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«Den Entscheid nie bereut»: Aargauer Pflegefamilien nehmen Flüchtlingskinder auf

Der Verein familynetwork.ch hat im letzten Jahr in Kooperation mit dem Kanton Aargau 19 unbegleitete minderjährige Asylsuchende in Pflegefamilien platziert. Jetzt werden weitere Familien gesucht, die bereit sind, ein Flüchtlingskind aufzunehmen.

Damaris Bär
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Ein junger Flüchtling am Stubentisch: Seit Januar 2016 lebt Mustafa aus Afghanistan bei Familie Koch im Reusstal.Christine Bärlocher

Ein junger Flüchtling am Stubentisch: Seit Januar 2016 lebt Mustafa aus Afghanistan bei Familie Koch im Reusstal.Christine Bärlocher

Christine Bärlocher

Bei Familie Koch wird der Tisch seit Anfang Jahr nicht mehr nur für sechs, sondern für sieben Personen gedeckt. Im Januar ist der heute 15-jährige Mustafa (Name geändert) aus Afghanistan, der ohne Eltern und Geschwister in die Schweiz geflohen ist, ins grosse Haus der Familie im Aargauer Reusstal eingezogen. «Mit seiner offenen Art ist er eine grosse Bereicherung für die ganze Familie», sagt seine Pflegemutter.

Trotz anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten habe man rasch eine gemeinsame Sprache gefunden und könne nun gegenseitig viel voneinander lernen. «Den Entscheid, ein Flüchtlingskind aufzunehmen, haben wir nie bereut – weder wir Eltern noch unsere Kinder», sagt sie.

Grosses Interesse

Mustafa ist eines von 19 Flüchtlingskindern, das der Verein familynetwork.ch in Zusammenarbeit mit dem Sozialdienst des Kantons Aargau in den vergangenen zwölf Monaten in Pflegefamilien platzieren konnte. Über 200 Familien hatten nach dem Aufruf des Vereins im September 2015 an Informationsabenden teilgenommen, gut 20 wollten und konnten schliesslich einen Betreuungsplatz zur Verfügung stellen. Bei den platzierten minderjährigen Flüchtlingen handelt es sich um 3 Mädchen und 16 Buben im Alter zwischen 12 und 16 Jahren, die mehrheitlich aus Afghanistan, aber auch aus Eritrea, Syrien und Pakistan stammen.

«Wir waren vom grossen Interesse überwältigt», sagt Beat Bachmann, Geschäftsführer von family-network.ch. Wegen der hohen Zahl unbegleiteter Minderjähriger, die in der Schweiz ein Asylgesuch stellten, hatte sich die Unterbringungssituation im vergangenen Jahr im Kanton verschärft. «Dass nun in relativ kurzer Zeit so viele Kinder ein neues, vorübergehendes Zuhause fanden, freut uns», sagt Bachmann.

Familien werden unterstützt

Der Verein unterstützt und begleitet die Pflegefamilien und die minderjährigen Flüchtlinge auch nach der Platzierung intensiv. Es wurden Einführungs- und Weiterbildungstage organisiert, zudem stehen jeder Familie eine sozialpädagogisch ausgebildete Fachperson sowie ein kultureller Begleiter zur Seite. Denn die Platzierung eines Flüchtlingskindes in einer Familie ist mit Herausforderungen verbunden – für beide Seiten. «Es braucht einen langen Atem», sagt familynetwork.ch-Geschäftsführer Bachmann. «Aber wir sind überzeugt: Das Wagnis ist ein Gewinn für beide Seiten!» Der Verein sucht nun nach weiteren Familien, die ein Flüchtlingskind bei sich aufzunehmen bereit sind. Ausserdem ist der Verein auf Familien angewiesen, die sich an Wochenenden oder in den Ferien zur Entlastung der Pflegefamilien um die Flüchtlingskinder kümmern.

Die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, die in die Schweiz kommen, ist in den vergangenen Monaten zwar etwas zurückgegangen, doch noch immer besteht Bedarf an geeigneten Unterbringungsmöglichkeiten für die Flüchtlingskinder.