Vor zwei Jahren berichtete die az, dass dem KSA seit der neuen Spitalfinanzierung im Jahr 2012 rund 20 Millionen Franken pro Jahr für Investitionen fehlen. Hat sich die Situation inzwischen beruhigt?

Hans Leuenberger: Wir forderten damals in der uns zugestandenen Baserate einen deutlich höheren Investitionskostenanteil. Die Baserate bezeichnet den Betrag, der bei der Berechnung der DRG-Preise (Diagnosis Related Groups) für die Krankenhausbehandlung zugrunde gelegt wird. Sie bildet die Grundlage für die Vergütung der Krankenhausleistungen. Heute wird der Investitionskostenanteil gar nicht mehr separat ausgewiesen. Die Situation hat sich in der Zwischenzeit sogar verschärft, weil wir seither nicht mehr, sondern sogar weniger Geld bekommen.

Inwiefern?

2012 erhielten wir eine Baserate von 10 350 Franken, 2013 noch eine von 10 210, in diesem Jahr sind es noch 10 190 Franken. Der Druck wird weiter steigen. Das bringt uns als Zentrumsspital in eine besonders schwierige Situation.

Warum trifft dies das KSA stärker als andere Spitäler, deren Pauschalen ja auch sinken?

An Zentrumsspitälern, auch Endversorgungsspitäler genannt, werden überdurchschnittlich viele Patienten behandelt, die sehr hohe Behandlungskosten verursachen, die heute noch nicht über das Fallpauschalen-System abgedeckt werden. Das System ist inzwischen zwar verbessert worden, wir sind aber noch weit vom Ziel entfernt.

Was heisst das konkret?

Wir haben 2013 im KSA 195 Patienten behandelt, bei denen sich für das KSA eine Unterdeckung von je mehr als 30 000 Franken ergab. Insgesamt resultierte bei diesen Fällen ein Minus von 8,2 Millionen Franken!

Wie muss man sich das vorstellen?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ein Patient mit Polytrauma war 46 Tage bei uns. Er wurde sechsmal operiert. Uns entstanden Kosten von 102 000 Franken, via Fallpauschale wurden knapp 71 000 Franken vergütet. Uns bleibt ein Verlust von über 31 000 Franken.

Wie wollen Sie eine solche Fehlentwicklung korrigieren?

Das Fallpauschalensystem Swiss DRG ist ein «lernendes» System. Doch zum Leidwesen der Zentrums- und Universitätsspitäler lernt es sehr langsam. Es geht zwar in die richtige Richtung. Doch es muss dringend weiter verfeinert werden und auch seltene, komplexe Fälle adäquat vergüten. Vorher sollte man keinesfalls kantonal einheitliche Fallpauschalen einführen.

Schafften Sie 2013 angesichts solcher Schwierigkeiten überhaupt schwarze Zahlen?

Die Jahresrechnung ist vom Verwaltungsrat noch nicht definitiv genehmigt worden. Ich kann aber bereits sagen, dass wir mit einer schwarzen Null schliessen, konkret ein Miniplus von 1,1 Millionen Franken. Allerdings liegt der Cashflow nur bei rund 28 Millionen Franken. Um unsere Investitionen bezahlen zu können, bräuchten wir aber rund 50 Millionen Franken. Es fehlen also auch dieses Jahr rund 25 Millionen. Das Ziel von 50 Millionen Cashflow wollen wir in den nächsten Jahren mit Effizienzverbesserungen erreichen.

Effizienzverbesserung heisst konkret meist weniger Personal.

Davon ist keine Rede. Aber der Personalzuwachs könnte sich verlangsamen. Insgesamt stehen 300 Vorschläge ganz verschiedener Art im Raum.

Sie haben enormen Investitionsbedarf. Mussten Sie dafür beim Kanton schon Geld holen? Er würde den Spitälern ja maximal eine Milliarde Franken leihen.

Unser Anteil wäre maximal 360 Millionen Franken. Wir wurden aber noch nicht vorstellig. Für uns ist offen, ob wir dann zum Kanton oder zu einem privaten Kreditgeber gehen. Wir erhalten schon jetzt laufend Angebote. Vor der unmittelbaren Realisierung stehen ein Bauteil für das Neurozentrum und der Innenausbau eines Ambulatoriumtraktes für die Augenklinik und die HNO-Klinik an der Herzogstrasse. Dies im Umfang von rund 40 Millionen Franken.

Wie ist der Investitionsbedarf über 2014 hinaus?

In den nächsten Jahren brauchen wir jährlich rund 100 Millionen Franken für Investitionen. Dazu gehören Investitionen für Medizintechnik, Informatik und Instandhaltung und Instandsetzung der Immobilien. Am meisten ins Gewicht fallen die Aufwendungen für die Immobilien, da hier auch ein grosser Nachholbedarf besteht. Als Zentrumsspital müssen wir auch in der Medizintechnik grosse Investitionen tätigen.

Zum Beispiel?

Wir haben eben beschlossen, den ganzen Gerätepark der Radioonkologie (Strahlentherapie) für 16 Millionen Franken etappenweise zu ersetzen. Dies stärkt das KSA als Onkologie- und als Neurozentrum.

Die Operationen haben 2013 um sechs Prozent zugenommen. Sie stossen bei den Operationssälen offenbar an Kapazitätsgrenzen?

Aufgrund des Patientenzuwachses stossen wir tatsächlich an Grenzen. Es wurden verschiedene Massnahmen zur Erweiterung der Operationssaal-Kapazitäten beschlossen und zum Teil schon umgesetzt. Unser Notfallbetrieb wird ab Herbst von einem auf zwei Operationssäle ausgedehnt, die 365 Tage im Jahr und 24 Stunden im Tag mit ärztlichem und pflegerischem Personal bereitstehen.

Und darüber hinaus?

Wir brauchen auch mehr OP-Raum, weil mehr komplexe Operationen mehr Zeit brauchen. Weiter wollen wir die Betriebszeiten der Operationssäle ausdehnen – vorausgesetzt, wir finden genügend qualifizierte Mitarbeitende dafür. Dazu kommen ambulante Operationssäle, um unseren zentralen OP mit insgesamt 14 Operationssälen (ohne Frauenklinik) weiter zu entlasten. Zudem haben wir 2013 zum Beispiel in der Augenklinik einen Eingriffsraum eingerichtet. Dieser entlastete den zentralen OP bereits. Weiter werden einfachere Fälle in bestimmten Bereichen im Partnerspital Zofingen operiert, wo noch Kapazität vorhanden ist.

In früheren Jahren stiegen die Notfallzahlen stark an. Auch 2013?

Ja, unverändert, das KSA am Bahnhof brachte uns nur vorübergehend Entlastung. Im vergangenen Jahr stiegen die Notfalleintritte wiederum um mehr als 6 Prozent. Der Trend wird anhalten. Deshalb planen wir am Haupthaus westseitig einen ganz neuen Notfalltrakt. Die grosse Herausforderung hier ist, den grossen vom kleinen Notfall zu unterscheiden. Wir wollen den neuen Anbau baulich und organisatorisch entsprechend konzipieren.

Man hört, dass das KSA ein «Kinderwunschzentrum» auf die Beine stellen will.

Wir prüfen, ob das KSA eins aufbauen soll.

Ist denn ausreichend Nachfrage für noch ein solches Zentrum da?

Ja, das Bedürfnis nimmt sogar weiter zu. Man müsste hier aber grosse Vorinvestitionen tätigen. Da müssen wir erst kalkulieren, ob sie sich rechnen. Und man müsste hoch spezialisierte Mitarbeiter holen können, von denen es ganz wenige gibt.

Die Spitäler mussten beim Kanton bereits ihre Eingaben für die Spitalliste 2015 machen. Das KSA und die Hirslanden Klink Aarau bewerben sich für die Herzchirurgie. Die Hirslanden Klinik rüstet massiv auf. Wo liegt die Lösung?

Unser Partner in der Herzchirurgie ist heute ja primär das Universitätsspital Basel. Und wir bewerben uns auch für herzchirurgische Eingriffe, da eine enge Zusammenarbeit Herzchirurgie/Kardiologie immer wichtiger wird. Zum Zeitpunkt unserer Eingabe wussten wir nicht, dass die Hirslanden grosse fachliche Kompetenz nach Aarau holt. Aufgrund dieser neuen Ausgangslage ist es verständlich, dass die beiden Häuser die Möglichkeiten einer vertieften Zusammenarbeit gemeinsam prüfen. Diese Gespräche sind im Moment noch im Gange.

Das zuständige Fachorgan der Kantone für die hoch spezialisierte Medizin hat dem KSA letztes Jahr nur für vier der fünf Bauchchirurgiedisziplinen grünes Licht gegeben. Sie haben dagegen Beschwerde eingereicht. Wo steht diese?

Das Bundesverwaltungsgericht hat unsere Beschwerde geschützt. Wir können also mindestens vorläufig alle fünf Disziplinen anbieten. Da wir wie die meisten anderen Spitäler erst provisorische Bewilligungen haben, müssen wir uns zu gegebener Zeit neu bewerben.

Die neuen Corporate-Governance- Richtlinien verlangen die Publikation des höchsten Salärs in der Geschäftsleitung (GL) und der Summe aller GL-Saläre im Geschäftsbericht. Kommt das jetzt so?

Daraus ergibt sich ein besonderes Problem für Spitäler insofern, als Chefärzte in der Geschäftsleitung für diese Tätigkeit nicht speziell entschädigt werden und ihr Einkommen sich aus ihrer ärztlichen Tätigkeit ergibt. Und es ist nicht üblich, dass die Kaderarztgehälter veröffentlicht werden. Nächsten Dienstag beraten die Verwaltungsräte von KSB und KSA zusammen über ein gemeinsames Vorgehen.

Sie leiten das KSA seit dem abrupten Abgang von Urs Karli 2011. Sie sind im Pensionsalter. Man hört, dass Sie es bald geniessen wollen?

Das stimmt. Wir suchen eine Nachfolgeregelung für mich. Schon am Sonntag wird die CEO-Stelle ausgeschrieben.

Haben Sie ein Datum festgelegt, an dem Sie spätestens aufhören?

Nein, das Spital kann auf mich zählen, bis ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin da ist.