Deutsche Sprache
«Dass die Jungen schlechter schreiben, ist eine antike Klage»

Eine deutsche Studie will herausgefunden haben, dass Schüler und Studenten immer schlechter schreiben. Die Aargauer Lehrerschaft kann das nicht bestätigen - im Gegenteil: Die Jungen von heute machen vieles besser als ihre Eltern.

Kim Ghilardi
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Eine Umfrage an 135 sprachwissenschaftlichen Instituten in Deutschland hat ergeben, dass Studenten immer weniger in der Lage sind, strukturiert zu schreiben, teilt die Gratiszeitung «20 Minuten» mit. Schuld sollen das Internet und das Schreiben am Computer sein. Auch in der Schweiz kommt der Vorwurf der mangelnden Sprachkompetenz bei Schülern und Studenten wieder auf - man ist allgemein der Ansicht, dass die Jungen nicht richtig schreiben lernen.

«Darüber können wir nur lachen»

Beatrice Trummer ist Fachvorsteherin Deutsch an der Kantonsschule Baden und blickt auf rund 20 Jahre Erfahrung zurück. Sie widerspricht den Vorwürfen. «Heute Morgen sind ein paar Schüler mit einem Artikel aus einer Gratiszeitung zu mir gekommen, der die mangelnde Sprachkompetenz von Studenten anprangert, wir konnten über eine derartige Behauptung nur lachen», sagt Trummer. Auch ihre Kollegen würden das nicht anders sehen.

Die Deutschlehrerin bemerkt keine negative Veränderung in den Texten der Schüler. «Die Behauptung, dass sich die Sprachkompetenz der Jungen verschlechtert, stammt meist von älteren, gestandenen Herren, die mit dem neuen Sprachgebrauch und der neuen Rechtschreibung nicht umgehen können.» Diese Behauptung hätten die älteren Semester den Jungen schon seit der Antike an den Kopf geworfen.

Im Gegenteil bemerkt Trummer sogar eine Verbesserung des Sprachgebrauchs: «Der Wortschatz der Jungen hat sich merklich verbessert und ausgeweitet», erklärt sie. Womit dies zusammenhängt, weiss sie aber nicht.

Früher war die Schule einfacher

Auch Niklaus Stökli vom Aargauischen Lehrverband kann eine Verschlechterung der Sprachkompetenz nicht bestätigen: «Natürlich verändert sich die Wortwahl der Schüler und Studierenden, aber nicht zum Schlechten». Dass somit die Fähigkeit strukturiert schreiben zu können abnimmt, bleibt für Stöckli deshalb ein «grosses Fragezeichen». Studien, die das sauber belegen würden, kenne er nicht.

Stöckli ist selber Deutschlehrer an der Bezirksschule in Klingnau und beschäftigt sich mit der Thematik. Auch er weist auf Verbesserungen hin - und auf einen Punkt, der nicht in Betracht gezogen wurde: «Was man heute in den Schulen und Unis abverlangt, ist um einiges Anspruchsvoller als es früher der Fall war.» Man solle also vorichtig sein, mit derartigen Behauptungen, denn somit würden die heutigen Schüler in vielerlei Hinsicht bereits mehr leisten als ihre Eltern zu ihrer Zeit.