Grossratspräsident

Den Tanzabend am Donnerstagabend gibt er höchst ungern her

Grossratspräsident Marco Hardmeier im Büroprovisorium der Schule Zehntenhof in Wettingen. 2017 kann Schulleiter Hardmeier mit seiner ganzen Schule in das neue Schulhaus zügeln.

Grossratspräsident Marco Hardmeier im Büroprovisorium der Schule Zehntenhof in Wettingen. 2017 kann Schulleiter Hardmeier mit seiner ganzen Schule in das neue Schulhaus zügeln.

Fulminanter Start für den neuen Grossratspräsidenten Marco Hardmeier: Gleich bei seiner ersten Sitzung im neuen Amt hatte er einen Stichentscheid zu fällen. Doch wer ist dieser Marco Hardmeier überhaupt? Ein Porträt über den Wettinger Schulleiter.

Sein Büro befindet sich im Container C2. Es ist einfach eingerichtet, wie es sich für ein Provisorium gehört. Es lässt sich auch recht gut heizen.

Als Schulleiter Marco Hardmeier am Morgen ins Büro kam, erwarteten ihn schon die Schülerinnen und Schüler auf dem Pausenplatz. Sie sangen für ihren Schulleiter, der neu nun auch noch Grossratspräsident ist, zur Feier des Tages ihr «Schulhauslied».

«Ich bin ein kontrollierter Mensch», sagt Marco Hardmeier. «Aber diese Geste der Schüler hat mich berührt.»

Hardmeier ist zuständig für das Schulzentrum Zehntenhof in Wettingen, für 340 Schülerinnen und Schüler und 37 Lehrpersonen. «Ein Traumjob», sagt er trocken. Ist das ironisch gemeint?

Schulleiter, die von ihrem Beruf schwärmen, sind dünn gesät. Doch Hardmeier meint es ernst. Er rühmt die begeisterungsfähigen, pubertär noch nicht belasteten Kinder, das starke Lehrerteam, den unkomplizierten Umgang mit der Behörde. Da erträgt es ab und zu auch etwas schwierige Eltern.

Hardmeier ist in einem Pensum von 99 Prozent angestellt. «Das ist der Beweis, dass ich nicht ganz hundert bin», lacht er. Für das Präsidialjahr hat er nun sein Pensum um 20 Prozent reduziert – mit entsprechender Lohneinbusse.

Der 39-jährige Hardmeier ist in Horw (LU) aufgewachsen. Sein erstes politisches Erlebnis? «Einmal, ich war wohl sechs- oder siebenjährig, sassen wir beim Mittagessen. In den Nachrichten wurde berichtet, dass alt Bundesrat Roger Bonvin gestorben sei. Ich wusste überhaupt nicht, wer das war. Aber ich musste trotzdem weinen.»

Von Horw nach Aarau

Mit 17 Jahren tritt er in die örtliche SP ein, wird bald in die Bau- und Zivilschutzkommission delegiert. Hardmeier wird Lehrer, geht dann nach Basel und studiert Jura; später macht er die Ausbildung zum Schulleiter.

Dass er im Aargau gelandet ist, hat einen ganz praktischen Grund: «Der Aargau liegt in der Mitte zwischen Basel und Zürich», erklärt Hardmeier.

Die Geschichte beginnt vor gut 17 Jahren an einer Geburtstagsparty in Zofingen. Da lernt Hardmeier seinen heutigen Partner kennen; als die beiden später zusammenziehen wollen, ist das nicht ganz einfach: Hardmeier studiert in Basel, sein Partner in Zürich. Sie einigen sich auf die Mitte – und das ist Aarau, wo Hardmeier heute noch wohnt. Hardmeier wird zum Wahlaargauer.

Er tritt der SP Aarau bei, beginnt auf kantonaler Ebene zu politisieren, wird Präsident der SP Aargau, die er von 2006 bis 2014 führt. («Das war ein guter Lehrblätz. Aber ich würde das nicht noch einmal machen.») 2010 wird er in den Grossen Rat gewählt und am 5. Januar 2016 zum höchsten Aargauer für ein Jahr.
«Grossratspräsident ist eines der schönsten Ämter, die es in diesem Land gibt», schwärmt Hardmeier. Er freut sich vor allem auf die Begegnungen mit den Menschen im Kanton. «Ich werde im Laufe dieses Jahres viele Orte besuchen, wo ich sonst nie hinkommen könnte, ich werde viele Menschen erleben, denen ich sonst nicht begegnen würde».
Enorm schön und extrem vielfältig sei der Aargau, sagt Hardmeier. Er sieht als Qualität, was viele bedauern: dass der Aargau kein dominantes Zentrum von nationaler Bedeutung hat, sondern aus heterogenen Regionen zusammengesetzt ist. Mit der daraus resultierenden «aargauischen Befindlichkeit» hat er sich anfänglich etwas schwergetan. «Ich habe zwar verstanden, wie die regionalen Differenzen historisch entstanden sind. Aber ich kann nicht recht verstehen, warum sie heute noch eine so grosse Rolle spielen. Wir sollten uns weniger um das Trennende in der Vergangenheit und mehr um die gemeinsame Zukunft kümmern.»
Und wie soll die aussehen? «Wir sind drauf und dran, uns selber die Luft abzuschneiden, ohne dass es dazu einen nachvollziehbaren Grund gibt», sagt Hardmeier. Sparen um des Sparens Willen sei nichts Gutes. Hardmeier will sich dafür einsetzen, dass sich der Aargau weiterentwickeln kann. Er möchte, dass der Aargau ein Ort wird, wo es allen Menschen wohl ist: «Denen, die schon da sind, aber auch denen, die noch kommen.»
Der BMW-Fahrer
Marco Hardmeier ist ein konsequenter Mensch. Jahrelang reiste er praktisch ausschliesslich nur mit dem öffentlichen Verkehr. Doch nach und nach wurde es ihm zu eng im Zug. «Ich mag Menschen. Aber in den überfüllten Zügen kamen sie mir einfach zu nahe.» Hardmeier überlegte lange. Dann handelte er, warf ein Prinzip über Bord und kaufte sich ein Auto. Einen BMW Kombi. Das war vor drei Jahren. Seither ist er Autofahrer und geniesst das Alleinsein im Auto. Die Beinfreiheit, den Zeitgewinn.
Was hält der Autofahrer Hardmeier vom Ausbau der A1 auf sechs Spuren? Hardmeier Antwort zeugt von seinem doppelbödigen Humor: «Ich bin gegen den Ausbau auf sechs Spuren», sagt er. «Aber ich hätte nichts dagegen, wenn man die Spuren der Autobahneinfahrten verlängern würde; von mir aus immer gleich bis zur nächsten Ausfahrt.»
Neben Schulleitung und Politik bleibt wenig Raum für Freizeit. Ausser am Donnerstagabend. «Den Donnerstagabend gebe ich höchst ungern her», sagt Hardmeier. Denn Donnerstagabend ist Tanzabend. Schon seit vielen Jahren. «Das ist meine Insel, da will ich nicht gestört werden, da tanze ich und daneben gibt es nichts.» Dass im Präsidialjahr der eine oder andere Tanzabend dennoch ausfallen wird, akzeptiert er ohne Begeisterung.
Was kommt nach dem Grossratspräsidium? Führt der politische Weg nach Bern? Hardmeier sagt, er habe keinerlei Pläne. Er sei gerne Exekutivpolitiker. In Bern sieht er sich eher nicht. Zumal sein Partner Angelo Barrile im letzten Herbst für die Zürcher SP in den Nationalrat gewählt worden ist. «Wir sehen uns zu Hause schon genug. Da müssen wir uns nicht auch noch ständig in Bern begegnen», sagt er und lacht.
Als der Fotograf ihn im Container-Büro C2 fotografieren will, wird Hardmeier wieder zum Schulleiter. Rasch entfernt er ein an die Wand gepinntes Blatt. «Persönlichkeitsschutz», sagt er. Es braucht ja niemand die Namen der Lausbuben entziffern zu können, die Hardmeier auf dem Zettel notiert hat.

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