Nein, ein Kehrichtberg von 30'000 Tonnen löst sich nicht einfach in Luft auf – zumindest nicht vor der Verbrennung. Aber diese riesige Menge fehlt im Aargau bald einmal, vor allem bei der Kehrichtentsorgung in der Region Zofingen. Die Begründung dafür ist leicht nachvollziehbar: Der Kanton Luzern nimmt die über 40-jährige KVA bei der Stadt ausser Betrieb, die neue KVA Perlen hat mit 200'000 Tonnen mehr als die doppelte Jahreskapazität. Darum ist die topmoderne Anlage in der Nähe der alten Papierfabrik ab Mitte 2015 in der Lage, die bisher in den Aargau exportierte Menge selber zu verdauen. Denn aus den Luzerner Gemeinden und aus den Kantonen Ob- und Nidwalden kommen derzeit über 30'000 Tonnen zum Verband Entsorgung Region Zofingen (Erzo). Aber wenn Perlen das Feuer zündet, fehlt in Oftringen dieses Ofen-Futter.

Die Überkapazitäten werden verschärft durch weitere Ausbauten im ganzen Kehrichtland Schweiz. Fast immer wird dabei das Schluckvermögen der Anlagen teils massiv erhöht. Den drei Aargauer Anlagen Oftringen, Buchs und Turgi gehen aus der Innerschweiz sogar 40'000 Tonnen Kehricht verloren. Das schreibt FDP-Präsident und Grossrat Matthias Jauslin (Wohlen) in einer Interpellation. Von der Regierung fordert er dringend einen aktuellen Abfallbericht und will auch wissen, «welchen Einfluss eine allfällige Stilllegung der KVA Oftringen hätte». Als Mitglied im Vorstand der KVA Buchs des Gemeindeverbandes Kehricht Aarau-Lenzburg (Gekal) ist Jauslin bei der Konkurrenz involviert.

Der Kehrichtverlust beim Erzo ist so gross, dass auch der Vorstand die Überlebensfrage diskutiert hat. «Aber wir machen weiter und haben einen Kredit für den künftigen Betrieb beschlossen», versichert Erzo-Geschäftsleiter Jacques Hartmann. Nur elf Verbandsgemeinden zählen zum Erzo, das Gebiet reicht von Aarburg bis Safenwil und Zofingen, auch Reiden LU und Wikon LU gehören dazu. Den Wegfall aus der Innerschweiz «können wir nur mit Industriekehricht kompensieren», betont Hartmann. Die künftige Auslastung sieht er bei 80 bis 90 Prozent, im letzten Jahr hat Oftringen 69'000 Tonnen Güsel verbrannt. Daraus flossen 16 Gigawattstunden (GWh) in die Fernwärme und 42 GWh ins Stromnetz.

Für die Entsorger gibt es zwei grosse Liefergruppen: Den über die Sackgebühr finanzierten und zu fixen Tonnenpreisen angelieferten Hauskehricht. Industrie und Bau liefern gegen doppelt so grosse Mengen wie alle Verbandsgemeinden zusammen. Beim Gewerbegüsel aber gelten Preise nach den Gesetzen des Marktes: Bei grossen Überkapazitäten sinken sie stark. Genau das befürchtet die ganze Branche ab 2015.

Mit vermehrten Dumpingpreisen beim Industriekehricht rechnet auch Peter Ender, Direktor der KVA Turgi, im Abfallverband Baden-Brugg. Jede neue Anlage setze die Marktpreise zwangsläufig stark unter Druck. Beachtliche Mengen aus der Deutschschweiz werden zudem ins Tessin gekarrt, um die dortige Anlage auszulasten. Den Import von 20'000 bis 30 000 Tonnen aus dem deutschen Waldshut für Turgi und Buchs bezeichnet Ender als Win-win-Situation. Eine neue Ofenlinie weiht im Juni auch die KVA Buchs ein, «aber wir erhöhen die Kapazität nicht», unterstreicht Geschäftsführer Hans Suter. Dennoch befürchtet auch er einen Rückgang der Tonnenpreise für den Industriekehricht.

Eine gemeinsame Nutzung ihrer Abfallanlagen proklamierten die Kantone von Aargau bis Uri und Zug schon vor elf Jahren. Was in der Theorie gut tönt, funktioniert in der Praxis weniger gut. Immerhin: «Es war absehbar und abgesprochen», versichert Peter Kuhn, Leiter der Sektion Abfälle und Altlasten im Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU). Durch den Betrieb in Perlen entstehe keine grosse Überkapazität, «die Lage ist nicht dramatisch», sagt Kuhn.

«Wenn alle Betreiber ihre Anlagen mit 96 statt mit 100 Prozent auslasten, geht die Rechnung auf», erklärt der Abfallspezialist. Weil jeder Betreiber möglichst viele Einnahmen in die eigene Kasse schleusen will, könnte es dennoch zu Dumpingangeboten kommen.

Im Extremfall müssten die Gemeinden mit dem Hauskehricht die Abfälle aus Industrie und Gewerbe quersubventionieren – was sich niemand wünscht. Gefragt wäre dann eine ordnende Hand des Bundes, «denn die Verbrennungspreise müssen nach Umweltschutzgesetz verursachergerecht sein», erklärt Peter Kuhn. Übrigens: «Der Kanton will keine Schliessung der Kehrichtverbrennung Oftringen», fügt er an, «denn das wäre bei dieser guten Anlage auch ökologisch falsch.» Kein Luxus wäre eine landesweite Koordination im Abfallwesen. Der Kehricht pro Person stagniert seit Jahren – die Gesamtmenge wächst nur noch parallel zur Bevölkerung.