Abstimmung
Das sagen die Schüler und Studenten zum neuen Aargauer Stipendiengesetz

Aus der Sicht der Betroffenen: Schüler der Kantonsschule Wettingen luden Politiker zur Diskussionsrunde in die Mensa und konfrontierten sie mit Fragen zum Stipendiengesetz.

Jörg Meier
Merken
Drucken
Teilen
Mitglieder des Politikclubs der Wettinger Kantonsschule diskutierten am Dienstagabend in der Löwenscheune mit Grossratsvertretern und direkt Betroffenen über die Vor- und Nachteile des neuen Stipendiengesetzes.
5 Bilder
Schüler, Studenten und Parteien diskutieren über das neue Stipendiengesetz
Der Politikclub der Kanti Wettingen wollte aus erster Hand erfahren, warum der Aargau der knausrigste Stipendien-Kanton in der Schweiz werden will
Zwischendurch verteilte man sich an drei Tische, an denen einzelne Aspekte mit den anwesenden Grossräten vertieft diskutiert werden konnten.
Dabei zeigte sich, dass die allermeisten Mittelschüler die Vorlage ablehnen werden, sofern sie überhaupt abstimmen.

Mitglieder des Politikclubs der Wettinger Kantonsschule diskutierten am Dienstagabend in der Löwenscheune mit Grossratsvertretern und direkt Betroffenen über die Vor- und Nachteile des neuen Stipendiengesetzes.

Alex Spichale

Bisher waren bei den Diskussionen um das neue Stipendiengesetz die Politikerinnen und Politiker praktisch unter sich; entsprechend wurde auch vorwiegend finanz- und bildungspolitisch und oft auch recht theoretisch argumentiert. Dem Politikclub der Kanti Wettingen war das zu wenig. Deshalb setzte er einen Gegenpol und bat zum Polittalk und zwar für einmal aus Sicht der Betroffenen: Die Mittelschülerinnen und -schüler wollten aus erster Hand erfahren, warum der Aargau der knausrigste Stipendien-Kanton in der Schweiz werden will und wozu das gut sein soll.

Mia Jenni, 23, studiert in Zürich, aus Obersiggenthal «Momentan studiere ich Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich. Nebenbei absolviere ich diverse Praktika. Meine Eltern unterstützen meine Ausbildung finanziell, ich beziehe also keine Stipendien. Positiv ist, dass die Anpassungen des Kantons ans interkantonale Konkordat viel Gutes bringen. Zum Beispiel, dass auch Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung B auf Stipendien zugreifen können. Die anderen Änderungen, also die Sparmassnahmen, sind reiner Abbau. Ich sage Abbau, weil ich nicht daran glaube, dass der Kanton schlussendlich etwas einsparen wird. Die Änderungen treffen ausgerechnet die finanzschwächsten und sind unfair. Es wurde genug in der Bildung gespart.»
4 Bilder
Cybel Dickson, 19, Bad Zurzach, 4. Kanti «Ich bekomme jetzt schon Stipendien – den Höchstbetrag. Sonst ist meine Ausbildung an der Kantonsschule und vor allem das spätere Studium finanziell nicht tragbar. Sollte die Gesetzesänderung angenommen werden, werde ich trotzdem studieren gehen. Aber ich werde nebenbei arbeiten und sparen müssen. Ich denke, die psychische Belastung wird hoch sein und eventuell werde ich auch die Studienzeit verlängern müssen. Ich verstehe die Argumente der Befürworter der Gesetzesänderung. Natürlich muss gespart werden, aber warum ausgerechnet bei der Bildung? Ausserdem finde ich es nicht gut, dass man quasi zum Arbeiten während des Studiums gezwungen wird.»
Tobias Wiederkehr, 29, Lehrer, studierte in Bern «Während meines Studiums habe ich immer gearbeitet. Entweder als Tutor oder in Sonderschulen. Stipendien musste ich nicht beziehen, da mich meine Eltern finanziell unterstützt haben. Die Schüler in der Kanti Wettingen machen sich noch keine finanziellen Sorgen, was sich aber nach der Matur ändern könnte. Ich denke zwar nicht, dass nach einer Annahme des Gesetzes weniger studieren werden. Ich hatte einen Freund an der Universität, der manchmal mit 30 Franken über die nächsten drei Tage kommen musste. Das sind immense Belastungen, wenn man sich ständig Sorgen machen muss, mehr arbeitet und sich zusätzlich noch aufs Lernen konzentrieren soll.»
Annetta Schuppisser, 19, Tägerig, 4. Kanti «Ich habe das Glück, dass mir meine Eltern die Ausbildung finanzieren. Trotzdem werde ich während des Studiums arbeiten gehen, daheim wohnen und zur Universität nach Zürich pendeln. Bei der Abstimmung am 4. März werde ich ein Nein einlegen. Das neue Stipendiengesetz ist meiner Meinung nach unfair, man belastet dabei die Ärmsten. Ausserdem bezweifle ich, dass der Kanton Aargau durch die Gesetzesänderung überhaupt Geld einsparen kann. Weil dadurch mehr Studenten arbeiten gehen, wird sich die Studienzeit verlängern. Was ich jedoch gut finde, ist, dass der Aargau die Höchstbeiträge in der Sekundarstufe II dem interkantonalen Konkordat anpassen muss.»

Mia Jenni, 23, studiert in Zürich, aus Obersiggenthal «Momentan studiere ich Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich. Nebenbei absolviere ich diverse Praktika. Meine Eltern unterstützen meine Ausbildung finanziell, ich beziehe also keine Stipendien. Positiv ist, dass die Anpassungen des Kantons ans interkantonale Konkordat viel Gutes bringen. Zum Beispiel, dass auch Personen mit einer Aufenthaltsbewilligung B auf Stipendien zugreifen können. Die anderen Änderungen, also die Sparmassnahmen, sind reiner Abbau. Ich sage Abbau, weil ich nicht daran glaube, dass der Kanton schlussendlich etwas einsparen wird. Die Änderungen treffen ausgerechnet die finanzschwächsten und sind unfair. Es wurde genug in der Bildung gespart.»

Alex Spichale

Die beiden Grossräte Ralf Bucher (CVP) und Christoph Hagenbuch (SVP) traten als Befürworter des neuen Gesetzes auf, Grossrat Maurus Kaufmann (Grüne), Mia Jenni (Co-Präsidentin Juso) und Aurel Gautschi (Präsident Aargauer Schülerorganisationen) wehrten sich dagegen.

Verschiedene Mitglieder des Politikclubs teilten die Moderation unter sich auf. Alle Podiumsteilnehmer gaben zu Protokoll, dass sie während ihrer Ausbildung nicht auf Stipendien angewiesen waren oder sind; lediglich Ralf Bucher erhielt einst ein Darlehen von 5000 Franken vom Kanton, das er pünktlich zurückbezahlt hat.

Unklar, wie viel gespart wird

Bucher erklärte den Mittelschülern die finanzpolitischen Überlegungen, die zum Splittingmodell geführt haben: Der Kanton muss sparen, wo immer es möglich ist. Natürlich sei es für die Betroffenen nicht angenehm, wenn künftig ein Drittel der Studienbeiträge nur noch als zinsfreie Darlehen ausgerichtet würde, sagte Bucher. Und Hagenbuch doppelte nach: «Diese Regelung ist verkraftbar.»

Was wiederum von Mia Jenni energisch in Abrede gestellt wurde. Es widerspreche der Chancengleichheit, wenn sich ausgerechnet Studierende aus eher ärmeren Elternhäusern verschulden müssten. Und Aurel Gautschi wehrte sich gegen Hagenbuchs These, dass Studierende nach dem Studium rasch viel verdienen könnten. «Tatsache ist, dass viele Studierende nach Studienabschluss erst noch Praktika oder teure Zusatzausbildungen absolvieren müssen, bis sie ins Berufsleben einsteigen können.»

Maurus Kaufmann berief sich auf eine Statistik aus den Kantonen Uri und Wallis. Beide Kantone kennen das Splittingmodell – und in beiden Kantonen führte es zu einer merklichen Verlängerung der Studiendauer, da viele Studierende lieber neben dem Studium arbeiten, anstatt sich zu verschulden. Die längere Studiendauer führt aber zu höheren Kosten für den Kanton. Pro Jahr und Person entrichtet der Kanton 17'000 Franken Studiengebühren an die Universitätskantone.

Einhellig sagten die Gegner, es sei nicht klar, ob und wie viel der Kanton mit der neuen Regelung überhaupt sparen werde. Sowohl Bucher als auch Hagenbuch bestätigten, dass sich keine präzisen Voraussagen machen lassen, ob tatsächlich 2,4 Millionen Franken pro Jahr eingespart werden können. Zumal der Kanton ja zusätzliches Personal brauchen würde, um die rund 1200 Darlehen zu bewirtschaften, die pro Jahr gesprochen werden.

Auf die Frage der Moderatorin, wo man denn sonst in der Bildung sparen könnte, antwortete Kantonsschüler Aurel Gautschi: «Meiner Meinung nach könnte man ohne Verlust die Akzentfächer an der Kanti reduzieren oder ganz auf sie verzichten.» Da ging ein Raunen durch Löwenscheune der Kanti Wettingen. Christoph Hagenbuch präsentierte einen bekannten Vorschlag: Er möchte die Schulzeit bis zur Matur von 13 auf 12 Jahre verkürzen. Und Mia Jenni wehrte sich für die Akzentfächer, die sie früher sehr geschätzt habe. Zudem stelle sich die Sparfrage in der Bildung gar nicht. Die Frage sei vielmehr, wie der Kanton zu mehr Einnahmen komme.

Die Parolen der Parteien und Verbände: Darlehen sind fair – oder doch eher «Finger ab de Rösti»?

Die SVP sagt Ja zum neuen Stipendiengesetz. Das tut auch die FDP. Auch die Parteileitung der CVP schlug der Basis ein Ja vor. Doch der Parteitag fand die Argumentation der Jungen CVP gegen das Gesetz überzeugender und beschloss deutlich die Nein-Parole.

Die SP beschloss einstimmig die Nein-Parole, ebenso die Grünen, die BDP und die EVP; die EDU befürwortet das Gesetz.

Es gibt zudem ein Komitee «Ja zum Stipendiengesetz» und es gibt ein Komitee «Nein zum Stipendiengesetz». Dem Ja-Komitee gehören die CVP-Exponenten Marianne Binder und Peter Voser an, aber auch die FDP (mit Sabina Freiermuth und Lukas Pfisterer) und die SVP (mit Thomas Burgherr und Jean-Pierre Gallati) sind prominent vertreten.

Der Aargauische Gewerbeverband und die Industrie- und Handelskammer befürworten das restriktivere Gesetz ebenfalls, entsprechend machen sie auch im Ja-Komitee mit.

Breit abgestützt ist auch das überparteiliche Nein-Komitee. Das Co-Präsidium bilden gemeinsam Maya Bally (BDP), Jürg Baur (CVP), Therese Dietiker (EVP), Thomas Leitch (SP), Ruth Müri (Grüne) und Dominik Peter (GLP). Mit dem Gesetz sei die Chancengleichheit im Kanton nicht mehr gewährleistet; der Kanton Aargau katapultiere sich im Kantonsvergleich auf den letzten Platz, kritisiert das Nein-Komitee.

Mit der Petition «Finger ab de Rösti», die von über 1200 Personen unterzeichnet wurde, lancierten verschiedene Jungparteien gemeinsam den Kampf gegen das Gesetz, von dessen Auswirkungen praktisch ausschliesslich junge Aargauerinnen und Aargauer betroffen sind. Gemeinsam die Nein-Parole haben die Juso, die Jungen Grünen, die Junge CVP, die Junge GLP und die Schülerorganisationen der Kantonsschulen im Aargau beschlossen.

Die Jungfreisinnigen hingegen plädieren für ein Ja (Text rechts). Die Grünliberale Partei wird ihre Parole erst am 23. Februar beschliessen. (jm)

Mittelschüler denken anders

Zwischendurch verteilte man sich an drei Tische, an denen einzelne Aspekte mit den anwesenden Grossräten vertieft diskutiert werden konnten. Dabei zeigte sich, dass die allermeisten Mittelschüler die Vorlage ablehnen werden, sofern sie überhaupt abstimmen. Und dass sie wohltuend ausserhalb der klassischen politischen Denkmuster funktionieren.

So entwickelte einer der Schüler bereits eine mögliche Lösung, wie er trotz dem neuen Gesetz Stipendien beziehen könnte, ohne sich zu verschulden: «Ich würde den Darlehensanteil sofort wieder zurückzahlen und nur den Stipendienanteil behalten.» Alles in allem: ein gelungener Anlass mit ungewohnten Fragen und gut zuhörenden Teilnehmenden auf dem Podium. Die Initianten der Staatskunde-Initiative hätte ihre helle Freude am gutbesuchten Anlass und am freiwilligen Politikclub der Kanti Wettingen gehabt.