Hochuli-Rücktritt
Das Kopfschütteln kümmert sie kaum – denn die barfüssige Regierungsrätin bleibt sich selber treu

Überraschend war ihre Wahl in die Regierung, überraschend, aber logisch ist der angekündigte Abgang von Susanne Hochuli.

Jörg Meier
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2009: Die Grüne Susanne Hochuli wird in den Regierungsrat gewählt. Gartenarbeit diente ihr auch während ihrer Regierungszeit immer wieder als Ausgleich.
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Susanne Hochuli mit Pferd und Hund in ihrer Heimat an der Suhre.
2010: in ihrem zweiten Jahr als Chefin des Departementes Gesundheit und Soziales
2010: Truppenbesuch im Panzer. Ungewohnt für eine Grüne, aber selbstverständlich für eine Regierungsrätin mit Zuständigkeit Militär.
2011: Gruppenbild mit Dame. Der Gesamtregierungsrat posiert.
2011: Asyl-Aufstand in Bettwil. Ein Traktor blockiert Hochulis Fahrzeug aus Protest.
2012: Die Aargauer Gesundheitsministerin empfängt Bundesrat Alain Berset.
2012: Von Grün zu Grün: Mit Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann auf Schloss Lenzburg
2012: Susanne Hochuli ist zum ersten Mal Frau Landammann.
Alt Nationalrat Ulrich Siegrist gratuliert Frau Landammann Susanne Hochuli beim Apéro
2013: Susanne Hochuli bei sich auf dem Bauernhof mit Flüchtlingen.
2013: Hochuli wurde bald zur national bekannten Politikerin. Hier im Talk mit Roger Schawinski.
2014: Susanne Hochuli ist national bekannt. Hier am Swiss Award.
Susanne Hochuli beim grossen Interview als Landammann 2016.
2016: Hier muss sie den Safenwilern erklären, warum bei ihnen ein Asylheim eröffnet wird. Sie scheiterte schliesslich am Widerstand im Dorf.
2016: Ihr Dossier Asyl wurde von Jahr zu Jahr dominanter. Hier im TalkTäglich gegen Intimgegner Andreas Glarner.

2009: Die Grüne Susanne Hochuli wird in den Regierungsrat gewählt. Gartenarbeit diente ihr auch während ihrer Regierungszeit immer wieder als Ausgleich.

Aargauer Zeitung

Sie polarisiert. Sie irritiert. Sie überrascht. Überraschend war bereits ihre Wahl als erste grüne Regierungsrätin im Jahr 2008. Wer damals genau hingehört hatte, wusste, was auf den Aargau zukam: «Mein Standpunkt als neues Regierungsratsmitglied ist ein anderer als der von altgedienten», sagte Susanne Hochuli unmittelbar nach ihrer Wahl.

Und: «Der Stil wird sich ändern, das Selbstverständnis der Amtsausführung auch.» Sie hat Wort gehalten.

Unübliche Biografie

Für eine Politlaufbahn weist Susanne Hochuli eine eher unübliche Biografie auf: Ausbildung als Kindergärtnerin, Wechsel in den Journalismus, Anstellung bei der «Berner Zeitung». Nach dem plötzlichen Tod des Vaters kehrt sie 1990 nach Reitnau zurück und übernimmt den elterlichen Hof, stellt ihn auf Bio um und lässt sich zur Reittherapeutin ausbilden.

2004 wird sie für die Grünen in den Grossen Rat gewählt. Dass sie völlig unerwartet und erst noch im ersten Wahlgang zur Regierungsrätin gewählt worden ist, erfährt sie, als sie am Wahlsonntag 2008 vom Abhängen der Wahlplakate zurückkehrt.

In der Regierung übernimmt sie das Departement Gesundheit und Soziales. Am Anfang tut sie sich schwer in der neuen und ungewohnten Umgebung; aber sie lernt das Regieren rasch. Zupackend, partizipativ, entschlossen.

Und sie fällt auf, verhält sich häufig ganz anders, als man sich das von Regierungsräten gewohnt ist. Sie sitzt in der Mittagspause auf der Treppe vor dem Regierungsgebäude und isst ein Sandwich. Sie ist im Sommer oft barfuss unterwegs.

Sie kleidet sich modisch und verändert ihr Aussehen, wenn sie dazu Lust hat. Und sie beweist, dass regierungsrätlicher Ernst und Fröhlichkeit einander nicht zwingend ausschliessen.

Fettnäpfe aller Art

Regierungsrätin Hochuli tritt unbekümmert in verschiedenste Fettnäpfe aller Art, die in der Aargauer Politlandschaft eingegraben sind: Sie verkündet, dass sie keine Billag-Gebühren zahlt. Sie geht lieber an die Lenzburgiade als ans Feldschiessen; sie thematisiert am Eidgenössischen Schützenfest die Initiative «Schutz vor Waffengewalt».

Das führt zu heftiger Kritik vonseiten der FDP, die fordert, man möge der Regierungsrätin schleunigst das Militärdossier entziehen. In der Folge lernt Hochuli schiessen, findet Gefallen am Schiesssport, absolviert das Obligatorische.

Sie bezeichnet sich zwar als Pazifistin, steht aber zur Schweizer Armee, die sie als militärische Bereitschaftstruppe für Einsätze bei Katastrophen, bei der Bedrohung des inneren Friedens oder auch für friedensstiftende Auslandeinsätze sieht.

Landesweite Aufmerksamkeit

Sie kennt keinerlei Berührungsängste gegenüber dem Volk, beteiligt sich immer wieder hoch zu Ross an den Freischarenmanöver in Lenzburg oder umrundet in den Sommerferien in 16 Tagen zu Fuss und nur in Begleitung ihrer Hündin Mira den Aargau. Und sie geht mit dem guten Beispiel voran und nimmt bei sich zu Hause eine Flüchtlingsfamilie auf.

Freischarenmanöver mit Susanne Hochuli
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Susanne Hochuli, Aargauer Regierungsrätin, anlaesslich des Lenzburger Freischarenmanövers, ein Landschaftstheater rund um das Schloss Lenzburg.
Susanne Hochuli, Aargauer Regierungsrätin, anlaesslich des Lenzburger Freischarenmanövers, ein Landschaftstheater rund um das Schloss Lenzburg.
Susanne Hochuli am Freischarenmanöver von 2012.

Freischarenmanöver mit Susanne Hochuli

Chris Iseli

Virtuos beherrscht die ehemalige Journalistin Hochuli auch den Umgang mit den Medien. Ihre Auftritte etwa bei «Giacobbo/Müller» oder «Schawinski» bringen ihr eine landesweite Bekanntheit und rücken dabei auch den Aargau in ein anderes, positiveres Licht.

Sie schreibt regelmässig Kolumnen für die «SonntagsZeitung», in den sie aus ihrem Leben als Regierungsrätin erzählt, nutzt gekonnt die sozialen Medien. Das Tagebuch ihrer politisch umstrittenen Eritrea-Reise veröffentlicht sie in der Sonntagspresse.

Andererseits versteht sie es auch meisterlich zu schweigen, wenn es nichts zu sagen gibt – oder wenn sie nichts sagen will. Geschickt gewählt ist auch die Dramaturgie rund um die Bekanntgabe ihres Abganges von der Politbühne. Lange lässt sie offen, ob sie nochmals für den Regierungsrat kandidieren wird.

Damit irritiert sie politische Gegner und sorgt für Aufmerksamkeit. Sie wartet bis zur nachrichtlichen Sommerflaute – jetzt nimmt man in der ganze Schweiz prominent zur Kenntnis, dass Susanne Hochuli «wieder selber über ihr Leben und ihre Agenda bestimmen will».

«Verabschieden Sie sich endlich»

Susanne Hochuli hat den vielleicht schwierigsten Job, den der Kanton zurzeit zu bieten hat: Sie ist zuständig für das Asylwesen. In dieser Funktion erlebt sie oft Ablehnung, Niederlagen und Kritik unter der Gürtellinie.

Es beginnt im Jahr 2011 bei der Auseinandersetzug um die letztlich gescheiterte Unterkunft für 140 Asylbewerber in Bettwil, als die Regierungsrätin öffentlich beschimpft wird und setzt sich seither mit zuverlässiger Regelmässigkeit fort: Was immer auch vom Departement Hochuli kommt, steht zuerst einmal in heftigem politischen Gegenwind.

Dabei werden die Gegner oftmals auch überaus deutlich: «Frau Hochuli, verabschieden Sie sich endlich von der Politik», verlangt Volkstribun und SVP-Grossrat Wolfgang Schibler Anfang dieses Jahres.

Genau das tut sie jetzt. Aber nicht, weil Wolfgang Schibler sie dazu aufgefordert hat. Sondern sie hat eine Standortbestimmung vorgenommen und dabei erkannt, dass sie in ihrem Leben die Prioritäten künftig anders setzen will. Das grosse Kopfschütteln ringsum wird sie wenig kümmern.