Noch zweieinhalb Wochen, dann wird der Grosse Rat neu gewählt. Insgesamt 1064 Kandidatinnen und Kandidaten treten in den elf Bezirken für elf Parteien zu den Wahlen an. Rund 700 oder gegen 70 Prozent von ihnen haben den Fragebogen des Vereins «Vimentis» vollständig ausgefüllt, auf dessen Basis die sogenannten «Spider», die politischen Profile der Kandidaten, erstellt werden.

Auf einen Blick ist so ersichtlich, wer sich für einen starken Sozialstaat, wer für eine strikte Ausländerpolitik einsetzt, wer besonders viel Gewicht auf den Umweltschutz oder eine freie Wirtschaftsordnung legt.

Jedermann kann den Fragebogen auch für sich selbst online ausfüllen (vimentis.ch) und erhält dann eine Wahlempfehlung mit den Kandidatinnen und Kandidaten aus seinem Wahlkreis, die am meisten Übereinstimmungen mit den eigenen Standpunkten haben.

Ein Grüner am rotesten

Für die az hat «Vimentis» eine Auswertung aller beantworteter Fragebögen vorgenommen, die zeigt, wer von sämtlichen Kandidaten die konsequentesten Positionen einnimmt.

Auf dem Links-Rechts-Schema sind dies ganz rechts aussen SVP-Grossrätin Maya Meier, die im Bezirk Brugg erneut zu den Wahlen antritt. Der am weitesten links positionierte Kandidat ist kein Sozialdemokrat, sondern ein Grüner: Etienne Pfranger aus dem Bezirk Kulm. Zwischen den beiden liegen wirklich politische Welten: Auf einer Skala von 0 (ganz links) bis 10 (ganz rechts) ergibt die Auswertung für den Grünen Pfranger einen Wert von 0,2, SVP-Frau Meier kommt auf 9,3.

In drei Bereichen erreichen auffallend viele Kandidatinnen und Kandidaten den Maximalwert: Beim Einsatz für eine umweltfreundliche Politik, für ein strenges Rechtssystem und für eine strikte Ausländerpolitik. Die «umweltfreundlichsten» Kandidaten kommen naheliegenderweise aus dem grünen und linken Lager. Die grüne Grossrätin Monika Küng aus dem Bezirk Bremgarten teilt sich den ersten Rang mit dem Maximalwert 10 mit 20 anderen Kandidatinnen und Kandidaten.

Den Grossen Rat wählen – so gehts

Den Grossen Rat wählen – so gehts

Kurzanleitung des Kantons Aargau.

Für ein strenges Rechtssystem setzen sich demgegenüber vor allem Bürgerliche ein, wobei auch ein Sozialdemokrat die maximale Punktzahl erreicht: Markus Eichenberger aus dem Bezirk Lenzburg. Er ist denn innerhalb der SP von sämtlichen Kandidatinnen und Kandidaten auch am weitesten rechts positioniert. Am anderen Ende der Skala ist Enrico Kägi aus dem Bezirk Rheinfelden der «linkste» aller SVP-Kandidaten.
Auch die strikte Ausländerpolitik ist eine Domäne der Bürgerlichen, namentlich der SVP-Kandidaten. Hier fällt ein Grünliberaler mit dem Maximalwert aus dem Parteienschema: Sebastian Berns aus dem Bezirk Bremgarten.

SVP am konservativsten

In gesellschaftspolitischen Fragen sind es nicht etwa Freisinnige, welche die liberalsten Standpunkte vertreten, sondern Kandidaten aus dem links-grünen Spektrum. Am stärksten schlägt das Pendel bei SP-Kandidat Tobias Ackermann für eine liberale Gesellschaft aus, er tritt im Bezirk Baden an. Auf den nächsten Plätzen folgen die Grünen Hanspeter Meier (Baden) und Maja Haus (Brugg).

Die Freisinnigen belegen dafür ganz der Parteitradition entsprechend die ersten Plätze, wenn es um eine freie Wirtschaftsordnung geht: Manuel Mauch aus dem Bezirk Rheinfelden erreicht hier auf der Skala von 1 bis 10 glatt den Maximalwert, gefolgt von Michel Meyer (Aarau) und Markus Füllemann (Baden) mit 9,1. Der erste Nicht-Freisinnige in der Kategorie Wirtschaftsliberalismus: SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati (Bremgarten) auf Platz 14 mit einem Wert von 8,7.

So wie nicht unbedingt die Freisinnigen die fortschrittlichsten gesellschaftspolitischen Positionen vertreten, sind es nicht unbedingt dem Klischee entsprechend die Kandidaten der CVP, welche die konservativsten Einstellungen haben. Diese Rolle kommt eher der SVP zu. Unter den 100 konservativsten Kandidaten figurieren nur gerade 8 von der CVP und 44 von der SVP. Am konservativsten überhaupt ist aber Alexandra Haller aus dem Bezirk Kulm, wo sie für die EDU antritt. Zu den 100 Konservativsten gehören weiter auch einige Vertreter von EVP und BDP sowie – dies kommt eher überraschend – ein Grünliberaler: Detlef Linder aus dem Zurzibiet.

AZ Vimentis Wahlhilfe 2016

Sozialpolitik klare SP-Domäne

Den Erwartungen entsprechend präsentiert sich die Rangliste, wenn es um den Ausbau des Sozialstaats geht. Die Sozialdemokraten Mark Kqira aus dem Bezirk Bremgarten und Jürg Caflisch aus Baden sowie der grüne Kulmer Etienne Pfranger belegen gemeinsam den ersten Platz mit dem Maximalwert 10 auf der Skala von 1 bis 10.

Bei den Kandidatinnen und Kandidaten, die sich am deutlichsten für einen starken Sozialstaat aussprechen, ist kein Bürgerlicher unter den ersten 100 zu finden. Es sei denn, man rechne auch die EVP klar dem bürgerlichen Lager zu: Christine Kaderli aus dem Bezirk Baden, Erich Weidmann aus Brugg und Daniel Gugger aus Aarau schaffen es gerade in die Top 100. Am konsequentesten gegen einen Ausbau des Sozialstaats sprechen sich übrigens FDP-Grossrätin Maja Riniker aus dem Bezirk Aarau und SVP-Grossrat Pascal Furer aus Lenzburg aus.

Durch Erfahrung eingemittet?

Was bei der Auswertung der Vimentis-Fragebögen auffällt: Es sind oft nicht die erfahrenen Grossrätinnen und Grossräte, die zu bestimmten Themenbereichen die pointiertesten Meinungen vertreten. Der Linkste, die Konservativste oder der Wirtschaftsfreundlichste: alles keine amtierenden Politiker. Das könnte vermuten lassen, dass sich mit wachsender politischer Erfahrung ein gewisser Pragmatismus einstellt und der Hang zu Radikal-Positionen abnimmt.

Die az war beim Aufstellen der Wahlplakate dabei:

Zum Beispiel ist bei den Freisinnigen der als Geschäftsführer von Pro Natura von Berufs wegen für Landschafts- und Umweltschutz lobbyierende Grossrat Johannes Jenny keineswegs der «umweltfreundlichste» Kandidat, er rangiert diesbezüglich auf Platz 10 aller FDP-Kandidaten. Allerdings ist auch zu beachten, dass die Auswertung der Fragebögen durch «Vimentis» innerhalb der einzelnen Parteien und Themenbereiche zum Teil auch lediglich Unterschiede in Nuancen zutage förderte. Für das Beispiel der «umweltfreundlichsten» FDP-Kandidaten heisst das: Auf der Skala von 0 bis 10 liegt der Wert für die «grünste» FDP-Vertreterin, Elisabeth Weirich aus Zurzach, bei 7,9. Der für Pro-Natura-Mann Jenny liegt bei 5,7.

Der az Wahlplakate-Check:

Das klingt vielleicht tatsächlich nicht berauschend, aber im Vergleich mit dem ganzen Kandidatenfeld ergibt sich gleich ein anderes Bild: Patrick Frei (Baden), Martin Keller (Baden) und Maya Meier (Brugg) kommen auf eine glatte Null, den Maximalwert 10 erreichen gerade 21 von über 1000 Kandidatinnen und Kandidaten.