Interessenkonflikt
Das Sparpaket sorgt für dicke Luft unter Umweltschützern

Umweltverbände kämpfen gegen das Sparpaket der Aargauer Regierung und stören sich an der passiven Rolle von Pro Natura. Deren Geschäftsführer, FDP-Grossrat Johannes Jenny, stecke in einem Loyalitätskonflikt, heisst es.

Manuel Bühlmann
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In Zukunft soll weniger Geld in die Auenprojekte des Kantons fliessen:renaturierte Aue in Rupperswil.

In Zukunft soll weniger Geld in die Auenprojekte des Kantons fliessen:renaturierte Aue in Rupperswil.

Annika Buetschi / AZ

Das Sparpaket macht auch vor der Natur nicht Halt. Millionen von Franken werden im Umweltbereich gestrichen – bei Gewässern, Wäldern, Energie. Entsprechend kämpferisch geben sich die Umweltverbände im Vorfeld der Abstimmung vom 8. März, bei der über knapp zehn Prozent der mehr als 120 Millionen gesparten Franken entschieden wird. WWF-Geschäftsführerin Tonja Zürcher kündigte zum Kampagnenstart vehementen Widerstand gegen den «unverantwortlichen und kurzsichtigen Kahlschlag» an.

Doch in den Abstimmungskampf ziehen nur drei der vier grössten Umweltverbände des Aargaus. VCS und WWF sind im Nein-Komitee vertreten; Birdlife hat die Nein-Parole beschlossen. Nicht dabei: Pro Natura. Das sorgt für Unverständnis bei den anderen Umweltschützern.

VCS-Aargau-Präsident und SP-Grossrat Jürg Caflisch sagt: «Ich wundere mich, warum sich Pro Natura im Abstimmungskampf nicht engagiert. Das Sparpaket geht schliesslich auch auf Kosten der Natur.» Er frage sich, wie glaubwürdig ein Umweltschutzverein sein könne, der sich politisch nicht gegen die Kürzung von Geldern für den Umweltschutz einsetze. «Von Pro Natura würde ich mehr politischen Einsatz erwarten.»

Ähnlich tönt es beim WWF Aargau: «Auch wenn wir in Sachgeschäften immer wieder gut mit Pro Natura zusammenarbeiten, wünschte ich mir ab und zu etwas mehr Engagement und Entschlossenheit», sagt Tonja Zürcher. Und Kathrin Hochuli, Geschäftsführerin von Birdlife, bedauert den Entscheid von Pro Natura. «Es ist schade, wenn nicht alle mitmachen. Treten die Umweltverbände nicht geschlossen auf, sieht das gegen aussen komisch aus.»

Den Hauptgrund für die passive Rolle von Pro Natura sieht Jürg Caflisch in der Person von Geschäftsführer Johannes Jenny: Als FDP-Grossrat stecke er in einem Loyalitätskonflikt. Die freisinnige Partei hat sich geschlossen für das Sparpaket ausgesprochen. «Gegen die Sparübungen eingesetzt hat er sich in der Ratsdebatte nicht», sagt Caflisch.

Jenny stimmte dem Sparpaket im Grossen Rat insgesamt zu, bei gewissen Sparmassnahmen zulasten der Umwelt allerdings anders als die Mehrheit seiner Fraktion. Die Reduktion der Gewässerrevitalisierung lehnte er gar als einziges FDP-Mitglied ab. Er selbst sagt: «Ich habe überall Nein gestimmt, wo ich fand, das liegt nicht drin – zum Beispiel die Kürzungen beim Naturama oder dem Naturschutzprogramm Wald.» Es stimme, dass er sich während der Spardebatte im Grossen Rat nicht zu jeder Sparübung im Umweltbereich zu Wort gemeldet habe: «Ich gehe nicht ans Rednerpult, um gegen die eigene Fraktion zu votieren.» Das heisse aber nicht, dass er sich nicht gegen die Kürzungen starkgemacht habe: «Umso heftiger diskutiert man diese Fragen innerhalb der Fraktion.»

Dem Komitee «Nein zum Kahlschlag im Aargau» haben sich unter anderem Lehrerverband, Gewerkschaften, SP und Grüne zusammengeschlossen. Die Absage von Pro Natura habe nichts mit der politischen Ausrichtung des Komitees zu tun, sagt Jenny. Den Entscheid gegen ein Engagement im Abstimmungskampf begründet er anders: «Der Aufwand wäre zu gross, der Ertrag zu klein.» Ein Nein würde nur dazu führen, dass sich Parlament und Verwaltung nochmals mit dem Sparpaket beschäftigen müssten. «Denn irgendwo muss man sparen, das leuchtet ein», sagt Jenny. Der Vorstand sei zum Schluss gekommen, dass es dabei zu wenig um Natur- und Landschaftsschutz gehe. Zudem schätzt er die Erfolgschancen der Sparpaket-Gegner als sehr gering ein: «Ihr Anliegen geht bachab, da muss man realistisch sein.»

VCS-Präsident Jürg Caflisch vermutet noch einen anderen Grund für die politische Zurückhaltung von Pro Natura. Eine Rolle könne dabei auch die Tochterfirma des Vereins, Creanatira, spielen. Diese setzt Naturschutzprojekte um – auch im Auftrag des Kantons. «Das ist problematisch», sagt Caflisch. Künftig müsse deshalb genauer hingeschaut werden, wenn es um die Vergabe der Aufträge gehe. «Allenfalls müsste man hier mal einen Vorstoss prüfen.»

Den Vorwurf, Pro Natura halte sich deswegen politisch zurück, bezeichnet Jenny als absurd. «Wir haben überhaupt keine Hemmungen, auf Konfrontationskurs mit dem Kanton zu gehen.» Der Grund liege vielmehr in der grundsätzlichen Ausrichtung des Vereins: «Pro Natura Aargau ist politisch neutral und fällt keine politischen Entscheide.» Das sei ein pragmatischer Ansatz, den viele, aber natürlich nicht alle Mitglieder für richtig hielten.

Die Basis der Umweltschutzvereine bilden die zahlenden Mitglieder. Zuweilen muss der Vorstand auf deren Befindlichkeiten Rücksicht nehmen. Birdlife etwa hat bewusst auf eine Beteiligung im links dominierten Komitee verzichtet. Die Vereinsmitglieder seien politisch links bis konservativ, sagt Kathrin Hochuli. «Engagiert sich der Verein zu sehr politisch, wird das von den Mitgliedern nicht goutiert.»

Dennoch hat sich der Birdlife-Vorstand klar für die Nein-Parole zum Sparpaket entschieden – «weil es gravierende Sparmassnahmen im Naturschutz enthält». Die Parole wird nun per Mail, Magazin und Website den 15 000 Mitgliedern empfohlen. Kathrin Hochuli: «Naturschutz hat mit Politik zu tun. Wir müssen uns für die Natur einsetzen – auch wenn es manchmal unbequem ist.»