Krassere Gegensätze sind kaum mehr vorstellbar: «2011 gab es die grösste Chriesiernte seit 20 Jahren, 2012 die schlechteste seit 15 Jahren», bilanziert Obstbau-Experte Othmar Eicher vom Landwirtschaftlichen Zentrum Liebegg. Bei der Klasse 1 (21 bis 23 Millimeter) gab es landesweit nur 140 Tonnen Kirschen oder 18 Prozent der letztjährigen Grossernte von 780 Tonnen. In der Nordwestschweiz ist die Differenz ebenso krass, mit 70 zu 480 Tonnen. Kirschen für die Konservenbüchsen gab es heuer nur 230 Tonnen, im Vergleich zu 1300 Tonnen im letzten Jahr.

Die Gründe sind rasch aufgezählt: Der Frost mit bis zu minus 18 Grad im Februar hat sich negativ ausgewirkt, während der Hauptblüte im April konnten die Bienen nicht fliegen.

«Kirschen sind bei uns das Zugpferd», erklärt Roland Brogli, dessen Familienbetrieb in Zeiningen (www.broglis.ch) vom Direktverkauf aller Produkte ab Hofladen lebt. Weil die Konsumentinnen grosse, schöne und qualitativ einwandfreie Früchte wollen, ist der Anbau nur noch in überdeckten Kulturen möglich. Dadurch war auch der Ausfall bei Broglis mit 50 Prozent weniger schlimm als anderswo.

Erdbeeren, Tomaten und Gurken

Bei den Erdbeeren beträgt die bisherige Ernte 500 Tonnen, was 96 Prozent des Vorjahreswertes entspricht. Während der Haupternte Mitte Juni ging eine Woche lang die Hälfte der Beeren kaputt, doch dann ersetzte die Sonne den Regen. «Dank einer speziellen Technik mit spät gesetzten Pflanzen ernten wir jetzt noch 500 Kilogramm Erdbeeren pro Tag», erklärt der für Gemüse und Beeren auf der Liebegg zuständige Hansruedi Rauchenstein.

Bei Tomaten und Gurken herrscht derzeit praktisch eine Vollversorgung aus dem eigenen Land. Aber auch hier stammen 99 Prozent aus Gewächshäusern, um die hohen Qualitätsansprüche erfüllen zu können. Ein Überfluss wäre schlecht für die Produzenten, weil dann die Preise zusammenbrechen. «Aber jetzt geht es schön auf», betont Rauchenstein.

Viele Äpfel und Birnen in Sicht

Beim Salat sieht es im Aargau gut aus, weil die grossen Hagelschläge dieses Jahr vor allem die Zürcher und Ostschweizer Bauernbetriebe getroffen haben. Bei Zwetschgen und Pflaumen gibt es die kleinste Ernte seit vier Jahren. «Wir rechnen mit 5000 Tonnen Kernobst, bei den Äpfeln sieht es sehr gut aus, Birnen gibt es etwas weniger», schätzt Othmar Eicher. Das Tafelobst kommt fast ausschliesslich aus Intensivkulturen, 60 Prozent des Mostobstes stammen von Hochstämmen.

In diesen Tagen beginnt die Ernte der frühen Apfelsorten wie Klaräpfel, Gravensteiner und Galmac, einer neuen Schweizer Züchtung. Für 2011 sprach man von der frühesten Ernte seit Menschengedenken, heuer beträgt der Vorsprung nur ein bis zwei Tage. Durch das oft feuchtwarme Wetter stellten Pilzkrankheiten ein grosses Problem dar, beim Obst war es Schorf, bei den Reben der Falsche Mehltau.

Rückgang beim Getreide

Das wechselhafte Wetter mit viel Regen drückt die Getreideernte im Mittel um 15 Prozent. «Die Ernte 2012 wird landesweit auf 382000 Tonnen Brotweizen, 98000 Tonnen Futterweizen, 185000 Tonnen Gerste und 64000 Tonnen Raps geschätzt», schreibt die Branchenorganisation Swissgranum. Im Aargau sieht es ähnlich aus, «aber der Rapsglanzkäfer hat vereinzelt ganze Ernten vernichtet», erklärt Sonja Basler vom Feldbau im Zentrum Liebegg.