Am 1. Mai werden im Aargau Gewerkschafter auf der Strasse für Arbeitnehmerrechte demonstrieren, allerdings deutlich weniger als früher. Wie beurteilt der Politgeograf Michael Hermann die heutige Stellung der Gewerkschaften? Die Veränderung vieler Berufsbilder und die Deindustrialisierung habe deren Basis viele Jahre abbröckeln lassen, sagt Hermann. Er beobachtet aber, dass die Erosion der Mitgliederzahlen gestoppt sei, die Zahlen zunehmen, ihre Bedeutung wieder steigt: «Parallel zu den grossen Debatten über Lohndruck, Zuwanderung, flankierende Massnahmen und weiteres mehr stieg die diesbezügliche Sensibilität der Menschen.»

Die Gewerkschaften hätten aber auch ihre Methoden modernisiert und seien kämpferischer geworden, nutzen vermehrt moderne Kommunikationsmittel, sagt der Politgeograf. Sie hätten allerdings ein Imageproblem. Das habe man gesehen, als sie eine riesige Demonstration für die AHV organisierten. Kaum jemand berichtete darüber. Das habe gewiss damit zu tun, dass sie als etwas verstaubt gelten.

Hermann glaubt, dass Gewerkschaften mehr erreichen könnten, «wenn sie nicht immer so verbissen, sondern auch mal lustvoll und spielerisch auftreten würden». Am meisten in diese Richtung gehe die Gewerkschaft Unia. Die zahle jetzt aber einen hohen Preis, weil sie besonders aggressiv auftrete und viele Firmenkulturen kritisiere. Sie habe zu lange gebraucht, um den Konflikt mit Roman Burger zu lösen, der lange als Inbegriff des modernen Gewerkschafters galt.

Stark veränderte Berufsbilder

Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann (SP) war bis zu seiner Wahl 2009 in die Kantonsregierung Präsident des Aargauischen Gewerkschaftsbundes (AGB). Was hat sich aus seiner Sicht verändert? Eine wichtige Entwicklung sei, so Hofmann, dass sich die einst klaren Berufsbilder, zum Beispiel von Metallarbeitern, die sich im Smuv engagierten, sehr verändert haben. Sie seien vielfältiger geworden, heute viel durchmischter, und sie verändern sich rasch. Hofmann: «Darauf müssen die Gewerkschaften eine Antwort finden und sich anders aufstellen.» Einst gehörte die Gewerkschafts-Mitgliedschaft zum Selbstverständnis des Industriearbeiters, das sei längst nicht mehr so. Dazu komme die Internationalisierung vieler Abläufe, die die Arbeitswelt stark verändern. Daraus ergebe sich die Notwendigkeit neuer Arbeitszeitmodelle. Hofmann: «Früher hatte man einen klar geregelten 8-Stunden-Tag. Heute kann ein Arbeitstag manchmal ganz anders verlaufen, es gibt völlig neue Arbeitszeitmodelle, Teilzeitarbeit. Das sind grosse Herausforderungen, die die Gewerkschaften in ihrer ganzen Breite anschauen und Antworten finden müssen.»

Die klassische Abgrenzung zwischen SP-Gewerkschaftern und eher bürgerlich ausgerichteten Arbeitnehmerorganisationen wie Travail Suisse oder Kaufmännischer Verband (KV) habe nicht mehr die gleiche Bedeutung wie früher, so Hofmann. Er findet es daher richtig, dass mit Arbeit Aargau vor wenigen Monaten eine 30 000 Mitglieder umfassende Dachorganisation gegründet worden ist. Hofmann hält fest: «Die Idee ist, mit so einem Dachverband – ähnlich wie die Wirtschaft mit Gewerbeverband und Handelskammer – die Kräfte zu bündeln und über die ideologischen Grenzen hinweg gemeinsame Anliegen zu vertreten und damit mehr zu erreichen.»

Bei Umschulung helfen

Engagieren müssen sich die Gewerkschaften auch bei Weiterbildung und Umschulungen, die angesichts sich rasch verändernder Berufsbilder nötig werden. Hofmann fordert: «Es ist ganz wichtig, diese Menschen keinesfalls fallen zu lassen, sondern sie bei der Umschulung zu unterstützen und nicht einfach andere Leute einzustellen.» Dafür erwartet er ein entsprechendes Engagement der Betroffenen und der Arbeitgeber.

Wie beurteilt Hofmann die Sozialpartnerschaft, hält sie stand? Sie sei in den letzten Jahren nicht gestärkt worden, gibt der SP-Politiker zu bedenken. Gewerkschafter seien auch in Grossbetrieben heute oft weniger zahlreich vertreten: «Gewerkschaften braucht es aber nach wie vor, ebenso wie gegenseitiges Vertrauen, die aktuellen Fragen gemeinsam angehen und lösen zu können.»

Hofmann tritt am 1. Mai als Redner auf (vgl. Box). Ist das 1.-Mai-Ritual mit Reden und Umzug überhaupt noch zeitgemäss? Diese Frage treibt die Gewerkschafter selbst schon lange um. Man komme aber immer wieder zum selben Ergebnis, sagt Hofmann: «Die 1.-Mai-Feiern mit ihrem heutigen Volksfestcharakter sind keinesfalls geringzuschätzen. Auch ist es im Aargau als Kanton der Regionen gewiss richtig, dass mehrere dezentrale Feiern stattfinden statt eine zentrale.»