton Basel-Stadt fast sechsmal höher ist als im Aargau. Unbeantwortet bleibt die Frage, warum ausgerechnet im Kanton Glarus Stiftungen dreimal häufiger sind als im Kanton Aargau.

Laut Mayer nehmen die Stiftungsgründungen im Aargau weiterhin zu. «Eine Stiftung zu gründen, liegt immer noch im Trend. Daran wird sich so schnell nichts ändern», sagte Mayer. Denn die Aussicht, durch die Einrichtung einer Stiftung nicht nur Gutes zu tun, sondern sich auch ein bisschen Unsterblichkeit zu erlangen, sei für viele Vermögende ohne Nachkommen Motivation genug. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Zinserträge in den letzten Jahren drastisch gesunken sind.

2014 wurden im Aargau 11 neue gemeinnützige Stiftungen gegründet und 6 liquidiert. Gesamtschweizerisch gab es 363 neue Stiftungen, 226 sind verschwunden.

Winkelried und Greisenasyl

Schon ein kurzer Blick ins Verzeichnis der Aargauer Stiftungen zeigt die grosse Vielfalt der aargauischen Stiftungslandschaft. Da findet man den Aargauischen Winkelriedfonds, der im Militärdienst verunglückte oder erkrankte Angehörige der Armee unterstützt. Für die materielle Besserstellung der amtierenden Brugger Lehrkräfte stellt die Julius-Stäbli-Stiftung in Brugg Mittel zur Verfügung.

Der Anna-Müller-Lüscher-Fonds in Gränichen richtet Beiträge an arme Ortsbürger aus, die sich eine Brille kaufen möchten. Der Greisenasyl-Fonds bietet unentgeltliche Pflege für ältere und alte Menschen in Reinach. Solche Stiftungen sind Überbleibsel aus einer andern Zeit und bilden heute mit den antiquiert anmutenden Stiftungszwecken eine Ausnahme. In der Regel sind die Stiftungen im Aargau– sie verfügen zusammen über ein Vermögen von mehreren Milliarden Franken – professionell organisiert und zeitgemäss aufgestellt.

Die meisten der Stiftungen im Aargau sind in einem kleinen geografischen Raum tätig; häufig ist es das Dorf oder eine Institution. Das heisst, dass die Leistung nur vor Ort in Anspruch genommen werden kann.

Im Aargau unterstehen 73,4 Prozent aller Stiftungen der kantonalen BVG- und Stiftungsaufsicht (BVSA), 21,6 Prozent werden vom Bund kontrolliert. Die BVSA beaufsichtigt sämtliche Stiftungen, die ihren Sitz im Kanton Aargau haben und die ihren Zweck mehrheitlich im Kanton Aargau (kantonale Stiftungen) oder in einer Aargauer Gemeinde (kommunale Stiftungen) ausüben. Stiftungen, die schweizweit tätig sind, unterstehen der Direktaufsicht des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI). Von der Aufsicht der BVSA grundsätzlich ausgenommen sind Familien- und Kirchenstiftungen.

Jede Stiftung hat einen Stiftungszweck. Das schreibt das Gesetz zwingend vor. In der Schweiz sind der Freiheit des Stifters bei der Festlegung des Stiftungszwecks nur wenige gesetzliche Schranken gesetzt. Ein Stiftungszweck gilt nur dann als unzulässig, wenn er rechtswidrig oder unsittlich ist. In Bezug auf die Gestaltung des Stiftungszwecks gilt: Es gibt fast nichts, was es nicht gibt. Der Winkelried- und der Greisenasyl-Fonds bilden da keineswegs die Ausnahme.

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