Zwei Frauen tanzen durch die alte Bleiche in Lenzburg, springen und hüpfen im ersten Stock, hangeln sich später am Mühlrad entlang. Eine der beiden hat pudrige, weisse Flecken auf der Haut. Ist es Mehl? Sie sieht aus, als käme sie aus der Backstube. Die andere Frau erinnert an einen Arbeiter aus den 1950er-Jahren. Dazu läuft Musik, die gut zu einer wirren Fahrt in einer Zeitmaschine passen könnte.

Am Mittwochabend wurde in der «Bleichi» tatsächlich viel über die Vergangenheit, aber auch über die Zukunft gesprochen. Der Verein Netzwerk Industriewelt Aargau lud zur Eröffnung eines Themenjahres. Das Projekt nennt sich #ZeitsprungIndustrie und verknüpft industrielles Kulturerbe mit der heutigen Industrie im Aargau. Ab September finden überall im Kanton mehr als 100 Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit lokalen Partnern aus Bildung, Forschung und Industrie statt. Es gibt Führungen, Theatereinlagen und eine neu entwickelte App, die die Industriekultur am Aabach erläutert (siehe Kontext). Hinter «Zeitsprung Industrie» stehen unter anderem Aargau Tourismus, Museum Aargau, die Museen Baden, Burghalde Lenzburg, und das Stadtmuseum Aargau. Die Konzeptidee entstand vor vier Jahren.

Der Auftakt von «Zeitsprung Industrie» findet am 1. September an verschiedenen Orten im Kanton statt und wird unter dem Motto «Manufaktur-Sonntag» gefeiert. Am 20. November 2020 endet das Projektjahr.

Aus den Fehlern der Vergangenheit lernen

Zurück in die Alte Bleiche. Die Räume waren am Mittwochabend gut gefüllt mit Vertretern aus Politik, Industrie und Kultur, die sich sichtlich über das neue Projekt freuten. Thomas Pauli, Abteilungsleiter Kultur des Kantons, erklärte die Bedeutung von «Zeitsprung Industrie»: «Wir befinden uns heute in einem Transformationsprozess, es geht alles sehr schnell.» Deswegen sei es gutes Timing, genau jetzt aus den Erfahrungen der Vorfahren zu schöpfen und daraus für die Zukunft zu lernen. «Die Industriekultur wird im Aargau schon lange vermittelt und in den letzten Jahrzehnten sind viele neue Projekte entstanden», so Pauli. «Doch was bisher gefehlt hat, ist eine gesamtkantonale Vermittlung.»

Nur: Wie bringt man Kultur und Industrie auf einen Nenner? Und wie sieht die industrielle Zukunft des Aargaus aus, wenn man die Vergangenheit aussen vor lässt? Diese Fragen wurden bei einer Podiumsdiskussion mit Urs Hofmann, Landammann und Regierungsrat, Patrik Müller, Chefredaktor Zentralredaktion CH Media, sowie den beiden Co-Präsidentinnen von Netzwerk Industriewelt Aargau, Carol Nater-Cartier und Kaba Rössler, besprochen.

Nicht Manchester, sondern den Aargau besprechen

«Ich bin stolz darauf, dass der Aargau ein Industriekanton ist», sagte Hofmann. Durch seine gute Erreichbarkeit, die starke industrielle Tradition und die grosse Basis an KMU sei der Aargau auch weiterhin ein Standort, der gerne von Firmen ausgewählt wird. Patrik Müller gab einen Einblick in die Zukunft der Medienbranche. Angefangen habe die Veränderung durch den Strukturwandel vor rund 15 Jahren, als die Gelder aus der Werbung langsam abflossen. «Es gibt Gewinner und Verlierer des Strukturwandels», sagte er dazu. So habe man Stellen streichen müssen, aber neue Jobs seien entstanden und Aarau konnte sich mit der Zentralredaktion von CH Media als zweitwichtigster Medienstandort nach Zürich etablieren. Weiter empfahl er den Besuch der Druckerei, ein wahres Erlebnis für Industrieliebhaber.

Carol Nater-Cartier legte den Schwerpunkt auf die Verbindung von Kultur und Industrie: «Dass die Tänzerinnen hier in einem altehrwürdigen Gebäude auftreten, ist nur eine von vielen Übersetzungsarten zwischen Industrie und Kultur.» Bei der Verbindung der beiden Sparten gehe es um Herzblut, um Erinnerungen, ums Erleben.

Kaba Rössler machte auf den Zusammenhang der Worte Industriekultur und Kulturbetrieb aufmerksam: «Im Wort Kulturbetrieb steht das Wort Betrieb und im Wort Industriekultur das Wort Kultur. Das Denken dieser beiden Bereiche ist also ganz nah zusammen.» Weiter betonte sie die Bedeutung der Bildung in den Anfängen der Industrialisierung und heute. Urs Hofmann klinkte sich ein: «Es ist wichtig, zu verstehen, dass die industrielle Entwicklung nicht einfach von selbst entstanden ist.» Weiter sagte er, dass man das auch im Geschichtsunterricht aufnehmen sollte: «Anstatt Bilder von rauchenden Schornsteinen aus Manchester zu besprechen, könnte man ja schauen, was hier im Aargau in den letzten 300 Jahren passiert ist.»