Ärztemangel
«Das Schiff säuft ab» - Aargauer Ärzte haben trotz Jubiläum wenig zu feiern

Vor 200 Jahren gründeten 17 Ärzte den Aargauer Ärzteverband. Heute zählt er 1500 Mitglieder und ist einer der grössten kantonalen Berufsverbände. Zum Feiern ist dem Verband aber nicht zumute: Immer weniger junge Ärzte sind bereit, eine Praxis zu führen. Engpässe drohen.

Aline Wüst
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Zur Zeit der Gründung des Aargauer Ärzteverbands im Jahr 1803 wurde der Aderlass noch häufig durchgeführt. ZVG

Zur Zeit der Gründung des Aargauer Ärzteverbands im Jahr 1803 wurde der Aderlass noch häufig durchgeführt. ZVG

Der Coiffeur besass ein Messer. Vom Beruf des Chirurgen trennte ihn damit nur noch die Säge. Das reichte Anfang 19. Jahrhundert, um im Krieg Beine zu amputieren und Leben zu retten. Geschichten wie diese erzählte der Präsident des aargauischen Ärzteverbands, Hans Ulrich Iselin, gestern – mit einer Mischung aus Bewunderung und Belustigung.

Es sind Geschichten, die aus der Zeit stammen, als der aargauische Ärzteverband gegründet wurde. Das war vor 200 Jahren. Gegründet haben ihn 17 Ärzte, die sich in Lenzburg trafen, um sich über die Behandlung von Krankheiten wie Cholera und Pest auszutauschen.

Heute ist der Ärzteverband einer der grössten kantonalen Berufsverbände, er zählt 1500 Mitglieder. Anders als früher dient der Verband nicht mehr als Ort, um medizinisches Wissen auszutauschen – das übernimmt der Schweizer Ärzteverband. Heute vertritt der Verband seine Mitglieder gegenüber der Bevölkerung und den Behörden, informiert die Aargauer Ärzte über berufsspezifische und gesundheitspolitische Themen und organisiert die Ausbildung der Medizinischen Praxisassistentinnen.

Der Zwist um die Tarife

200 Jahre ist ein schönes Jubiläum. Viel Grund zum Jubeln gebe es aber nicht. Jürg Lareida, Aarauer Arzt mit eigener Praxis und Mitglied des Vorstands, sagt: «Das Schiff säuft ab, die Politik merkt es nicht.» Er spricht die Situation der Hausärzte im Aargau an. Konkret zwei Dinge: «Die niedrigen Tarife killen uns.» Wenn die Tarife, nach denen die Hausärzte ihre Behandlung bei den Krankenkassen abrechnen, sich in den nächsten fünf Jahren nicht verändern würden, dann könnten die Ärzte ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen, sagt er. Und zweitens: «Wir müssen sicherstellen, dass uns nicht Bereiche weggenommen werden, die zu unseren Kernkompetenzen gehören.» Lareida spricht dabei die Abgabe von Medikamenten durch Ärzte an Patienten an.

Die Aargauer werden im September an der Urne sagen, ob sie das wollen. Lanciert hat die Initiative der Ärzteverband.

Die globalen Seuchen

Was in der Zeit zwischen dem Beine absägenden Coiffeur und den Aussagen von Arzt Lareida geschehen ist, will der Ärzteverband der Bevölkerung mit einer Wanderausstellung erzählen. Zu sehen ist sie in grossen Arztpraxen und Spitälern. Die Ausstellung zeigt in wenigen Worten und Bildern, die politische Lage von 1803 bis heute und stellt ihr die Entwicklung der Medizin gegenüber.

Zum Beispiel das Jahr 1833, als die Heimarbeit vor allem in der Textil- und Tabakindustrie im Aargau zentral war. Das erzeugte neue Krankheitsbilder: In den ungesunden Webkellern und engen Stuben verbreitete sich die Schwindsucht. Die später als Tuberkulose erkannte Krankheit betrachtet man damals noch als seelisches Leiden. Nachgewiesen wird der Tuberkulose-Erreger erst 50 Jahre später.

Der geschichtliche Abriss zeigt auch, wie die Schweiz die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen in den Griff bekommen will und welche medizinischen Herausforderungen unsere Zeit mit sich bringt: Seuchen, die sich durch wachsende Mobilität rasch ausbreiten.

Auch wenn Lareida und Iselin die Zukunft der Aargauer Ärzte nicht rosig sehen, sagt Iselin: «Klar ist, 200 Jahre Ärzteverband sind nicht genug.» Und Hausarzt Lareida sagt versöhnlich: «Patienten ein Leben lang zu begleiten und sehen, was ich Gutes tue, hilft den Frust zu verarbeiten.»

Dann muss der Arzt los – sein Wartezimmer sei voller Patienten.