Grossratswahlen
Das sind die zehn vielversprechendsten Newcomer und zehn abtretende Urgesteine

Morgen werden die Karten, das heisst die Sitze, neu verteilt. Manche Grossräte, die nach zum Teil mehr als 20 Jahren nicht mehr zur Wahl angetreten sind, dürften mit etwas Wehmut auf die Zeit im Kantonsparlament zurückblicken. Für sie stehen auch potenzielle Nachfolger bereit, die bereits bestens bekannt sind im Politbetrieb.

Mathias Küng
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Eine geht, eine kommt höchstwahrscheinlich: Regula Bachmann (r.) und Karin Bertschi (l.)

Eine geht, eine kommt höchstwahrscheinlich: Regula Bachmann (r.) und Karin Bertschi (l.)

montage: az

Polit-Urgesteine, die sich verabschieden...

Naturschützerin Regula Bachmann, CVP
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Adrian Ackermann, FDP
Fredy Böni, SVP
Hans Dössegger, SVP
Eva Eliassen, Grüne.
Trudi Huonder, CVP
Richard Plüss, SVP
Andreas Senn, CVP
Theo Voegtli, CVP
Peter Wehrli, SVP

Naturschützerin Regula Bachmann, CVP

Emanuel Per Freudiger

Über 1000 Personen drängen in den Grossen Rat, der an diesem Wochenende neu bestellt wird. Einige Bisherige treten – meist aus Altersgründen – nicht mehr an. Besonders viele sind es in der SVP und in der CVP. Das schmerzt diese Parteien besonders: Bekannte bisherige Grossrätinnen und Grossräte bringen drum zusätzliche Stimmen, was die Bilanz der Partei verbessert. Nachfolgend stellen wir kurz in alphabetischer Reihenfolge zehn Grossrätinnen und Grossräte vor, die nicht mehr antreten:

«Vierzehn Jahre Arbeit im Kantonsparlament sind genug,» gilt für Adrian Ackermann (1964, FDP) aus Kaisten, Präsident der Geschäftsprüfungskommission. Er ist noch jung. Als Immobilien-Treuhänder wird er in den Medien auch künftig als Präsident des Verbandes der Immobilienwirtschaft SVIT Aargau präsent sein. Ackermann coachte zehn Jahre lang den FC Grossrat. 2013 war er der Kronprinz für die Nachfolge von Thierry Burkart als Kantonalpräsident, nahm sich dann aber aus beruflichen Gründen aus dem Rennen.

Weit über ihre CVP-Parteigrenzen hinaus bekannt ist Regula Bachmann (1944) als Präsidentin des WWF Aargau. Sie ist seit 2006 im Grossen Rat. Im aktuellsten Umweltrating der Umweltverbände rangiert sie nach 24 Grossräten von SP, Grünen und Adrian Bircher (GLP) allerdings «nur» auf Rang 25 der 140 Grossräte, immerhin weit vor den andern CVP-Grossräten. Ob sie sich bei Umweltentscheiden manchmal gern in eine andere Partei gewünscht hätte?

Der prominenteste Politiker aus Möhlin, Gemeindeammann Fredy Böni (1955, SVP), tritt nach 20 Jahren nicht mehr für den Grossen Rat an. Nebst regionalen Anliegen engagiert sich der Gesundheits- und Sozialpolitiker, der auch im Verwaltungsrat der Klinik Barmelweid ist, in Aarau besonders für die Zukunft der Spitallandschaft. Mit Sorge erfüllt ihn, dass es lukrativer werden (oder schon sein) könnte, Gelder aus dem Sozialsystem zu beziehen, als einer Arbeit nachzugehen.

Hans Dössegger (1951, SVP) politisiert seit 2001 unaufgeregt und kompetent im Grossen Rat. Das verschafft dem Präsidenten der Kommission Gesundheit und Soziales zwar weniger Schlagzeilen. Er hat gleichwohl viel Einfluss. Dössegger präsidiert den Verband Aargauische Spitäler, Kliniken und Pflegeinstitutionen Vaka. Nebst Littering ging es denn auch in seinen Vorstössen meist um Gesundheitsfragen.

Eine echte Lücke hinterlassen wird auch Eva Eliassen (1949, Grüne) aus Turgi. Die lebenserfahrene Berufsberaterin, die sich besonders für Bildungsanliegen stark macht, und unermüdlich und auch mit Schalk gegen die Sparbemühungen der Regierung antritt, ist seit 2001 Grossrätin. Sie war in der Kommission Gesundheit und Sozialwesen, aktuell ist sie in der Kommission Bildung, Kultur und Sport. Jahrelang präsidierte sie die grüne Fraktion.

Trudi Huonder (1954, CVP) engagiert sich in den Themen Familien, Bildung, Umwelt und Sicherheit. Die Familienfrau ist seit 2004 Grossrätin, aktuell Mitglied der Justizkommission. Sie tritt nicht mehr an. Wahlziel der CVP Lenzburg ist, Huonders frei werdenden Sitz zu verteidigen. Huonder ist wie die meisten Grossräte in ihrer Region vielfältig verankert und vernetzt, etwa als Bezirksparteipräsidentin und als Präsidentin des Verbandes Aargauischer Volkshochschulen.

Der Gemeindeammann von Lupfig, Richard Plüss (1954, SVP), ist seit 1997 Grossrat. Seither hat er unglaubliche 90 Vorstösse (mit-)eingereicht, den jüngsten im September. Darin schlägt der Bildungspolitiker vor, das von der Regierung auf Eis gelegte Thema «Abschaffung der Schulpflegen» wieder aufzunehmen. 2014 wagten er, Matthias Jauslin (FDP) und Andreas Senn (CVP) sich an ein schwieriges Thema. Sie verlangten – vergeblich – mehr Unterschriften für Initiativen.

Den Würenlinger Gemeindeschreiber Andreas Senn (1951, CVP) hielt es ebenfalls 20 Jahre im Grossen Rat. Er präsidiert die Kommission Öffentliche Sicherheit. Er ist auch Präsident des Hauseigentümerverbandes Bezirke Baden/Brugg/Zurzach. Er stimmte 2015 als einziger CVP-Grossrat gegen die Erhöhung des Eigenmietwertes auf 60 Prozent der Marktmiete. Diese 60 Prozent sind die Mindestanforderung des Bundesgerichts. Der Rat sagte knapp ja, die Erhöhung gilt seit 1. Januar.

Theo Voegtli (1955, CVP) hielt es ebenfalls 20 Jahre im Grossen Rat. Der Apotheker aus Kleindöttingen war mehrere Jahre kantonaler Parteipräsident und wurde 2011 Grossratspräsident. Dieses Amt war schon für viele ein Sprungbrett nach Bern. Er nutzte es nicht dafür. Manche Berner Politiker seien derart absorbiert, dass sie geradezu ihre Gesundheit riskieren, so seine damalige Diagnose. 2013 war er massgeblich am Erfolg des Apothekerverbandes gegen die Initiative für eine ärztliche Medikamentenabgabe beteiligt.

Peter Wehrli (1954, SVP) aus Küttigen ist der wohl bekannteste Aargauer Winzer. Auch er ist seit 1997 Grossrat und hört nach 20 Jahren auf. Im Rat war er in den verschiedensten Kommissionen tätig, aktuell in der Kommission Aufgabenplanung und Finanzen. Die hat angesichts der immer neuen Haushaltsanierungsideen der Regierung derzeit und bis auf weiteres alle Hände voll zu tun. An Wehrlis Stelle kandidiert jetzt sein Sohn Rolf Wehrli – natürlich auch für die SVP.

... und Newcomer, die in den Startlöchern sind

Recyclingkönigin Karin Bertschi, SVP.
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Beat Hiller, GLP.
Ursula Kahi, Grüne.
Susanne Voser, CVP.
Martin Köchli, Grüne.
Raymond Tellenbach, FDP.
Silvia Kistler-Wuffli, FDP.
Paul Huwiler, CVP.
Martina Bircher, SVP.
Max Chopard, SP.

Recyclingkönigin Karin Bertschi, SVP.

archiv

Grossräte, die wieder antreten, haben sehr gute Wahlchancen. Es sei denn, ihre Partei verliert Stimmenanteile und Sitze. Bedrängt werden sie aber von nachstossenden Kandidierenden. Von diesen sind einige sogar schon recht bekannt. Zehn davon stellen wir hier kurz vor. Mehrere von ihnen werden im nächsten Jahr im neuen Parlament dabei sein.

Bei der SVP sticht Karin Bertschi aus Leimbach (Jahrgang 1990) hervor. Die Vorzeige-Unternehmerin aus dem Bezirk Kulm macht seit Jahren national Schlagzeilen als innovative «Recycling-Queen». Sie betreibt «Recycling-Paradiese» in Reinach und Hunzenschwil nach dem Motto: Abfallentsorgen kann auch Spass machen. Reportagen zeigen, dass ihr dies gelingt. Dafür gewann sie beispielsweise 2014 den Jungunternehmerpreis. Bertschi ist inzwischen auch eine sehr gefragte Referentin.

In der Auseinandersetzung des finanziell nicht auf Rosen gebetteten Städtchens Aarburg mit Susanne Hochulis Sozialdepartement über die Unterbringung zahlreicher Asylsuchender erlangte eine andere junge Frau grosse Bekanntheit: Martina Bircher (1984, SVP). Sie ist in Aarburg als Gemeinderätin für den Asylbereich zuständig. Sie wehrte sich mediengewandt gegen das überrumpelnde Vorgehen von «Aarau». Hauptsorge in Aarburg: Asylsuchende, die keine Arbeit finden, können das Städtchen dereinst viel Geld kosten.

Der frühere Gewerkschaftssekretär Max Chopard-Acklin (1966, SP) aus Obersiggenthal ist Projektleiter in der Umwelt Arena und im Vorstand des Aargauischen Gewerkschaftsbundes. Er schaffte 2009 den Sprung in den Nationalrat. 2015 verlor die SP einen Sitz. Chopard musste über die Klinge springen. Jetzt will der Energiepolitiker und Kämpfer gegen die Atomenergie in den Grossen Rat. Da heisst es kämpfen. Die SP hält im Bezirk Baden nämlich fünf Sitze, Chopard hat Listenplatz 7.

Präsident einer Kantonalpartei zu sein ohne im Grossen Rat zu sitzen, ist ein schwieriges Unterfangen. Das zeigte sich beispielsweise bei Markus Zemp (CVP), der in dieser Funktion nach aussen kaum sichtbare Spuren hinterlassen konnte. Das soll Beat Hiller (1956, GLP) aus Lenzburg nicht so gehen. Als GLP-Kantonalpräsident kandidiert er fürs Parlament. Ob es gelingt? Zweifel sind angebracht. Hiller hat Listenplatz 5, die GLP hält im Bezirk bisher nur einen Sitz.

Die CVP muss bei diesen Wahlen gleich mehrere prominente Abgänge verkraften. Da hilft die Kandidatur eines prominenten Freiämters. Paul Huwiler (1961) ist Vizeammann von Wohlen. Auch er will jetzt in den Grossen Rat. Im Kanton bekannt geworden ist er im Zuge der leidigen Affäre um Noch-Gemeindeammann Walter Dubler. Seither leitet Huwiler die Geschäfte der Freiämter Metropole und vertritt sie auch gegen aussen. Er macht das gut.

Ursula Kahi (1967, Grüne) aus Ueken im Bezirk Laufenburg ist Autorin. Sie schreibt durchaus auch mal Groschenromane, die ein zu Unrecht belächeltes Genre seien, so Kahi. Zu ihrem Repertoire gehören aber auch Kinderbücher. In ihrem Aarauer Regionalkrimi gibt es fünf Leichen innerhalb weniger Tage. Da kann der «Bestatter» nicht mithalten. Im Kanton bekannt geworden ist Kahi spätestens mit dem Buch «111 Orte im Aargau, die man gesehen haben muss».

Sollte Silvia Kistler-Wuffli (FDP, 1956) gewählt werden, würde sich die Betriebswirtschafterin gut im Grossen Rat zurechtfinden. Nicht nur, weil sie in Brugg Einwohnerrätin ist, sondern vielmehr, weil sie 2011 bis 2014 Präsidentin der Synode der Reformierten Landeskirche Aargau war. Das ist das reformierte Parlament. Die FDP hält im Bezirk zwei Sitze mit zwei unbestrittenen Grossräten, Kistler hat Listennummer 4.

Ob er es noch mal schafft? Der Biobauer Martin Köchli (1949, Grüne) aus Boswil im Bezirk Muri sass schon einmal im Grossen Rat. Dort profilierte er sich als Mundartdichter und reimender Redner. In der Debatte über den A1-Zubringer Lenzburg sagte er: «Ich habe nicht den Ehrgeiz, als Mobilitätsreformator in die Geschichte einzugehen. Aber wir müssen Alternativen entwickeln. Wir wollen nicht zurück ins Fass, aber auch kein bodenloses Fass füllen.

Raymond Tellenbach (FDP, 1954) will – wie der Lenzburger Stadtammann Daniel Mosimann (SP, 1958) – als Stadtammann von Bremgarten die ansehnliche Gruppe der Stadt- und Gemeindeoberhäupter im Grossen Rat weiter verstärken. Auch Tellenbach erlangte kurz nationale Bekanntheit, als «Bern» 2013 in Bremgarten ein Bundesasylzentrum errichtete, und es darum ging, für die Stadt möglichst gute Modalitäten auszuhandeln.

Susanne Voser (CVP, 1967) ist Gemeindeammann in Neuenhof. Die Frau mit der Löwenmähne wurde national bekannt, als Neuenhof nach der missglückten Fusion mit Baden den Steuerfuss massiv senkte und deshalb mit «Aarau» heftige Sträusse ausfocht. Neuenhof konnte sich das nicht leisten, erreichte aber mit andern zusammen eine finanzielle Übergangslösung und eine Beschleunigung des neuen Finanzausgleichs, über den das Volk im Februar entscheidet.