Kontrollen
Das Zollinspektorat ist Aaraus Tor zur Welt – es fängt auch IS-Propaganda ab

Der Aargau hat keine Grossstadt, keine Uni, keinen internationalen Flughafen – es gibt dennoch ein Tor zur Welt. Bloss kennt das Zollinspektorat in Aarau keiner.

Sabine Kuster
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Der Zoll in Aarau
18 Bilder
Beim Kurierdienst TNT werden die Pakete durchleuchtet.
Schöpft ein Zöllner Verdacht, wird das Paket aufgeschnitten.
Geschmuggelt: Elfenbeinschnitzerei, die vom Zoll entdeckt wurde.
Imperssionen vom Zollamt
Imperssionen vom Zollamt
Imperssionen vom Zollamt
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Imperssionen vom Zollamt
Imperssionen vom Zollamt
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Imperssionen vom Zollamt

Der Zoll in Aarau

Chris Iseli

ZOLL. Das kurze Wort steht neben dem Wappen der Eidgenossenschaft auf der Glastür im 1. Stock eines Gebäudes im Aarauer Industriegebiet. Rohrerstasse 100. Im Haus befinden sich unter anderen ein Blumen-Engros-Handel, eine Informatik-firma und ein Fitness-Center. Und die Eidgenössische Zollverwaltung. Schalteröffnungszeiten von Montag bis Freitag, 8 bis 12 Uhr. Unscheinbar ist die Niederlassung, da erstaunt es nicht, dass meist nicht einmal die Aarauer wissen, dass es in ihrer Stadt einen Zoll gibt. Geschweige denn warum. Dabei ist der Zoll in Aarau keineswegs nur ein kleiner, administrativer Ableger im Inland mit beschränkten Öffnungszeiten. Sondern die Zentrale eines grossen Zollinspektorats, in dem ab 5 Uhr morgens Licht brennt. Zum Zollinspektorat Aarau gehören auch die Kantone Luzern, Solothurn, Ob- und Nidwalden und Bern. Schon länger wird die Dienstabteilung in Luzern von Aarau aus geführt, seit dem 1. August auch jene in Bern. Der Aarauer Zollstellenleiter wurde pensioniert, der Berner arbeitet nun in Aarau. Ralf Pelli heisst der neue Chef. Offizielle Bezeichnung: Zollinspektor. «Aber wo, Herr Pelli, ist die Ware, die Sie inspizieren?» Es ist kurz vor 7 Uhr morgens, vier Stunden sind einberechnet, damit klar wird, was der Grenzposten mitten im Land soll.

Zoll ohne Schlagbaum

Pelli schickt uns mit zur Inspektion. «Sie haben Glück», sagt der Abteilungsleiter, «wir fahren nicht weit, die Kurierfirma TNT liegt gleich um die Ecke.» So ist das. Es gibt hier keinen Schlagbaum, keine abgeschlossenen Lagerhallen, keine plombierten Container. Nicht einmal Waren liegen herum. Der Zoll, die vier Buchstaben, erzeugen im Kopf Bilder, die längst veraltet sind. Das Zollinspektorat in Aarau ist ein Tor zur neuen, globalisierten Welt. Und die funktioniert nur, wenn das Tor weit offen ist.

Mit anderen Worten: Am Schalter in Aarau wird nur noch 0,1 Prozent aller Ware verzollt. Bezeichnenderweise hat der Schalter auch kein Türchen mehr, sondern sieht aus wie ein beliebiges Empfangs-Desk. Der allergrösste Teil der eingeführten Güter wird direkt beim Importeur kontrolliert. Und das nur mit Stichproben.

Wie an diesem Morgen bei TNT. Eine Kurierfirma verzollt monatlich Tausende von Paketen. Eine Handvoll davon werden heute unter die Lupe genommen. Das Zollinspektorat hat einen Kleinbus eines mobilen Einsatzteams vor der Lagerhalle der Firma abgestellt, der Scanner läuft, auf einem kurzen Förderband kommen Pakete zur einen Seite des Autos rein, werden geröntgt und auf der anderen Seite von den Zollfachleuten in Empfang genommen. Sie kontrollieren Verpackung und Adresse mit Kennerblick, wenn weder sie noch der Mann am Scanner-Bildschirm etwas auszusetzen haben, wird das Paket freigegeben. Ansonsten liegt auf dem Tisch ein Sackmesser zum Aufschlitzen.

Mehr Arbeit wegen Online-Handel

Letztes Jahr fertigte das Zollinspektorat Aarau 1,54 Millionen Lieferungen ab. Gegenüber 2010 ist das eine Zunahme von rund 14 Prozent. Der Hauptgrund für die Zunahme ist der massiv gestiegene Online-Handel beziehungsweise der starke Franken, der die Bestellungen im Ausland angekurbelt hat. Per Internet kann alles von fast überall bestellt werden und ist innert weniger Tage beim Kunden. Damit dies möglich ist, darf der Zoll kein Bremsklotz sein. Den Zöllnern bleibt nur wenig Zeit für die Inspektion. «Das ist der Preis, dass ein Paket aus China drei Tage später im Briefkasten ist», sagt Ralf Pelli. Die Zöllner haben ein Zeitfenster von 30 Minuten, in dem sie eine Lieferung, die auf dem Zollinspektorat online im Verzollungs-System erscheint, sperren können um die Lieferung zu überprüfen. Sonst ist die Sendung zur Auslieferung freigegeben.

In Blau, Grün und Orange zieht der Inhalt der Pakete auf dem Bildschirm am Zöllner vorbei. Sieht er zum Beispiel auf seinem Laptop (blau und grün für Metall und Kunststoff) plötzlich organische Spuren (orange), weist er seine Kollegen an, das Paket zu öffnen. Die Zöllner wissen, worauf sie schauen müssen. Die möglichen Verdachtsmomente sind zahlreich. Das Herkunftsland spielt eine Rolle, die Firma, das Aussehen, Hinweise von Kollegen im Ausland oder anderen Zollkreisen.

Dutzende von Indizien

Vielleicht gibt der Dosimeter am Körper des Zöllners Alarm oder auf dem Bildschirm erscheinen plötzlich die Umrisse einer Waffe. Die Zöllner suchen unter anderem nach verbotenen Pflanzen, Fleisch, Arzneien, verbotenen Pornos, gefälschten Marken. Auch Propagandamaterial wird abgefangen, wenn es entdeckt wird – rechts- oder linksradikale Werbung ebenso wie IS-Propaganda. Drogen werden mit Hunden aufgespürt.

Geschichte des Zollamts Aarau Das erste Zollamt in Aarau wurde 1897 eröffnet. Damals wurden die Waren noch mehrheitlich mit dem Zug angeliefert, der Güterbahnhof befindet sich noch heute gleich neben dem Zollinspektorat. Aus diesem Grund entstanden hier dieLagerhäuser Aarau und das Hupac-Terminal. Und auch der grösste Importeur des Zollkreises, TNT, ist ein Nachbar.  Doch in den 80er-Jahren gaben die SBB ihre Lagerhäuser auf, weil immer mehr Güter auf der Strasse und immer weniger per Bahn angeliefert wurden. Dass sich das Zollinspektorat noch immer in Aarau befindet und nicht wie viele andere Stellen geschlossen wurde, liegt an der guten Lage der Stadt in der Schweiz und dem nahen Anschluss an die Autobahn.

Geschichte des Zollamts Aarau Das erste Zollamt in Aarau wurde 1897 eröffnet. Damals wurden die Waren noch mehrheitlich mit dem Zug angeliefert, der Güterbahnhof befindet sich noch heute gleich neben dem Zollinspektorat. Aus diesem Grund entstanden hier dieLagerhäuser Aarau und das Hupac-Terminal. Und auch der grösste Importeur des Zollkreises, TNT, ist ein Nachbar.  Doch in den 80er-Jahren gaben die SBB ihre Lagerhäuser auf, weil immer mehr Güter auf der Strasse und immer weniger per Bahn angeliefert wurden. Dass sich das Zollinspektorat noch immer in Aarau befindet und nicht wie viele andere Stellen geschlossen wurde, liegt an der guten Lage der Stadt in der Schweiz und dem nahen Anschluss an die Autobahn.

Chris Iseli

Oft geht es schlicht darum, dass teure Ware am Zoll vorbeigeschleust werden soll. 300 Kilogramm Wasserpfeifentabak waren einmal in einem Lastwagen voller Steingut versteckt. Der Lastwagen-Scanner zeigte bei jenem Fall in der hintersten Ecke ein grosses, orangefarbiges Paket an. Lastwagen mit schwerer Fracht werden durch ein riesiges Tor geschleust, das den ganzen Inhalt aufs Mal röntgt.

«Wir finden bei praktisch jeder Kontrolle irgendeine Unregelmässigkeit», sagt einer der Zöllner. Oft sage ihm auch das Bauchgefühl, dass hier etwas nicht stimmen kann. Acht Pakete hat er heute Morgen schon geöffnet, jetzt empfiehlt ihm der Mann am Bildschirm eines. Zum Vorschein kommen Dutzende von Uhren in Papierbriefchen. «Reparaturen einer Uhrenfirma», gibt der Zöllner Entwarnung. Die nächsten paar Pakete hingegen legen sie zur genaueren Überprüfung zur Seite: Sie sind voller Sonnenbrillen mit einem bekannten Logo, doch der Hersteller ist offenbar ein anderer. Eine Fälschung?

Eine genauere Analyse ist auch nötig bei Pulver, das als Waschmittel verpackt ist, aber Verdacht auf Drogen erregt. Heute öffnet der Zöllner ein Parfümfläschchen. «Kaviar?», fragt sein Kollege. Die beiden lachen, die Essenz riecht nicht essbar.

Firmen haben eine Art Zoll

Die jährlich 1,5 Millionen Lieferungen, die durch 85 Firmen in Aarau verzollt werden, gehen an ihre 208 zugelassenen Zoll-Orte verteilt in die sechs Kantone. Das macht pro Tag rund 6000 Lieferungen, die kontrolliert werden müssten. Hinzu kommt die Verzollung der Transitgasleitung, welche in Möhlin die Grenze quert. Und die Kontrollen bei 14 Klein- und Kleinstflughäfen – der am weitesten entfernte Flughafen liegt in Saanen BE.

Abteilungsleiter Patrick Sägesser gibt unumwunden zu: «Wir haben keine Chance, alles anzuschauen, nicht im Ansatz. Darum kontrollieren wir dort, wo wir Unstimmigkeiten vermuten.» Obwohl die Zahl der verzollten Lieferungen steigt und steigt, hat die Zollverwaltung immer weniger Personal zur Verfügung. Heute sind es in Aarau 72 Mitarbeiter. «Der Personalbestand wird vom Parlament festgelegt», sagt Chef Pelli, aber er finde, im Moment stimme der Mix von Kontrollen und Anzahl Güter. Und: «Das moderne Verfahren mit den Stichproben vor Ort ist eine Erfolgsgeschichte.» Vorbei sind die Zeiten, wo die Firmen ihre Güter zum Zollamt bringen mussten und das nur während der Öffnungszeiten. Heute fahren Camionneure ab fünf Uhr morgens nach einer Papierkontrolle über die Schweizer Grenze zum zugelassenen Zoll-Ort der Firma. Wird die Lieferung nicht gesperrt, gehts nahtlos weiter. Nur gerade 5 Prozent aller Lieferungen werden gesperrt um die Papiere zu prüfen, nur 1 Prozent wird vor Ort angeschaut. «Wir wollen die Belastung für die Wirtschaft möglichst gering halten», sagt Pelli. Er sieht den Zoll als Dienstleister für die Wirtschaft. Den Firmen kommt es auch zugute, wenn Markenfälschungen entdeckt werden.

Schöner Batzen für den Bund

Der Bund wiederum profitiert von Zolleinnahmen. 2 Milliarden Franken nimmt die Zollinspektion Aarau jährlich ein, 23 Mrd. sind es schweizweit.

Auch die elf Teppiche, die an diesem Morgen in der TNT-Lagerhalle liegen, werden wohl ihren bescheidenen Beitrag dazu leisten. Nicht wenige Produkte werden mit einem zu geringen Kaufpreis deklariert, damit der Käufer möglichst wenig Zollabgaben bezahlen muss. Auf den Websites mancher Firmen kann der Betrag für den Lieferschein separat ausgewählt werden. Fällt das der Kurierfirma nicht auf, sondern erst dem Zöllner, haftet der Kurier. Auch die «Zeichnung einer Tante» stellt sich bei genauerem Hinschauen schon mal als Gemälde eines berühmten Künstlers heraus.

Hier in der Ecke, wo die Pakete kontrolliert werden, hängt das bekannte Signet mit dem Zöllner-Männchen. Doch der Zoll kann heute überall sein. Irgendwo in einer Halle mitten im Land.