«Das Kino wird auch diese Krise überstehen»

Trotz Corona, Konkurrenz durch Netflix und mehrerer Schicksalsschläge in der Familie: Die Badener Kinounternehmerin Alexandra Sterk lässt sich ihren Optimismus nicht nehmen.

Interview: Pirmin Kramer
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«Wir leben vom Ersparten. Aber wir wissen: Es kommen auch wieder bessere Zeiten»: Alexandra Sterk im Badener Kino «Trafo».

«Wir leben vom Ersparten. Aber wir wissen: Es kommen auch wieder bessere Zeiten»: Alexandra Sterk im Badener Kino «Trafo».

Bild: Severin Bigler (26. November 2020)

Wer mit Alexandra Sterk in ihrem Büro im Badener Trafo sprechen will, muss zuerst an Marilyn Monroe und Humphrey Bogart vorbei. Die zwei Film-Ikonen hängen als Poster in Lebensgrösse an der Wand im Treppenhaus. Sie erinnern an die Blütezeiten des Kinos – an Zeiten, von denen das Familienunternehmen Sterk derzeit nur träumen kann.

Das Coronavirus verdirbt das Geschäft. Die Säle des «Elite»-Kinos in Wettingen sind momentan gar ganz geschlossen. Doch das Familien- unternehmen hat schon ebenso schwierige Zeiten überlebt: Zwei Weltkriege und die Pandemie vor 100 Jahren zum Beispiel. Geschäftsführerin Alexandra Sterk sagt: «Es ist brutal im Moment. Aber die Gesellschaft wird das Kino immer brauchen. Wir wurden schon oft totgesagt.»

Wie viele Leute schauen sich derzeit in Baden im Schnitt einen Film an?

Alexandra Sterk: Ungefähr zwölf. Rund dreissig bräuchten wir, um zumindest nicht rückwärts zu machen.

Und wie stark ist der Besucherrückgang gegenüber dem Vorjahr?

Mehr als sechzig Prozent.

Wird das Unternehmen Sterk die Krise überleben?

Es kommt darauf an, wie lange die Coronapandemie noch dauert. Einige Monate können wir sicher noch durchhalten. Im Moment leben wir aber vom Ersparten. Entscheidend wird auch sein, ob und wann wir Ausfallentschädigungen vom Kanton erhalten, die wir als Kulturbetrieb beantragen konnten. Bisher wurde leider noch kein Rappen überwiesen. Die Stadt Baden hat zwar auch Gelder für Kulturbetriebe in Aussicht gestellt, aber erst 2021. Das Problem ist, dass wir kaum Möglichkeiten haben, um zu sparen. Ausser, dass wir einzelne Kinos schliessen.

Nach wie vor offen sind die Badener Kinos, also die fünf Säle im Trafo und die zwei im «Sterk» beim Bahnhof. Die Wettinger Kinos aber sind zu. Hat das «Elite» noch eine Zukunft?

Solange sich die Situation nicht entschärft, bleibt das «Elite» zu. In der jetzigen Situation ist es nicht wichtig. Auch in Baden zeigen wir weniger Filme als üblich.

Mussten Sie schon Leute entlassen? Ja, insgesamt rund eine Hand voll, in der Bar vor dem Trafo-Kino, bereits zu Beginn der Krise, noch vor dem Lockdown. Zudem haben wir nebenamtliche Mitarbeiter von der Liste gestrichen, die sich zum Teil schon lange nicht mehr für Einsätze eingetragen haben. Insgesamt haben wir rund 70 Angestellte, die meisten im Stundenlohn.

Warum wollen so wenige Leute ins Kino momentan? Es gibt doch gute Schutzkonzepte.

Eine gute Frage! Ich vermute, weil die Kinogänger vorsichtig sind, vorsichtiger beispielsweise als Partygänger. Es ist erstaunlich: Die Maskenpflicht erhöht zwar die Sicherheit, aber wir haben den Eindruck, dass die Besucherzahlen noch einmal zurückgegangen sind, seit Maskenpflicht gilt. Allerdings gab es in Schweizer Kinos noch keinen einzigen belegten Fall einer Corona-Ansteckung. Man kann sich wirklich sicher fühlen bei uns. Das Schutzkonzept funktioniert.

Wie sorgen Sie in Ihren Kinos für die Sicherheit der Besucher?

In unseren Kinos in Baden verfügen wir über Frischluftzufuhr. Das heisst, wir bereiten die Luft im Saal nicht auf, sondern ziehen ununterbrochen frische Luft von draussen ins Kino. Sie wird unter jedem einzelnen Sitz freigegeben. Und danach wird die Luft wieder nach draussen geblasen. CO2-Geräte messen, wie viel Frischluft es braucht. Zudem gilt wie gesagt Maskenpflicht, und es braucht mindestens einen Sitz Abstand zwischen den Gästen. Im Trafo haben wir sogar beschlossen, dass zwei Sitze Abstand zwischen den Besuchern eingehalten werden muss. Ich bin überzeugt davon, dass man sich bei uns sicher fühlen kann. Aber die Angst der Menschen ist nicht der einzige Grund für die tiefen Besucherzahlen.

Nämlich?

Es gibt viel weniger Filme als sonst, die auf den Markt gebracht werden und die Leute zu uns locken. In Deutschland und Frankreich gibt es Lockdowns. Dort sind die Kinos zu. Die Produktionsfirmen bringen die Filme darum gar nicht erst auf den Markt. Auch englischsprachige Filme gibt es viel weniger als üblich. Vor allem Blockbuster wie «James Bond», «Wonder Woman» oder «Fast&Furios» vermissen wir schmerzlich. Wir hoffen sehr darauf, dass der neue Bond wie angekündigt im März in die Kinos kommt. Diese Abhängigkeit vom Ausland macht es für uns nicht leicht.

Wie geht es den Sterks, also Ihnen, den Geschwistern und den Eltern? Es ist brutal. Wir haben keine Planungssicherheit. Wir leben leider von Tag zu Tag und hoffen das Beste. Es gibt so viele Unklarheiten. Wann kommt der Impfstoff? Gibt es eine dritte Welle? Macht der Kanton neue Auflagen?

Sie haben persönlich keine einfachen Jahre hinter sich: Sie sind mit 42, also vor fünf Jahren, an Brustkrebs erkrankt. Wie geht es Ihnen heute? Zum Glück gut, danke.

Hilft diese existenzielle Erfahrung, dass Sie mit der wirtschaftlichen Krise nun besser umgehen können?

Ja, manchmal. Aber der Unterschied ist: Wenn man erkrankt, kann man sich schnell klare Ziele setzen. Man überlegt sich immer, welches der nächste Heilungsschritt sein soll, und man richtet sein Leben gezielt darauf aus. Bei der Pandemie ist es nun ganz anders. Sie ist viel weniger fassbar. Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Zwar heisst es, bald komme ein Impfstoff, aber wie schnell dadurch Normalität einkehren wird, kann niemand sagen.

Ihre Familie musste vor drei Jahren einen weiteren Schicksalsschlag hinnehmen: Ihre Mutter wurde vor dem Kino Sterk von einem Auto angefahren und schwer verletzt.

Es war grässlich. Ich war gerade auf dem Nachhauseweg von der Arbeit im Trafo. Meine Mutter lag am Boden, die Steinplatten der Fassade waren eingeschlagen. Ein Bekannter wollte meinen Eltern ein Geschenk bringen mit dem Auto. Wahrscheinlich hat er die Pedalen vertauscht. Er fuhr rückwärts mit recht hohem Tempo erst in meine Mutter und dann in die Hauswand. Sie wird sich wohl leider nie mehr ganz erholen von den Schäden. Eine andere Frau stand auch beim Schaufenster, sie wurde zum Glück nur am Arm verletzt.

Ihre Eltern führten das Unternehmen jahrzehntelang, nun sind Sie und Ihre Geschwister Franziska und Martin am Ruder. Wie teilen Sie sich die Arbeit auf?

Wir sind stets in engem Austausch, betreuen aber alle unsere eigenen Ressorts. Meine Schwester ist ver- antwortlich für die Programmation, mein Bruder für das Personal, ich für die Finanzen. Die Eltern sitzen im Ver- waltungsrat, sind aber operativ nicht mehr tätig. Aber klar, wir tauschen uns noch aus. Gerade jetzt, in der Pandemie, besprechen wir uns wieder öfter.

Gab es für das Unternehmen schon einmal eine solch schwierige Phase wie jetzt?

Ja, ich denke schon. Wir haben schon einige schwierige Zeiten durchgemacht, unser Unternehmen gibt es ja schon lange. Eine grosse Herausforderung war mit Sicherheit die Spanische Grippe vor 100 Jahren. Leider gibt es dazu aber keine Unterlagen in unserem Archiv. Auch die Kriegsjahre waren nicht einfach. Unsere Grosseltern haben davon erzählt. Der Grossvater tauschte Kinofreikarten gegen Lebens- mittelkarten ein, um die Familie ernähren zu können. Essen gegen Vergnügen. In den Kinos konnte man nur wenig heizen, die Gäste kamen mit Pantoffeln und Wolldecken. Von all diesen Krisen haben wir uns erholt. Das Kino wird auch die aktuelle Krise überstehen. Der Sommer hat uns Hoffnung gemacht. Als die Ansteckungszahlen tief waren, hatten wir einige gute Wochen. Die Gäste kamen wieder ins Kino. Manche aus Solidarität. Andere, weil sie auf die grosse Leinwand einfach nicht verzichten können. Die Gesellschaft wird das Kino immer brauchen.

Das Problem ist doch: Die Pandemie ist nicht die einzige Herausforderung. Streaming-Dienste wie Netflix laufen dem Kino den Rang ab.

Wir wurden schon so oft totgesagt. Als das Fernsehen aufkam, als man Videokassetten und DVDs kaufen konnte, nun wegen der Pandemie und den Streaming-Diensten. Netflix und Co. machen uns schon zu schaffen. Aber das Erlebnis im Kino ist einfach besser. Ich sage immer: Zu Hause schaut man den Film, im Kino erlebt man den Film. Und zu Hause gibt es mehr Ablenkung. Im Kino kann man für rund zwei Stunden aus dem Alltagstrott ausbrechen. Das ist wichtiger denn je. Darum wissen wir: Es kommen auch wieder bessere Zeiten. Im Moment haben wir zudem die Möglichkeit, einige Netflix-Produktionen exklusiv zu zeigen, vor dem offiziellen Netflix-Start. Dieses Modell werden wir in Zukunft sicher vermehrt ausprobieren.

In Spreitenbach hat zudem ein Kino-Komplex eröffnet. Auch im klassischen Markt wird es nicht einfacher.

Auch diese Konkurrenz spüren wir, den Zürcher Kinos geht es genau so. In Spreitenbach werden aber Mainstream-Filme gezeigt, während in unseren Kinos auch kleinere Produktionen und Studio-Filme zu sehen sind. Unser Publikum tickt anders. Hinzu kommt, dass wir die Filme im Original und somit mit Untertiteln zeigen. Das führt dazu, dass wir viele Gäste aus der Region Zürich haben und aus dem süddeutschen Raum. In Deutschland werden fast alle Filme synchronisiert.

Letzte Frage: Welche Filme können Sie momentan empfehlen?

Wir zeigen gute Schweizer Filme! «Beyto», ein Film über einen türkischen Secondo, der sich zur Homosexualität bekennt. Der Film zeigt, wie die muslimische Welt mit Homosexualität umgeht. Wenn es ein Feelgood-Movie sein soll, empfehle ich «Eden für jeden» von Rolf Lyssy.