Die Politik im Aargau hat sich diese Woche auf Gemeindeebene mit sich selbst auseinandergesetzt: Die Stadt Rheinfelden erlebte den Schlussspurt im Abstimmungskampf um die Einführung eines Einwohnerrats. In Baden lehnte es der Einwohnerrat ab, von 50 auf 30 Sitze verkleinert zu werden. Und in Aarau widmete das Zentrum für Demokratie ZDA seine jährliche Tagung den Demokratieproblemen in den Gemeinden: Die Bereitschaft, abstimmen zu gehen oder sich in ein Amt wählen zu lassen, sinkt.

Es ist toll, dass das von Kanton und Stadt mitfinanzierte ZDA nach der EU und dem arabischen Raum für einmal sein näheres Umfeld unter die Lupe nimmt und die aktuellen Forschungsresultate der Öffentlichkeit vorstellt. Der Zwischenbefund einer laufenden Aargauer Studie überrascht allerdings niemanden: Auch im Aargau gibt es immer weniger Kandidaten und Wähler.

Interessanter sind deshalb die Schlussfolgerungen, die man daraus zieht. Es können, müssen aber nicht dieselben sein wie jene der Politologen, wie folgende drei Thesen zeigen.

These 1: Lokalparteien sind nur die halbe Miete. Um wieder mehr Leute zur politischen Mitarbeit zu bewegen, setzt ZDA-Direktor Daniel Kübler bei den Parteien an: «In diesen Netzwerken werden geeignete Personen identifiziert und zur Kandidatur motiviert.» Da die Lokalparteien in der Krise steckten, müssten die Gemeinden sie «unterstützen». Ob er damit Steuergelder meint, lässt Kübler explizit offen.

Abgesehen von diesem Verdacht, löst seine Forderung das Problem nicht, dass junge, mobile und unideologische Bürger mit der Parteienstruktur nichts anfangen können. Genau deshalb erodieren die Lokalparteien. Die Bürger der Zukunft bewegen sich in anderen Netzen.

These 2: Bürgerworkshops bringen nichts. Solche modernen Beteiligungsformen locken nicht etwa zusätzliche Bürger an, sondern genau dieselben, die sowieso an die Gemeindeversammlung gehen. Eine breit abgestützte Deutschschweizer Studie offenbart auch eine erschreckend hohe Zahl von Beratungsunternehmen, die Zukunftskonferenzen und Ähnliches moderieren - und sich an vielen Gemeinden eine goldene Nase verdienen. Es wäre gescheiter, diese öffentlichen Gelder in eine anständige Entlöhnung der Gemeinderäte zu stecken.

These 3: Jede Gemeinde hat die Demokratie, die sie verdient. Wenn die Rheinfelder morgen mit tiefer Stimmbeteiligung den Einwohnerrat ablehnen, dann müssen sich alle Befürworter an der Nase nehmen, die nicht an die Urne gegangen sind.

Dasselbe gilt für jene Parteien in Baden, die trotz hoher Fluktuation einen grossen Einwohnerrat beibehalten wollen, auch wenn sie damit Gefahr laufen, dass ihnen irgendwann die Kandidaten ausgehen. Und die Gemeinden mit vielen Neuzuzügern, die in die Aargauer Studie bisher eingeflossen sind, bezahlen ihr Wachstum mit einer besonders tiefen Partizipation. In Schlafgemeinden ist es mit der direkten Demokratie nicht weit her.

Die Politikwissenschaft kann die Probleme der lokalen Demokratie aufzeigen, lösen müssen sie die Gemeinden selbst. Keine Studie der Welt vermag den Bürgersinn zu wecken, den es braucht, damit die Gemeindeautonomie erhalten bleibt.