Flugunglück
«Dein Vater ist heute Morgen mit der Swissair abgestürzt»

Maurice Maggi verlor am 4. September 1963 seinen Vater, der als Marketingbeauftragter bei der Swissair arbeitete. Als damals 8-jähriger Bube konnte er den Tod erst nach Jahren richtig verarbeiten.

Marisa Eggli
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Maurice Maggi verlor in Dürrenäsch seinen Vater.

Maurice Maggi verlor in Dürrenäsch seinen Vater.

Heinz Diener

Als sich auf der Fahrt nach Dürrenäsch der Hallwilersee am Horizont zeigt, muss der bekannte Zürcher Guerilla-Gärtner Maurice Maggi an jenen Mittwoch vor 50 Jahren denken. Damals sollen die Piloten der Swissair-Maschine 306 versucht haben, auf dem See notzuwassern – vergeblich. Nur wenige Sekunden später donnerte das Flugzeug bei Dürrenäsch im Aargauer Seetal in einen Acker und explodierte.

Die Nachricht vom Tod seines Vaters überbrachte Maggi sein ältester Bruder. Dieser passte ihn nach der Schule beim Hauseingang ab. Sie fuhren zusammen im Lift hoch zur Wohnung und sein Bruder sagte: «Vater ist heute Morgen abgestürzt.»

An der Absturzstelle in Dürrenäsch steht seit 1965 ein Denkmal. Maggi hat den Ort erst zwei-, dreimal besucht. Ruhig betrachtet er den Gedenkstein, überfliegt die Namen der Opfer.

Vater kommt wieder nach Hause

Sein Vater war eine Art Marketingbeauftragter der Swissair. Seine Aufgabe war es, alle Kardinäle der katholischen Kirche dazu zu bringen, mit der Swissair ans Zweite Vatikanische Konzil zu fliegen. Sein Vater war für ihn wie ein Verbündeter in der Grossfamilie, die aus sechs Geschwistern und den Eltern bestand.

Maggi sah die Unglücksstelle zum ersten Mal an der Beerdigung, einige Tage nach dem Absturz. Die Luft roch nach Kerosin und dort, wo heute Weizen wächst, klaffte ein Loch. Die Erde war aufgewühlt. Vier Särge standen nebeneinander, umringt von Menschen mit dunklen Regenschirmen. Maggi war acht Jahre alt. Er hatte sich vorgenommen, in einen der Särge zu schauen. Dieser Wunsch war in ihm gewachsen, nachdem seine Mitschüler auf dem Pausenhof einen Zeitungsartikel herumgereicht hatten. Darin stand, die Toten seien durch den Absturz so zerstückelt worden, dass ihre Überreste in nur wenigen Särgen Platz finden würden. Maggi stellte sich vor, wie diese Leichenteile im Sarg liegen, und er wollte sie sehen. Das hätte ihm Gewissheit gegeben, dass sein Vater wirklich tot war. Er brauchte diesen Beweis.

Doch als er vor den Särgen stand, wurde ihm die Bitte nicht gewährt. Allein der Gesichtsausdruck jener Person, die er fragte, verriet ihm, dass er um etwas Unmögliches bat. Um etwas, das man nicht machte. Dass ihm dieser Einblick verwehrt blieb, verstärkte seine Zweifel am Tod des Vaters. Maggi erinnert sich gut: «Ich malte mir aus, Vater sässe im Gefängnis und käme irgendwann wieder heim.»

Reisepass roch nach Kerosin

Diese Vorstellung war sein Geheimnis. Mit der Zeit wurde sie zu einer Last, die immer schwerer wog. Er fühlte sich hin und her gerissen, ob er seiner eigenen Vorstellung trauen oder seinem Umfeld glauben sollte. Auch die wenigen Fundstücke aus Vaters Reisetasche sprachen gegen Maggi. Sie lagen in einem Koffer im Estrich. Wenn er seinen Vater vermisste, betrachtete er den Reisepass und schnupperte daran. Das Dokument roch nach Kerosin.

Bevor Maggi sich vom Denkmal abwendet, macht er ein Foto. Es sei schön, hier zu sein, der Besuch wecke Erinnerungen. Auch an die Verbundenheit von Vater und Sohn – wie damals, als die Familie in Rom wohnte, beim Ausflug ans Meer alle eine Glace assen. Und nur Maurice Maggi und sein Vater rohe Muscheln mit Zitrone schlürften.

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