Herr Dobler, im Kanton Aargau wurden in den letzten Jahren gegen 20 Kirchen umgenutzt oder abgerissen. Sind das viele?

Heiko Dobler: Bei der Grösse des Kantons, seiner Bevölkerungszahl und dem damit verbundenen Nutzungsdruck scheint mir die Anzahl eher durchschnittlich. Die Datenbank zur Kirchenumnutzung der Uni Bern gibt aber einen interessanten Überblick, der uns bisher nicht bekannt war. Sie zeigt etwa auf, dass sich unter den aktuelleren, umgenutzten Sakralbauten keine kantonal geschützten Kirchen oder Kapellen befinden. Bei der Mehrzahl der Objekte in der Datenbank handelt es sich um methodistische Kirchen oder Kapellen, also nicht um die klassische «Kirche im Dorf».

Sind solche Umnutzungen aus denkmalpflegerischer Sicht problematisch?

Um- oder Zusatznutzungen an sich nicht unbedingt, allenfalls aber die daraus folgenden baulichen Veränderungen. Wenn also eine Kirche oder Kapelle nebst den liturgischen Feiern zusätzlich für Konzerte, Kongresse oder Seminare genutzt wird, kann dies durchaus eine sinnvolle Ergänzung zum kirchlichen Betrieb darstellen. Dies hat dort Grenzen, wo die Kirchen durch den neuen Zweck in ihrer Substanz oder Erscheinung beeinträchtigt würden oder die Regeln der Pietät verletzt werden.

Unter den Aargauer Kirchen in der Datenbank sind auch sechs Abbrüche. Wann darf eine Kirche abgebrochen werden?

Die Pfarrkirche in der Altstadt von Klingnau wurde Ende der 1960er-Jahre bis auf den Chor mit Turm abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Das Kirchenschiff wurde als zu klein erachtet und die im Zusammenhang mit der Liturgiereform geplante Chorvergrösserung schien im bestehenden Bau nur schwer realisierbar. Alle Fachleute – inklusive Denkmalpflege – stimmten damals dem Abbruch zu. Heute hat es im Kirchenschiff mehr als genug Platz. Es mag den einen oder andern Klingnauer geben, der sich die alte Kirche zurückwünscht.

Werden heute Abbrüche diskutiert, wie aktuell in Turgi oder Villmergen, gehen die Emotionen hoch.

Über den eigentlichen Nutzwert hinaus werden Kirchen offenbar als Teil unserer Geschichte, Kultur und Identität wahrgenommen. Einen Bezug zur Kirche kann mach auch haben, wenn man selber nicht aktiv die Messe besucht. Dies zeigt sich auch an der immer wieder geführten Diskussion um den Glockenschlag. Eine Mehrheit steht hinter dieser Tradition, sie wird als Kulturgut akzeptiert.

Wir mögen unsere Kirchen, auch wenn wir sie nicht besuchen?

Ein Stück weit, ja. Nebst dem sozialen Engagement war die Kirche als Institution über Jahrhunderte ein ausgesprochener Kulturförderer. Nebst den eigentlichen in der Regel architektonisch hochstehenden Bauten, sind diese auch reich an Ausstattung und Kunstgegenständen.

Ist die Umnutzung von Kirchen ein neueres Phänomen oder gab es das schon, seit es Kirchen gab?

Ein diesbezüglicher Überblick fehlt mir leider. Dass eine Kirche als Andachtsraum aber das Gewand respektive die Konfession wechseln kann, gehört sicherlich zur 2000-jährigen Geschichte des Christentums.

Macht es für die Denkmalpflege einen Unterschied, ob eine Kirche privat oder geschäftlich umgenutzt wird?

Es ist naheliegend, eine Kirche weiterhin als öffentlich zugänglichen Versammlungs- und Kulturraum zu nutzen. Eine rein kommerzielle Nutzung oder der Einbau von Wohnungen scheint aus denkmalpflegerischer Sicht nicht geeignet. Die symbolische Bedeutung von Sakralbauten und der Stellenwert im Ortsbild rufen nicht unbedingt nach einem weiteren Einkaufstempel. Auch der Umgang mit der kirchlichen Ausstattung ist bei privaten Nutzungen ungelöst, wenn das Ganze nicht pietätslos wirken soll.

Bislang sind Umnutzungen im Aargau im Vergleich zu anderen Kantonen eher selten. Könnte sich dies bald ändern?

Zumindest die traditionellen Kirchen kämpfen mit sinkenden Mitgliederzahlen. Dies hat natürlich über die ausbleibende Kirchensteuer auch Auswirkungen auf die Finanzen. Die Kirchgemeinden tragen die Verantwortung für die Immobilien, deren Unterhalt und Renovation oft mit erheblichen Kosten verbunden ist. Der Kanton leistet zwar fachliche und teilweise auch finanzielle Unterstützung, die Aufgabe bleibt aber anspruchsvoll. Wenn nun die Kirchen zumeist leer stehen, liegt die Frage nach einer zusätzlichen, wirtschaftlich attraktiven Nutzung nahe. Wir gehen davon aus, dass der diesbezügliche Druck steigen wird.

Was heisst das für Sie als Denkmalpfleger?

Der adäquate Umgang mit den Objekten ist ein herausforderndes und denkmalpflegerisch heikles Unterfangen. Eine adäquate Nutzung ist aus unserer Sicht aber ausdrücklich erwünscht, solange Struktur und Gestalt des Denkmals nicht übermässig beeinträchtigt werden.

Welche besonderen Anforderungen stellen sakrale Bauten?

Kirchen sind räumlich, konstruktiv, bauphysikalisch und aufgrund ihrer Nutzung Spezialfälle. Hinzu kommen Fragen der Liturgie.

Was heisst das?

Während bei «normalen» Renovationen solides Handwerk von Fachleuten gefragt ist, sind Kirchen ein Tummelfeld für Spezialisten und Restauratoren. Die in der Regel reiche, kunsthistorisch bedeutende Ausstattung wie Altäre, Glasmalereien, Glocken, Orgeln oder Gemälde bedürfen der gleichen Aufmerksamkeit wie die Raumschale selbst. Gerade deswegen ist eine bauliche Umnutzung einer Kirche komplex, da nebst der Bausubstanz noch viele weitere Aspekte berücksichtigt werden müssen.

Gibt es dennoch gelungene Beispiele?

Im Kanton Aargau sind dies beispielsweise die beiden profanierten, kantonal geschützten alten Kirchen in Boswil (Künstlerhaus Boswil) und Wohlenschwil (Stiftung Alte Kirche-Wohlenschwil). In beiden Fällen wurde die Neunutzung des Sakralraums, dessen Unterhalt, sowie ein Geschichtsbewusstsein im Umgang mit unserem Kulturgut ganz gut unter einen Hut gebracht.