Eigentlich müssten die Bauarbeiter bei den zwei wichtigsten Theatern im Aargau fleissig am Schaffen sein. Aber Planungshürden und Einsprachen verzögerten die Umbauten. Irgendwann sollten die Arbeiter aber anfangen können, sollen das Kurtheaterfoyer nicht einstürzen und die Alte Reithalle in Aarau nicht ewiges Sommer-Provisorium bleiben. Irgendwann – hoffentlich 2017 – soll auch der Bagger fürs neue Stapferhaus auffahren, weil sonst die Gegenwartsausstellungen Vergangenheit werden. Und nicht irgendwann, sondern 2020 braucht das KiFF in Aarau eine neue Bleibe, sollen die Musiker nicht auf der Strasse stehen und zur Nachtruhestörung werden. Immerhin: In Boswil wird ab Frühjahr 2016 am neuen Foyer für die Alte Kirche real gebaut.

Finanzen Kanton

ODie allergrösste Kulturbaustelle im Aargau – wen wunderts? – sind die Finanzen der Kulturförderung. Mit der sogenannten «Leistungsanalyse» und den «Entlastungsmassnahmen 2016–2019» hat der Aargau zwei Sparpakete aufgegleist, die auch bei der Kultur den Rotstift ansetzen. Ausgerechnet bei den Leuchttürmen werden in den nächsten drei Jahren 15 Prozent des Budgets gekürzt. Thomas Pauli-Gabi, Kulturchef des Kantons, sagt: «Wir hoffen, dass für 2019 wenigstens wieder die aktuellen Beträge zur Verfügung stehen.»

Ganz grundsätzlich könne Neues nur durch Streichung oder Kürzungen bei Bestehendem gefördert werden. «Nicht mehr durch Wachstum der Finanzen wie in den letzten Jahren», betont Pauli. Was nach Finanz-Jonglistik klingt, bedeutet für die betroffenen Institutionen aber einschneidende Kürzungen. Kompensieren werden das die Standortgemeinden von Fantoche, Stapferhaus, Langmatt, Kindermuseum, Argovia Philharmonic, Künstlerhaus Boswil, Murikultur, Tanz Königsfelden oder KiFF ja kaum.

Kuratorium

OAndere ordentliche Aufgaben hat der Aargau aus seinem Budget ausgelagert – und bezahlt Teile der Denkmalpflege, Archäologie und 20 Prozent des Kuratoriumsbudgets aus dem Swisslos-Fonds. Noch ist offen, ob der Grosse Rat dem Aargauer Kuratorium 10 Prozent seiner Mittel streicht? Die grossrätliche Kommission für Bildung, Kultur und Sport (BKS) hat den Antrag kürzlich knapp abgelehnt. Ob sich die übergeordnete Kommission für Aufgabenplanung und Finanzen (KAPF) an die Empfehlung für den Finanzplan 2016–2019 hält?

Aktuell bekommt das Aargauer Kuratorium 5 Millionen Franken aus dem ordentlichen Budget und 1,2 Millionen aus dem Swisslos-Fonds. «Der Kredit stagniert seit fünf Jahren», sagt Kuratoriumspräsident Rolf Keller, «obwohl die Kosten von Projekten und die Bedürfnisse der Kulturschaffenden gestiegen sind. 8,6 Millionen Franken hätten wir 2014 gebraucht, um die ausgewiesenen Bedürfnisse adäquat abzudecken.» Die Regierung wollte den Kredit schon zweimal um 100 000 Franken erhöhen, der Grosse Rat lehnte ab. Keller weist darauf hin, dass die Steuereinnahmen im Aargau in den letzten fünf Jahren um 10 Prozent gestiegen, die Kulturausgaben des Kantons jedoch um 10 Prozent gesunken sind.

6,2 Millionen Franken klingt nach viel. Aber mit diesem Geld soll das Kuratorium die ganze Palette aktueller Kultur im Kanton unterstützen: Theater und Tanz, Film, Literatur, klassische Konzerte, Rock, Pop, Jazz und bildende Kunst, dazu Programme der regionalen Kulturveranstalter. Mit den gegebenen Mitteln könne kaum Neues realisiert werden, sagt Rolf Keller.

Zum Vergleich mag ein Blick über die Grenzen des Kulturkantons hinaus nützlich sein. Das Opernhaus Zürich erhält vom Kanton Zürich jährlich rund 80 Millionen Franken. Auch der Aargau zahlt daran und an weitere grosse Institutionen in Zürich und Luzern. «Der Beitrag via interkantonalen Kultur-Finanzausgleich beträgt aktuell 5,8 Mio. Franken pro Jahr», bestätigt Pauli. Kommt dazu: Der Kulturkanton gehört bei den Kulturausgaben nicht zu den kulturfreundlichen. 2012 (das sind die neuesten erhältlichen Zahlen) lag der Aargau bei den Ausgaben pro Kopf an 19. Stelle.

Kultur und Gesellschaft

ODas Naturama versorgt im Aargau Kinder und Erwachsene mit naturkundlichem Wissen. Das Museum hat sich etabliert – und trotzdem werden ihm laut «Entlastungsmassnahmen» von 2017 bis 2019 jährlich 200 000 Franken gestrichen.

Vor einer grossen Herausforderung steht das Stapferhaus. Für sein «Haus der Gegenwart» will es in Lenzburg neu bauen. Die 7,7 Mio. an Eigenmitteln für den 20-Millionen-Bau sind beisammen. Der Antrag bei der Regierung für 11 Millionen aus dem SwisslosFonds ist eingereicht. «Ziel ist, dass die Regierung bis Ende Jahr entscheidet», sagt Pauli. Stapferhaus-Leiterin Sibylle Lichten-
steiger ist an der Detailplanung für den Bau und die Sicherung der Betriebskosten.

Ein Erfolgsmodell ist das Museum Aargau. «Geschichte erleben»: Mit diesem Motto haben die Schlösser, Königsfelden und der Legionärspfad Erfolg. In Hallwyl und Königsfelden hat man in diesem Jahr die Eintrittspreise erhöht. Die Besucher kamen trotzdem.

Theater

OEndlich wieder positiven Drive verspürt man in Aarau bei der Alten Reithalle. Von zu aufwendigen Einbauten will man absehen, dafür soll die alte Halle für maximal 20 Millionen Franken baulich so weit gebracht werden, dass sie für einen Ganzjahresbetrieb taugt. Für Theater, Tanz – und als Konzertsaal für das Argovia Philharmonic. Bleibt also zu hoffen, dass nicht nur bei der Heizung und Isolation gute Arbeit geleistet wird, sondern auch ein Akustiker mitplant, damit der Saal akustisch nicht enttäuscht (wie das Trafo oder das KuK). Den Theaterbetrieb soll das Tuchlaube-Team stemmen, die Konzerte das Orchester organisieren. Auch die Betriebskosten wurden in der letzten Expertise auf 1,7 Millionen Franken runtergerechnet. Das entspricht in etwa dem Budget der Tuchlaube heute – und den aktuellen Subventionen von Stadt und Kuratorium. Bis 2016 soll ein detailliertes Betriebs- und Finanzierungskonzept stehen. Stadtrat Hanspeter Hilfiker geht davon aus, dass man frühestens ab 2019 mit dem Umbau der Alten Reithalle wird beginnen können.

Das Kurtheater Baden hat sich in den letzten Jahren mit einem zeitgenössischeren Gastspielprogramm und gar mit Koproduktionen profiliert – und daneben den Raum vermietet. Doch die Hülle ist marode, das Foyer zu klein. Seit 2006 plant man. Doch das siegreiche Wettbewerbsprojekt wurde überraschend durch die Denkmalpflege und seither durch Einsprachen von Nachbarn verzögert, die gar ans Verwaltungsgericht weitergezogen wurden. Statt 2010 wird das Theater frühestens 2018 wieder eröffnet, und die Kosten sollen mittlerweile gar bei 34 Millionen angekommen sein. Die künstlerische Leiterin Barbara Riecke musste Jahr für Jahr kurzfristig ein Programm organisieren. Nun hat sie gekündigt. Wie es nach der Bauzeit personell und inhaltlich weitergeht, ist ungewiss.

Neues packt das Kuratorium im Theater an: Denn im Aargau, einst Hochburg des Freien Theaters, fehlt der Nachwuchs. Mit dem 2014 erstmals durchgeführten Jugendtheaterfestival in Aarau wurde ein erstes Steinchen in der Nachwuchsförderung gesetzt. Mit «Szenotop» wollen das Kuratorium und die neue Leitung des ThiK in Baden ab 2016 jungen Theaterschaffenden eine dreijährige Residenz und 80 000 Franken für eine jährliche Produktion bieten. «Das Echo war erfreulich», sagt Kuratoriumspräsident Rolf Keller. Aus 19 Bewerbungen wurden 5 Projekte für eine zweite Jurierungsrunde ausgewählt.

Rock/Pop

OWo spielt die Musik ab 2020 in Aarau? Das ist eine der drängendsten Fragen für Bands, Musikerinnen und Publikum. Dann läuft der Mietvertrag des KiFF in der Futterfabrik aus – ein neuer Standort ist noch nicht in Sicht. Mit einem klugen Mix aus musikalischen Nischen und populären Acts hat sich das KiFF diverse Fangemeinden gesichert, die Schuldenjahre hinter sich gelassen und überlebt dank zahllosen freiwilligen Helfern. Ob der Leuchtturm die finanzielle Kürzung des Kantons so locker verdauen wird?

Und wenn ein neues KiFF kommt, kommt dann auch eine grosse Halle. Für populäre Konzerte fehlt im Aargau ein Saal. 800 Leute fasst der grösste Raum, das Nordportal Baden. Will man im Aargau weiterhin sagen: Das überlassen wir den Zürchern?

Zu kämpfen haben auch die Pop- und Rockmusiker selber. Die CD-Verkäufe sind auf nahezu null gesunken, die Einnahmen aus Streaming und Download können das nicht wettmachen. Reichen mehr Konzerte? Oder braucht es zusätzliche Förderung von Talenten? Das Kuratorium hat das Budget für Rock/Pop in den letzten Jahren aufgestockt, die Einbrüche an der Wirtschaftlichkeitsfront konnte es nicht ausbügeln.

Klassik

OEin guter grosser Saal fehlt, das trifft vor allem das aufstrebende Argovia Philharmonic. Das Angebot an kleinen Konzerten, an Kammermusik- ja gar Opernfestivals dagegen ist gross und wächst stetig. Und mit Boswil hat der Kanton ein Kompetenz-Zentrum für klassische Musik. Seine periphere Lage ist allerdings Fluch wie Segen.

Literatur

OMit dem Literaturhaus in Lenzburg ist ein Begegnungsort für Lesefreundinnen entstanden. Lokale Lesezirkel, Bibliotheken und Buchhandlungen sind aktiver geworden. Was aber auffällt: Die direkte Förderung von Autoren und Autorinnen ist rückläufig.

Film

ODer Aargau ist kein Filmkanton – Filmemacherinnen wie Verleih- und Produktionsfirmen arbeiten in den Städten. Der Aargau fördert punktuell eine Koordination mit anderen kleinen Kantonen – nach dem Westschweizer Modell –, das könnte die oft jahrelangen Finanzierungs-Marathons verkürzen. Die Idee wurde aufgeworfen, passiert ist nichts. Immerhin ist das Kino-Angebot gut: (leicht subventionierte) Studiokinos ergänzen die Programme der kommerziellen Betriebe.

Kunst

OPlattformen mit kantonaler Ausstrahlung für Künstlerinnen und Künstler aus dem Kanton gibt es kaum mehr. Die Kunsträume der Gemeinden und des Künstlerverbandes Visarte sind lokale Player, eine kommerzielle Galerie mit Wirkung über die Kantonsgrenzen existiert nicht. Und das Kunsthaus fokussiert – ausser bei den Jahresausstellungen und dem Aargauer Manor-Preis – auf nationale und internationale Kunst. Künstlerinnen und Künstler bekommen zudem weniger Aufträge, weil Kanton wie Gemeinden die Kredite für Kunst am Bau kürzen oder gar streichen.

Kulturplanung

OBaustellen und Fragen zuhauf. Sie aufzuspüren und Lösungen zu suchen, ist Aufgabe der Abteilung Kultur und des Kuratoriums. Bis im Dezember 2016 soll das gemeinsame «Kulturkonzept 2017–2022» vorliegen. Das sei im revidierten Kulturgesetz von 2010 so vorgesehen, betont Pauli. «Das Kulturkonzept ist keine Sparübung, sondern soll die alltägliche Handhabung der Kulturförderung, -pflege und -vermittlung leiten.»

Zu wenig Kultur gibt es im Aargau ja nicht. Im Gegenteil: Das Angebot ist enorm gewachsen. In die Breite. Zu kämpfen haben vor allem die grossen, die wichtigen Player. Das Kulturkonzept wird als Handbuch für die Kultur-Bauführer zeigen müssen, wie man Schwerpunkte setzt, wie man in die Höhe bauen kann. Auch wenn man im Aargau nicht Wolkenkratzer erwartet.